Die Pfarrchronik

Pfarrchronik Teil 5

und am Schluss des Jahres heißt es:

Dieses Jahr haben wir leider wieder ein betrübtes Jahr gehabt. Denn als sich die alliierte Armee Ihro Großbritannischen Majestät, welche in höchster Person selbst dabei waren und sich bei 6 Wochen lang zu Hanau aufgehalten unter dem Comando Ihro Excellenz Mylord Stairs in hiesiger Gegend zusammen gezogen. Kamen die Franzosen unter dem Comando des Marschals de Noailles welcher sein Hauptquartier zu Offenbach und dann auch zu Heusenstamm gehalten jenseits des Mains bei 80000 an der Zahl zusammen, unter welchen das königliche Haus oder die große Gensdarmerie zugegen waren, hierauf gingen die Franzosen den 22. Juni bei Seligenstadt über den Main über drei Brücken, worauf eodem eine blutige Aktion vorfiel, doch Gott sei dank zum Vorteil der Alliierten, dergestalt dass solche eine völlige Viktoria über die Franzosen erhalten, davon bei 14 000 auf dem Platz sollen geblieben sein, worunter sonderlich die Gensdarmen viel gelitten, hierauf gingen die Franzosen wieder über den Main, die Alliierten aber in die Gegend Dörnigheim, Bischofsheim und Kesselstadt, nach der Hand stellte sich die französische Armee erwähnter Gegend gegenüber und ging ihr Lager von Großsteinau (Steinheim) bis Heusenstamm. Die alliierte Armee bestand aus Engländern, Österreichern und Hannöverschen Truppen, zu welchen nach gehaltener Bataille die hessischen Truppen gestoßen und machten ungefähr aus 70 000 Mann (bestehen) während der Aktion waren die Tore zu Hanau geschlossen als nun ihre Durchlaucht Prinz Carl von Lothringen mit der Armee aus
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Bayern dem Lothringischen und Oberelsass zu rückte, brach die französische Armee am Morgen all hier in aller Eile auf, um nicht abgeschnitten zu werden, worauf die alliierte Armee den 10. August nachdem sie bei Dörnigheim ungefähr 6 Wochen gestanden, auch aufbrach und folgte der Französischen, die wieder über den Rhein gegangen dahin nach. Gott segne ihre Waffen weiter, damit unser Deutsches Vaterland einmal gänzlich von der französischen Gewalt befreit werde; indessen ist es in der hiesigen Gegend nicht ohne Fouragierung, die mich selbst betroffen, und großen Schaden abgegangen. Die Engländer haben sogar dass zeitige Korn niedergehauen im Herbst kamen noch hierher zu den Alliierten 20 000 Holländer, welche übel gehauset haben.

1745 folgt im Kirchenbuch nachfolgender Eintrag:

So reich wie bisher Gottes Gericht in unserem Lande ergangen, so haben sich dieselbigen auch dies Jahr wieder sichtbarlich unseren Augen dargestellt, den Winter wollte die Österreichische Armee unterm Kommando Ihrer Durchlaucht des Herzogs von Arenberg in hiesige Gegend einrücken, aber die französische Armee unter dem Herrn Marschall Maillebois spielte das präveniere in dem selbigen. Auf einmal den Main herüber ging und sich in hiesigen Lande einquartierte, wir bekamen hierher ein ganzes Regiment und den Daufin (?) darauf wich die österreichische Armee nach der Lahn und die französische ging nach, endlich aber kam die französische jenseits des Mains unter Kommando Ihrer Durchlaucht des Prinzen Conty (Condé) abermals zum Vorschein und blieben daselbst bis in den Sommer stehen. Weilen nun ihre Durchlaucht der Großherzog von Toscana aus Bayern und Böhmen mit einer starken Armee herzueilte und sich mit der Arensbergischen Armee
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zu Gelnhausen conjungierte so ging hierauf der Marsch auf Hanau, Rennel, Dortelweil, Nieder-Eschbach, Praunheim, Höchst usw. nachdem Rhein, da es denn zwischen beiden Armeen nicht ohne vielfältiges Scharmützel abging. Inzwischen brach die französische Armee jenseits des Mains auch auf einmal nach dem Rhein auf nachdem sie vorher alle Feldfrüchte abfourragiert hatte. Wir stunden damals in großer Gefahr, Angst und Not, die Leute vom Main aus Fechenheim und Dörnigheim mussten beinahe all flüchtig gehen. Doch der große Gott, welchem ewig Dank sei, hat die klugen Anstalten Ihrer Durchlaucht unseres gnädigsten Landesfürsten und der angesetzten Regierung dergestalt gesegnet, dass in hiesigem Amt und anderen Orten der Grafschaft Hanau bis dato alles glücklich abging. Bei der österreichischen Armee waren am fürchterlichsten die Panduren, Croaten, Warasdiner, Hanacken, Husaren und dergleichen welche aber dennoch nach Möglichkeit von ihren Chefs, den Generalen Bärenklau und Tips in Zaum und Ordnung gehalten worden. Die höchsten Generale bei dieser Armee waren nach ihrer Durchlaucht dem Großherzog der Herr General Traun, Bathyani und Carl Wolfy (?) wobei auch viele Holländer und Hannoveraner waren. Gott gebe doch endlich wieder den lieben Frieden und stehe uns ferner bei. Aschaffenburg und Höchst hatten die Franzosen grausam Fuß gemacht, verließen es aber auf einmal nachdem sie die Brücke zu Aschaffenburg gesprengt. Nun stehen diese bei der Armee am Rhein.

Auch während des 7-jährigen Krieges hat Creß einige Notizen eingetragen. So 1758:

Die französische Armee so bisher in unserem Land gelegen und ohngefähr 30 000 Mann stark war brach
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im Julio unter Prinz de Soubise auf und nahm von hier aus ihren Marsch nach dem Fürstentum Hessen. Das erste Lager hatten sie bei Friedberg und Dorheim an welchem letzten Ort alles an Früchten abfourragiert und eine grausame Verwüstung angerichtet wurde. Hierauf ging der Zug nacher Marpurg und Cassel , an welchen letzten Ort zwischen Sandershausen und Bettendorf (Bettenhausen) eine blutige Aktion zwischen der Avantgarde unter dem Duc de Broglio die 15 000 Mann ausmachte und unsere hessischen Soldaten unter dem Prinz von Isenburg, die 4000 Mann ausmachten, und aus den Regimentern Isenburg, Cannitz, gelben Dragonern und etwas hannöverschen und hessischen Jägern bestanden, den 22. Juli vorfiele. Die Aktion fing nachmittags um 2 Uhr an und dauerte bis in die Nacht. Des Morgens in aller Frühe zogen sich die Hessen zurück nach Hannöversch-Münden. Unsere Leute die Hessen haben dabei an Toten, Blessierten und Gefangenen 600, die Franzosen aber, wie sie selbst bekennen, 4000 Mann verloren und den besten Kern ihrer Truppen eingebüßt. Sie sagen, die Hessen hätten nicht wie Menschen, sondern wie Löwen gefochten. Die französischen Regimenter Bonvoisir, Rohan, de Pont und Zweibrücken (soll heißen Deux Ponts oder Zweibrücken) seien fast total minimiert worden und von den drei Companien zweibrückischer Grenadiere seien nur 6 Mann übrig geblieben. Gott stärke ferner das kleine Häuflein, gebe ihnen Mut und Sieg, zerstöre unsere grausamen Feinde, die uns bisher bis aufs Blut ausgemergelt haben und gebe uns den lieben edlen Frieden, damit wir ihn wieder loben können in der Stille zu Zion können. Herr tue es um Jesu willen.

Ferner am Ende des Jahres:

Das Hanauische Land muss von allem und jedem Früchte, Heu und Stroh 2/3 an die französische Armee unterm Prinzen Soubise abgeben und darf nur 1/3
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für sich behalten, das Fischersche Corps exequiert dato noch darauf mit allergrößter Strenge und Gewalt. Gott stehe uns bei und wende diese Land calamitäden von uns und allen unseren Nachkömmlingen in Gnaden ab. Die Franzosen haben das ganze Zeughaus zu Kassel ausgeleert und alle Artillerie samt alle Ammunition auf Hanau transportieret. 70 deren schwersten Kanonen lagen hinter der französischen Kirche auf der Erde binebst einer Menge Kugel und Bomben, allwo ich sie selbst mit großer Betrübnis benebst meinem Sohn am 7. November gesehen habe. Der Neustädter Markt stunde auch voller Kanonen. Herr sende uns doch die Erlösung aus Zion und gebe uns Gnade zur wahren Buße. Bei dem allem tut der Herr Wunder, denn die Früchte sind sehr wohlfeil. Zu Kesselstadt im Schloss, in der lutherischen Kirche, in der Remiß und im großen Wirtshaus haben die Franzosen Lazarette angelegt und es liegt alles voller Kranken.

So dann noch folgende Notizen:

1760, 11. Juni hat das französische Regiment Zweibrücken beim Eschenheimer Wald im Feuer exerziert und zugleich eine Lustbataille gehalten. Der Herr Marschall Herzog von Broglio, seine Gemahlin, der Herzog von Meiningen, seine Gemahlin und noch mehrere fürstliche Personen waren zugegen.

Den 12. Juni musste eine garstige Hur aus Frankfurt durch 400 Mann von dem Bataillon Zweibrücken, was hier liegt, sechs Mal Spießruten laufen, nachdem sie vorher mit allerlei Farben im Gesicht war bestrichen, bemalt worden.

1761. Das Gott ein gerechter Gott ist und bleibe habe ich abermals erfahren. Johannes Meusenhold von hier sollte mit einem französischen Reuter boten gehen.
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Um sich aber dessen zu entledigen, führte er solchen in mein Haus und entspringt, worauf mich der Reuter angreift, mir die Pistol mit aufgezogenen Hahn auf die Brust setzte und mich erschießen wollte, wenn ich ihm nicht seinen Boten schaffte. Ich übergab also diese Sache meinem Gott in der Stille. Gleich darauf wurde dieser vom Förster zu Eschersheim geschossen und den 22. September Nujus ist ihm gar sein Haus über dem Kopf zusammen gefallen. Gott wolle ihn bekehren, ihm seine Sünde vergeben und ihm Gnade zur Buße geben.

Die Schlacht bei Bergen (1759) obgleich der Schauplatz derselben so nahe war, tut Creß keine Erwähnung. Es ist nur von einer Sauvegarde für das Pfarrhaus die Rede, welche aus der Kirchenkasse bezahlt wurde!! Dagegen schreibt er 1762:

Hoc anno hat uns Gott aus gerechten und heiligen Ursachen hart heimgesucht, denn als die französische Armee unter Marschall Prinz Soubise aus Hessen retirieren musste, so kam die Reserve davon unter dem sächsischen Prinzen Xaver, die mehrenteils auch aus sächsischen Truppen bestunde, im Monat August und September bei Bergen zu stehen, weilen nun noch alle Sommerfrüchte auf dem Feld stunden und von wegen der großen Dürre im Frühjahr und dem darauf im Sommer erfolgten häufigen und beständig anhaltenden Regenwetter davon nichts nach Hause tun konnten, so fing die Cavallerie sogleich an zu fouragieren und ruhte nicht ehender bis alles fort war. Die Wiesen wurden ausgefuttert, alles Obst und Gemüs auf dem Feld und in den Gärten abgerissen, das Tor am Pfarrweingarten ausgehoben und verbrannt und in Folge hiesigem Ort ein Schaden von 10 000 fl., mir aber ad
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842 fl. 15 Albus zugefügt. Sie hatten die Frucht im Lager zum Teil ausgedroschen und verkauft, als aber das Lager aufbrach, so lagen die Haufen Früchte in Bergen beim Gericht Stockwerk hoch aufeinander. Niemand konnte davon etwas genießen, weilen der Regen alles verdorben hatte, wann ……… die Berger Gemeinde ihr Vieh darauf trieben und fett machten.

Vorher stund die Bagage von dem Prinzen Condéschen Hilfskorps dass vom Niederrhein heraufgekommen war auf unserer Gemeindeweide und diese taten den größten Schaden an Obst, Bäumen, Hecken, Thoren und besonders den Pfarrgärten. Hierbei ist noch besonders zu merken, dass die Infanterie von erwähntem Reserve Corps unter einer starken Bedeckung mit Trommeln und Pfeifen in unser Kraut, Rüben und Kartoffel täglich zogen und alles kahl und rein ausmachten, sodass sie den Menschen ihre Lebensmittel also auch dem Vieh den nötigen Unterhalt entzogen. Gott schenke uns doch wieder den lieben und edlen Frieden und bewahre alle unsere Nachkömmlinge vor dergleichen Landschaden und verzeihe auch denen ihre Sünde, die als Müßiggänger und Bösewichter davon dermalen der Ort voll ist, auf den Feldern und in denen Gärten ebenwohl wie die Soldaten und Marketender aber mehrenteils bei Nacht geraubt und geplündert haben, und welchen der Aufbruch der Armee leid war, weilen sie nicht mehr unter dem ??Rrutext?? solcher stehlen konnten. Hic series rerum.

Der Krieg hatte einen sehr entsittlichenden Einfluss auf die Gemeinde ausgeübt, was auch folgender Eintrag bestätigt:

Ich muss den meisten hiesiger Gemeinde zur Schande hierher notieren, dass wie sie fast den ganzen Krieg
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hindurch wenig oder gar nicht zur Kirche gekommen sind, weilen Zucht und Ehrbarkeit erloschen, so ist verwichenen Sonntag als den 28. November aus den 1. Advent kein Mensch, ausgenommen der Michael Clees und seine alte Stiefmutter, in der Kirche gewesen und ich habe den leeren Stühlen predigen müssen, wenn nicht viele Herren Offiziers und gemeine Soldaten von dem nationalen Regiment Elsass, davon ein Bataillon in hiesigem Ort lag, in der Kirche gewesen wären welche sich zum Teil selbst über die Kaltsinnigkeit hiesiger Einwohner in den gottesdienstlichen Pflichten ärgerten.

Endlich schlug die Stunde, wo der heiß ersehnte Frieden zu Hubertusburg geschlossen wurde. Cress berichtet darüber 1763:

Den 3. November 1762 wurden dem barmherzigen Gott sei Dank die Friedens Präliminarien zwischen England und Frankreich zu Fontainebleau unterzeichnet und darauf den 15. November 1762 der Waffenstillstand bei Amoeneburg auf der Brücke zwischen beiden Feldherren Prinz Ferdinand von Braunschweig und Prinz Soubise unterzeichnet wenigen nicht sogleich bei beiden Armeen proklamiert, in Folge unserer bisherigen Not und Elend ein wünschenwertes Ende gemacht. Gott nehme all unsere Nachkömmlinge in seinen allmächtigen Schutz und bewahre sie in Gnaden für allem dem Jammer, den wir sieben Jahre lang während diesem landesverderblichen Krieg ausgestanden haben. Besonders wolle Gott die schreckliche Viehseuche die sich nun nach geendigtem Krieg in hiesiger Gegend und Landen unter dem Hornvieh eingestellt hat, steuern.
Am 6. März 1763 wurde auf Anordnung der Landesherrschaft das Friedensdankfest gefeiert. Cress sagte dabei: Dieses Fest ist umso erfreulicher, weil den
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