Weihnachten

Liebe Leserinnen und Leser,

im Johannesevangelium heißt es: „Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns“ (Joh 1,14). Gemeint ist, dass in Jesus Christus Gott Mensch geworden ist.

Gott wird Fleisch. Gott wird Mensch. Ein schlichter Satz, der doch die Heilsbotschaft des christlichen Glaubens wie kein anderer beschreibt. Dieser Satz schafft zugleich Distanz zwischen mir und dem Geschehen von vor über zweitausend Jahren. Das hat doch heute nichts mehr mit mir zu tun.

Es ist ein merkwürdiger Gedanke, dass Gott in einem kleinen Kind zur Welt kommt. Gott wird Mensch unter den Menschen. Er wird einer von uns. Ein merkwürdiger Gedanke, nicht nur vor über zweitausend Jahren, sondern auch heute: Gott ist hier auf Erden und nicht im Himmel. Eben kein alter, weißhaariger und bärtiger Mann. Zu Weihnachten zeigt er sich in der Gestalt eines kleinen Kindes.

Gott ist Mensch geworden. Das bedeutet: Er kommt in diese Welt und bejaht die Schöpfung; er genießt sie und erleidet sie: Er geht wandern, fischen, Boot fahren, Bergsteigen. Er bejaht das Leben; er lebt, mit allem, was dazugehört: Er feiert, trinkt Wein und genießt die Früchte der Schöpfung, hat Freunde und Feinde und arbeitet. Er bejaht das Menschsein – er wird schließlich selbst Mensch. Er lacht und weint, erfährt Freude und Leid, isst und trinkt. Er kommt, obwohl er von vielen zurückgewiesen wird. Er ist sich dazu nicht zu schade. Gott ist Mensch geworden mit allem Drum und Dran.

Fulbert Steffensky sagt darüber folgendes: „Ein Vater geht in die Knie. Wenn ein Vater mit seinem Kind spielt oder wenn er es tröstet, dann bleibt er nicht in seiner vollen Größe vor dem Kind stehen. Er geht in die Knie, er macht sich klein, er begibt sich in die Lage des Kindes. Dieser Vater macht sich immer auch ein bisschen lächerlich, wie er da auf den Knien rutscht und die Kindersprache spricht. – Gott wird Mensch, das erzählt die Weihnachtsgeschichte. Und in vielen Farben malt sie die neue Lächerlichkeit Gottes aus, der sich nicht in seine Macht und Überlegenheit festgekrallt hat. Er geht in die Knie, er erlebt das Leben aus unserer Perspektive, und er spricht die Sprache unseres Stammelns.“

Weihnachten ist eine Liebeserklärung Gottes. Gott wird Mensch, und so kann uns Gott ganz nahe kommen in unserem Leben und Sterben, Hoffen und Glauben, Streben und Zweifeln. Dieses Wunder, dieses Geheimnis von Weihnachten müssen wir nicht verstehen, dürfen es jedoch annehmen. Für mich sagt dieses Wunder von Weihnachten: Gott möchte uns nahe sein, und wir dürfen ihm nahe sein, und das nicht nur an Weihnachten, sondern jeden Tag unseres Lebens.

Ich wünsche Ihnen eine besinnliche Adventszeit und ein gesegnetes Weihnachten!
Benjamin Krieg