Die Pfarrchronik

Pfarrchronik Teil 18

17. Jahrhundert

Obwohl in diesem Jahrhundert bereits die eigenen Aufzeichnungen des Pfarramtes Preungesheim beginnen, möchte ich darauf hinweisen, dass sie wesentlich ergänzt werden nicht nur durch die seitens der vormaligen Ortsbehörde bei dem hiesigen Stadtarchiv deponierten Sachen, die übrigens meist aus späterer Zeit sind, sondern vor allem durch die – wenn auch nur noch unzusammenhängend erhaltenen Archivalien der hanauischen Regierung und des Konsistoriums daselbst. In Fragen betreffend Nachweisungen über Grundvermögen kann dies u. U. auch noch von praktischer Bedeutung sein. Auch das Archiv des Deutschen Ordens, nach dem ich selbst schon einmal mich befragte, muss noch manche Nachricht enthalten. Ein kleiner Teil davon ist im Stadtarchiv Ffm. deponiert. Andere Teile werden in Mergentheim und in Wien vermutet. Da der Deutsche Orden seit 1275 das Patronatsrecht über die St. Gallus-Kirche zu Preungesheim besaß und im 14. Jahrhundert Patres seines Hauses mit der hiesigen Pfarrei betraute, so ist z.B., zu vermuten, dass sein Archiv Nachrichten über viele von ihm zum Pfarramt Preungesheim präsentierte Geistliche, auch aus der Zeit nach Einführung der Reformation in der Grafschaft Hanau, enthält, sowie Nachrichten über fromme Stiftungen.

18. Jahrhundert

Dass 1716 an der Kirche gebaut wurde, ist bereits erwähnt; auch die Anbringung dieser Jahreszahl am später wieder zugemauerten nördlichsten Westportal. Ich trage die Anbringung dieser Jahreszahl am Fuße der die Kanzel tragenden Säule nach. –

Was den Umfang der damaligen Bauarbeiten an der Kirche betrifft, so scheinen sie sich außer dem Abbruch des Chors auf Festigung – und vielleicht Neuaufführung an einigen Stellen – des Mauerwerks und Erstellung eines neuen Daches und einer neuen Kirchenraums-Decke beschränkt und eine gleichmäßige Gestaltung der Fenster mit Neuerstellung der drei (sog.) oeil-de-boeuf-Fenster angestrebt zu haben. –

Wer mit Gemeindegliedern, sei es Jugend, seien es Erwachsene, einen Nachmittagsausflug nach dem Heiligenstock unternimmt, hat dort Gelegenheit, die in den Mauern steckenden Geschützkugeln aus dem 7-jährigen Krieg (Schlacht bei Bergen) zu zeigen und zu ermuntern zur Dankbarkeit gegenüber Gott, dass er unsere Heimat seitdem vor den Schrecken eines Krieges im Lande bewahrt hat,
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Ev (= Eventuell??) durch den Führer auch vor den Schrecken (Spanien!) eines Bürgerkrieges! eine Mahnung zur Treue gegenüber Gott und Vaterland, zur Einigkeit und Tapferkeit kann diese verrostenden Eisenkugeln noch zu beredten Predigern von längerer als menschlicher Lebensdauer machen.

19. Jahrhundert

Gleichem Zwecke kann beim Vorüberkommen am allbekannten Zoologischen Garten ein Hinweis auf den – nahe der Umzäunung des Gartens, noch innerhalb desselben stehenden, mit einer Erinnerungstafel versehenen – großen Baum dienen, unter dem stehend 1813 Napoleon bei dem Rückmarsch von Leipzig nach Frankreich seine geschlagene Armee an sich vorüber ziehen ließ.

Ich schließe diese ortsgeschichtlichen Notizen mit der kurzen Wiedergabe einiger Ereignisse, von denen alte Gemeindeglieder mir gelegentlich meiner Besuche erzählten.

„In napoleonischer Zeit“ habe ein französischer Cavallerie-Wachtmeister im Auftrag seiner Truppe Lieferung von Getreide, Heu und Stroh, verlangt. Der Schulze (Dorfschulze von Preungesheim) habe gesagt, dass das Dorf bereits völlig ausgesogen und es nicht mehr möglich sei, noch weitere Lieferung zu beschaffen. Da habe ihn der Wachtmeister fesseln, einem Pferde „an den Schwanz binden“ (rectius wohl: mit einem ein paar Meter langen Seil am Sattelknopf festmachen) und dann von dem zu rascher Gangart angetriebenen Pferde durch den Ort schleifen lassen. Dann habe er sein Ansinnen unter weiteren Androhungen wiederholt. —

Als im Zuge der Turmreparaturen das Turmkreuz zeitweilig abgenommen worden und – vollständig, auch mit dem Hahn – im Kirchenraum an der Westwand des südlichen Vorbaues als dem die beste Schonung gewährenden Platze abgestellt worden war, sprach natürlich alles von dem Turmkreuze, auch zu Hause. So hörte auch ein sehr altes Gemeindeglied davon, das mir dann berichtete: In seiner Jugend habe man erzählt, dass die Anbringung des Turmkreuzes von einem Zimmermann von Hanau, bzw. dessen Sohn ausgeführt werden sollte. Der habe u.a. den Spitzenbalken eingesetzt, in den bereits vor dem Einsetzen ein senkrechtes Loch gebohrt worden sei zur Aufnahme des senkrechten eisernen
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Längsbalkens des Turmkreuzes. Das Aufsetzen des Kreuzes hatte dann durch einfaches Versenken in die Öffnung nebst nachfolgendem festen Hineinschlagen der Eisenstange in das Holz zu geschehen. (Herr Synodalbaumeister Schöppe und ich sahen uns bei Abmontierung der obersten Turmhelmbalken das obere Ende des Spitzenbalkens nach Entfernung des Turmkreuzes an und äußerten noch unsere Bewunderung, dass ein auf so einfache Weise befestigtes schweres Kreuz so viele Jahrzehnte gut gehalten hatte. Was bei der Befestigung des Kreuzes im Balken geschehen war, ahnten wir freilich nicht.)

Als das Kreuz in den Spitzenbalken eingesetzt werden sollte, beauftragte der Meister damit seinen Sohn. Er selbst trat unten vor den Turm, um zu kontrollieren, ob es richtig sitze.

Wie nun der Meister unten steht und nach seinen Sohn hinauf schaut, hört er den plötzlich fragen: „Vater, in welches Loch soll denn das Kreuz eingesetzt werden?“ Da stößt der Vater, der ahnt, dass sein Sohn vom – sonst nicht gekannten – Schwindel erfasst worden ist, den Gebetsseufzer aus: „Gott sei deiner arme‘ Seele gnädig.“

„Noch in dem er das sagte“, erzählt bewegt der alte Mann, „kam schon der Sohn herunter gestürzt und blieb tot liegen.“

Ich setze dem braven Handwerksgesellen, der bei der Arbeit an unserer Kirche sein junges Leben verlor, mit diesen Zeilen noch ein spätes Denkmal und bedauere, nicht Gelegenheit gefunden zu haben, wenigstens seinen Namen in Erfahrung zu bringen. Denn ich nehme an, dass es sich bei diesem Ereignis doch um eine spätere Zeit als 1756 (s. S. 34 unten) handelt. Auch würde mein damaliger, wertzuachtender – er hat mancherlei Tüchtiges geleistet – Vorgänger Pfarrer Cress ein solches Ereignis in seinem Bericht (s. ebenda) wohl nicht unerwähnt gelassen haben. –

Eine 90jährige, Frau Riddel, zeigte mir bei einem meiner Besuche ihren noch sehr wohl erhaltenen Katechismus aus dem sie – eine geborene Preungesheimerin – in ihrer Schulzeit in hiesiger Schule und in hiesigem Konfirmandenunterricht gelernt habe. Da kein Besitzernamen darin stand, bat ich sie, die Namen, die sie als Konfirmandin trug, als solchen vorn einzutragen – wodurch auch für etwaige künftige Interessenten die Identificierung der Ausgabe möglich ist -. Vermutlich ist dieser Katechismus diejenige Ausgabe, die auf Seite 105 dieses Buches unten erwähnt ist. Da die Pfarreirepositur kein Exemplar davon besitzt, hätte ich das Büchlein gerne für sie erworben, nahm aber davon Abstand, als ich zu meiner Freude merkte, dass die Besitzerin ihren Katechismus noch immer – z. B. zur Vorbereitung zum heiligen Abendmahle – benutzt. – Das ist auch ein Stück des stillen großen
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Segens der Krankenseelsorge, dass nicht nur beide hier Beteiligte in ihrem Glaubensleben gestärkt werden, sondern der Pfarrer neue Freudigkeit erlangt, wenn er – beschämt über manche kleinmütige Befürchtung – erlebt, wie treue Saat aufgegangen ist und durch ein langes Menschenleben voll Mühe, Sorge und mancherlei Leid edelste Frucht getragen hat! –

Bei der gründlichen Wiederherstellung (sie war die letzte große Reparatur in Kasseler Zeit, bei der auch Teile der Balken in der Decke der beiden im ersten Stock liegenden nördlichen Räume auf der Ostseite des Hauses stückweise erneuert werden mussten) des Daches des alten Pfarrhauses, die auch dessen abgelegenste Winkel freilegte, wurde eine Anzahl von Amtsblättern aus der „französischen Zeit“ und in französischer Sprache gefunden, die als eine Erinnerung an jene Zeit in die alte Repositur gelegt wurden. –

Das gleiche geschah mit einem Dachziegel, den der Dachdecker bei Reparaturarbeiten auf dem Scheuerdach und zwar am First von dessen westlichem Ende gefunden hat. Er trägt u.a. 3 Kreuze. Da er nicht mehr aus katholischer Zeit stammt – er mag vielleicht 150 – 200 Jahre alt sein – , scheint er insofern bemerkenswert, als er entweder ein Beispiel abergläubischer Vorstellungen (Glaube an magische Abwehr von Gefahren, insbesondere wohl des Blitzes – westliches Firstende! -, durch Anbringung religiöser Zeichen) ist oder ein Beispiel davon, dass man echt-christliche Segenswünsche in kürzeste schriftliche bzw. symbolisch-zeichnerische Form brachte, sowie z.B. der Analphabet auch seinen eigenen Namen in einfachsten Formen von Handzeichen andeutete. Ein Firmenzeichen ist es nicht, denn unter mehreren benachbarten gleichartigen Ziegeln trug nur dieser eine diese – ersichtlich mit einem Spachtel eingezeichneten – Kreuze.

Als die Stadt das verfügbare geworden Turmuhrwerk der Dreikönigskirche statt des etwas schwer zu bedienenden alten Turmuhrwerks in unserem Kirchturm anbrachte, machte der Turmuhr-Fachmann, der das neue Werk einbaute, darauf aufmerksam, dass das alte Uhrwerk insofern Beachtung verdiene, als es noch aus der Zeit stamme, in der man noch keine eisernen Schrauben und Muttern herstellen konnte. Alle Verbände sind in diesem Werk durch Splinte hergestellt, d.h. Keile und Zapfen, die in ausgeschmiedete Öffnungen eingelassen sind. Da ein anderer Platz damals
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nicht verfügbar war, wurde dies Uhrwerk nach dem Ausbau – von dem ausbauenden Uhrmacher auf unsere Veranlassung wieder vollständig zusammengesetzt – auf dem Kirchboden abgestellt, wo es, da dieser besonders abgeschlossen ist, vor Beschädigung gesichert ist. Es wäre zu wünschen, dass sich nach Beendigung aller Herstellungsarbeiten am Turm noch ein geeigneterer Aufbewahrungsplatz für es fände.

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Nachtrag betreffend Bibel des Simon von Schöneck

Als die Bibel Simons von Schöneck in der Frankfurter Bibelausstellung ausgestellt werden sollte, erhob sich (u.a. zwecks Charakterisierung im Ausstellungskatalog) die Frage, wie sie textlich und künstlerisch einzureihen sei. Die Frage war leichter zu stellen als zu beantworten. Bezüglich des Textes hat Dronke (s. S. 196) bemerkenswerte Einzelheiten mitgeteilt, wenn er auch die Eingliederung in eine Textgruppe der Vulgata nicht vorgenommen oder begründet hat. Aber bezüglich der künstlerischen Eingliederung der Handschrift befragte ich damals auch Fachleute vergebens.

Deshalb trage ich hier nach, was ich – allerdings erst in ganz neuer Literatur – zur Lösung dieser Frage fand. Alfred Stange schließt in seinem Werke „Deutsche Malerei der Gotik, Berlin, Deutscher Kunstverlag, 1934, Band I (=Zeit von 1250 – 1350), Seite 86 ff.“ eine Reihe von Kunstwerken zu einer „Hessisch-Mittelrheinischen Gruppe“ zusammen und stellt an den Anfang dieser Gruppe als Ausgangspunkte: – Die Bibel Simons von Schöneck. Als die Stücke dieser Gruppe nennt er – von den Ausläufern zum Ursprungswerk zurückgehend:

I. Den Kasseler (die Ortsbezeichnung bezieht sich auf die derzeitige Aufbewahrungsstelle) Willehalm (das ein Jahrhundert von dem 1216 verstorbenen Landgrafen Hermann von Thüringen dem Wolfram von Eschenbach in Auftrag gegebene Heldenepos. Von ihm sagt A. Salzer in seiner „Illustrierten Geschichte der deutschen Literatur“ Band I, Seite 256 die – auch für gelegentlichen Hinweis darauf in Rede und Unterricht beachtlichen – Worte: „Die Verbindung wahrhaft christlichen Sinnes mit körperlicher Tüchtigkeit und äußerem Anstand schafft nach Wolframs Ansicht den echten Ritter und erwirbt ihm Gottes und der Menschen Huld. Dieses Ideal des Rittertums verkörpert Parcival und noch mehr Willehalm, dessen Kämpfe mit den Heiden uns der Eschenbacher nach der ihm vom Landgrafen Hermann zugemittelten französischen Vorlage erzählt.“), 1334 im Auftrag des Landgraf Heinrich II. von Hessen hergestellt;

II. Den Altenberger Altar (früher im Kloster Altenberg, jetzt im Städelschen Kunstinstitut in Ffm. ), die Arbeit eines Marburger Künstlers;

III. Diesen Altarmalereien nahe stehend: Die Skulpturen der Landgrafengräber im Südchor der Elisabethkirche in Marburg (die Figuren der Trauernden, welche die Sarcophagwände umstehen) und Figuren am Lettner der Elisabethkirche.
Für beide „als Vorgänger“ gleich wichtig:

IV. Der Wiener (die Ortsbezeichnung bezieht sich auf die derzeitige Aufbewahrungsstelle) Willehalm von 1320.
Weiteres Glied der Gruppe: Das um 1300 geschriebene, in der Stadtbibliothek Ffm. befindliche, vielleicht für die Deutschordenskirche in Sachsenhausen bestimmt gewesene

V. Brevier (Ich halte – ohne jedoch Vergleichung haben machen zu können – für möglich, dass dies Brevier im Auftrag v. Schönecks von derselben Künstlerwerkstatt hergestellt wurde, wie die Miniaturen der Bibel und, dass das Buch als Geschenk v. Schönecks an die Deutschordenskirche Sachsenhausen, vielleicht aber auch an seine St. Gallus-Kirche in Preungesheim kam, aus deren Besitz es nachmals ein Frankfurter Patrizier erworben haben mag, von dem es dann an die Stadtbibliothek kam. Lic. S.)

Gemeinsame Wurzel:

VI. Die Bibel v. Schönecks, in der „nach Stanges Ausführungen – „Formkanon, Ausdruck und Bewegung“ schon dieselben sind, wie bei den späteren Werken dieser Gruppe.
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leer
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Teil 2 1924 – 1936

Nach dem Eintritt meines verehrten Herrn Vorgängers Herrn Metropolitan Fritsch in den Ruhestand war die Pfarrei Preungesheim vom 1.11. – 15.12.1924 vakant. Spezialvikar für die vakante Pfarrei war Herr Pfarrer Herchenröder, Eckenheim, der auch während des Urlaubs, der Herrn Metropolitan Fritsch gewährt worden war, bereits die Amtsgeschäfte versehen hat.

Die Verfügung des Konsistoriums mit der Ernennung zum Pfarrer von Frankfurt am Main-Preungesheim erhielt ich am 6.Dezember 1924, der Dienstantritt war auf den 16. Dezember 1924 festgesetzt. Gleichzeitig wurde aber mitgeteilt, dass ich den Umzug erst im Januar vorzunehmen brauche, jedoch müsse ich über Weihnachten und Neujahr den Dienst bereits versehen, insbesondere die Gottesdienste halten.

Am 4. Advent, 21. Dezember 1924, im Vormittagsgottesdienst führte Herr Generalsuperintendent D. Fuchs als Landespfarrer des Südsprengels der Landeskirche Hessen-Kassel mich ein und sprach mir dabei seine und des Kirchenregimentes (an dessen Neugestaltung ich als Mitglied der Verfassunggebenden Kirchenversammlung in Kassel mitgewirkt hatte) herzlichste Segenswünsche aus. Meiner Antrittspredigt legte ich den Text Joh. 4, 34 – 38 zu Grunde und nahm die Worte in Vers 37 „Dieser säet, der Andere schneidet“ zum Thema. Ich führte aus, dass ich mir bewusst sei, in hiesiger Gemeinde nicht als Erster den Grund zu evangelischem Glaubensleben zu legen, sondern ein Glied in einer langen Reihe von Pfarrern zu sein, die alle ihr Bestes im Dienst an der Gemeinde gaben. Für den Grund, den sie und speziell auch mein Herr Vorgänger gelegt hätten, wisse ich mich ihnen zu Dank verpflichtet, der nicht nur sachlich begründet sei, was ich näher ausführte, sondern auch eine persönliche Note trage. Denn ich habe meinen Herrn Vorgänger als meinen unierten Collegen gekannt und wegen seiner Treue in der kirchlichen Arbeit hoch geachtet. Sein Vorgänger sei ein Jugendfreund meines Vaters gewesen und dessen Vorgänger Konsistorialrat Carl habe einst meinen Vater ordiniert und ihm zur Erinnerung an den Ordinationstag seine Dichtung über die Evangelien verehrt, aus der ich die tiefe Religiosität des Verfassers kenne. – Andererseits sei alles „Schneiden“ zugleich der erste Schritt zu neuem Säen, dass ich beginne im Aufblick zu Gott und in der Erwartung, dass die Kirchengemeinde
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mir das Vertrauen, dass sie mir entgegen gebracht (denn von den Herren Collegen, die sich gemeldet hatten, hatte – nach damaligen Modus – dass Konsistorium 6 zu Gastpredigten aufgefordert. Von diesen hatte die Kirchengemeinde drei zu benennen, aus denen dass Konsistorium dann einen berief.) habe, bewahren und meine Arbeit an ihren Teil fördern werde. – Ein Chorgesang in diesem Gottesdienst mit dem betonten Refrain „Sei gegrüßt…..“ klang in meinem Herzen nach als tiefer Ersteindruck, der nachmals auch manche schwere Arbeit (vergl. Bausachen, Kirchensteuern, Mietsachen usw.) verklärt hat. Ich trat mein Amt an „im Vertrauen auf Gottes Hülfe und mit dem Entschluss, es mit Gottes Gnade solange gewissenhaft zu versehen, wie es Gott gefällt“. Nach dem Gottesdienst hieß mich Herr Lehr namens des Kirchenvorstandes herzlich willkommen mit den besten Segenswünschen für die gemeinsame Arbeit. Sie haben sich, wie ich rückschauend freudig und dankbar erkenne, erfüllt. Wir haben in gegenseitigem Vertrauen miteinander gearbeitet. Es bestand ein schönes Einvernehmen und gegenseitiges sich Verstehen, zumal mit denjenigen Mitgliedern, die dem Kirchenvorstand lange, bzw. dauernd angehörten.

Nach dem Gottesdienst fanden wir uns zur gemeinsamen Mittagstafel in der Gastwirtschaft Schack (Schöne Aussicht) zusammen, zu der meine Frau und ich Herrn Landespfarrer D. Fuchs, den Kirchenvorstand und die Familie meines Herrn Vorgängers gebeten hatten. Meine Personalien – sind:
Friedrich Wilhelm Schaefer, Licentiat der Theologie, Pfarrer, zweiter und jüngster Sohn des Pfarrers Gustav Christian Ludwig Schaefer in Aufenau und seiner Gemahlin Henriette Karoline Amalie, geb. Andreae, wurde am 13. Juli 1877 in Aufenau, Kreis Gelnhausen, geboren. Nachdem seinem Vater die Pfarrei Hochstadt (Kreis Hanau) übertragen worden war, empfing er dort von ihm – nach kurzem Besuch der Volksschule – den ersten Unterricht und später den Konfirmandenunterricht, in dem – ihm selbst damals natürlich noch nicht bewusst – vieles aus der Gedankenwelt
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A.F.C. Vilmars ihm nahe gebracht wurde, dessen Schüler der Vater als Gymnasiast gewesen ist und dem er zeitlebens eine hohe Verehrung bewahrte.

Ostern 1889 trat er in die Quarta des Gymnasiums zu Hanau ein, das er Ostern 1896 mit dem Maturzeugnis verließ, um die Universität Marburg zu beziehen, wo er theologische und juristische Vorlesungen hörte und die Prüfung im Hebräischen ablegte. Herbst 1897 bezog er die Universität Berlin, Ostern 1898 diejenige in Greifswald, um Herbst 1898 wieder nach Marburg zurück zu kehren, wo er im Herbst 1900 vor der Facultät die erste theologische Prüfung ablegte. Um die Jahreswende 1900/01 legte er in Kassel vor dem Herrn Generalsuperintendenten Pfeiffer das Teutamen und im Herbst 1903 vor dem königlichen Konsistorium in Kassel die II. Theologische Prüfung ab, nach dem er vom 15. T. 1904 ab an dem vorgeschriebenen 6-wöchigen Kursus im Lehrerseminar Schlüchtern teilgenommen und dann kirchengeschichtliche Archivstudien für seine Licentiatenarbeit gemacht hatte. Vom 1. T. 1903 bis 15. T. 1904 war er Lehrvikar bei Herrn Pfarrer Johannes Hattendorff in Fulda. Am 10. Januar 1904 empfing er die Ordination durch Herrn Superintendenten D. Pfeiffer in der Hof- und Garnisonkirche in Kassel, war dann Stellvertreter des erkrankten Pfarrers von Oberhülsa im Knüll, danach Stellvertreter des Pfarrers und Mitgliedes des Hauses der Abgeordneten Adam Meyenschein in Alten-Hasslau, später Stadtvikar an der Lutherkirche in Ffm. und dann wieder Pfarrgehilfe für das Kirchspiel Altenhasslau. Vom 1.I.1906 an wurde ihm auf Präsentation S.D. des Fürsten Friedrich Wilhelm zu Ysenburg und Büdingen in Wächtersbach das Pfarramt Schlierbach Kreis Gelnhausen, übertragen, in dem er bis zu seiner Ernennung zum Pfarrer von Ffm.-Preungesheim gewirkt hat. 8 Jahre, bis in seine ersten Preungesheimer Amtsjahre, war er I. Vorsitzender der Konferenz der evangelischen Pfarrer im Gebiete der Hanauer Union (sogen. „Gelnhäuser Conferenz“) und als solcher geborenes Mitglied der von der Conferenz im Jahr 1884 mitbegründeten Evangelischen Kinderheilanstalt in Bad Orb, die er von der starken katholischen Einflussnahme, welche Platz gegriffen hatte, wieder befreite und zu dauernder Wahrung des als unzweifelhaft wieder festgestellten Evangelischen Charakters der Anstalt an den Landesverein für Innere Mission in Kassel anschloss. Für ausgedehnte Kriegsfürsorge- und Kriegshilfe-Betätigung, zuerst aus eigener Initiative in seiner Gemeinde, dann auf Wunsch staatlicher Behörden in immer größeren Kreisen, wurde ihm das Verdienstkreuz für Kriegshilfe, dass Eiserne Kreuz am weiß-schwarzen Bande und von Seiner Majestät das Bild seiner Majestät mit eigenhändiger Unterschrift verliehen.

Seit dem 25.4.1911 ist er verheiratet mit Sophie Amalie Helene Augusta Cornelius, geb. 18.4.1889, Tochter des Pfarrers Friedrich Cornelius und seiner Gemahlin Auguste, geb. Naumann. Kinder, alle in Schlierbach geboren:
1. Tilmann, geb. 25.3.1912,
2. Elisabeth-Charlotte, geb. 27.11.1914, getraut Ffm. Preungesheim mit Dr. Hans Israel in Nauheim, Sohn des Pfarrers Karl Israel in Oberrosphe, 27.9.1934
3. Friedrich-Carl, geb. 22.5.1918.
Beide letztere in Preungesheim konfirmiert.
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Beim Einzug, Anfangs Januar 1925, stand von der Dienstwohnung nur das Parterre und zwei Räume in der ersten Etage zur Verfügung. Im obersten Stock bewohnte eine Einquartierte sog. „Zwangsmieterin“ mit zwei Söhnen zwei Zimmer und eine Mansarde. Einen Raum im obersten und vier Räume im mittleren Stockwerk bewohnte weiterhin Herr Metropolitan Fritsch mit Frau Gemahlin und Fräulein Tochter. Die Zwangsmieterin bekam vom Wohnungsamt nach längeren Monaten eine andere Wohnung angewiesen. Mein Herr Vorgänger blieb mit seiner Familie noch 3 ¼ Jahre bis zu ihrer Übersiedelung nach Hofgeismar wohnen. Trotzdem bei dem engen Zusammenwohnen in nicht abgetrennten Wohnungen leicht Reibungen und Konflikte hätten entstehen können, sind alle Hausbewohner gut miteinander ausgekommen, nachdem schon in meiner Antrittspredigt der rechte Ton gegeben war, der von beiden Seiten, insbesondere auch von den beiden Pfarrfrauen, zuerst bewusst, dann mit Selbstverständlichkeit gehalten worden ist und bald zu einer aufrichtigen Freundschaft trotz des großen Altersunterschiedes führte. Ps. 133,1 hörten wir öfter zitieren.

Während des Krieges hatte es an Handwerksleuten, in der Nachkriegs- und Inflationszeit an Geld gefehlt, um die notwendigen Herstellungen an den vielen Gebäuden des Kirchen- und des Pfarreianwesens vornehmen zu können. Das war sehr spürbar geworden. Das Kirchendach war schadhaft geworden. Von dort in die Decke des Kirchenraums eingedrungene Feuchtigkeit hatte mit der Zeit den Deckenbewurf gelöst, so dass dieser an mehreren Stellen in größeren Stücken herunter gefallen war. Die Wände bedurften der Ausbesserung und neuen Anstrichs, die Außenwände der Kirche an großen Flächen eines neuen Bewurfes und eines neuen gesamten Anstrichs. Der Schieferbelag des Turmhelms bedurfte gründlicher Erneuerung, ebenso der Bewurf des Turmschafts. Die Risse, die er im Inneren aufwies, stellten eine besondere Aufgabe für sich. Das Altpfarrhausdach war so undicht, dass nur eine gründliche Gesamterneuerung Aussicht auf Erfolg versprach, zumal am Nordosteck der Regen bereits ungehindert das Holzwerk
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angriff. Auch in seinem Inneren war sehr vieles sehr der Erneuerung bedürftig. Das große Scheuerdach, die Stalldächer, die Remise, das Balkenwerk der Stallböden, die zum Teil wegen der bestehenden Gefahr schon durch untergesetzte Stützbalken hatten abgestützt werden müssen, das alles bedurfte dringend der Bauhilfe. Nur das verhältnismäßig noch neue, von meinem Herrn Vorgänger erbaute Neupfarrhaus bereitete keine größeren, dringenden Bausorgen, hatte die bauliche Durststrecke der Kriegs-, Nachkriegs- und Inflationsjahre verhältnismäßig gut
überstanden infolge der soliden Bauausführung.

Angesichts dessen wurde erkennbar, dass dem Pfarrer neben seinen geistlichen Aufgaben in Gottesdiensten, Krankenseelsorge, Konfirmandenunterricht, Christenlehre, Kindergottesdienst, Hausbesuchen, Vereinsarbeit auch die Fürsorge und Verwaltung der Kleinkinderschule und der Schwesternstation, den Amtshandlungen und den Kirchenbuchsarbeiten usw. und neben seinen Aufgaben in der Verwaltung des Pfarrgutes und des Kirchen- und des Pfarreivermögens, der Kirchensteuer usw., in den Vorarbeiten für die Sitzungen des Kirchenvorstandes, des Kirchenkreises und von Vereinsvorständen noch als dringende Aufgabe obliege, zu versuchen, alle Gebäude wieder auf „Friedensstand“ zu bringen. Der Kirchenvorstand unterstützte dies Bestreben nachdrücklichst. Zuerst wurde das Konsistorium um eine landeskirchliche Beihilfe aus einer Baukollekte oder einem seiner Fonds gebeten, die aber nicht gewährt wurde. Da Revenüen aus örtlichem Kirchenvermögen nicht – wie ehedem – verfügbar waren, hieß es für die Kirchengemeinde: „Selbst ist der Mann!“ -. Der Kirchenvorstand beschloss eine Erhöhung der Kirchensteuer auf 12 ½ % der staatlichen Einkommensteuer. Höher zu gehen, erschien in Rücksicht auf die Steuerzahler untunlich. So musste erst zwei Jahre angespart werden bis im Vorfrühjahr 1927 das Innere der Kirche wieder hergestellt werden konnte, womit – Anfangs 1928 – die Einführung von elektrischem Licht in die Kirche verbunden worden ist und die Anbringung von zwei Kronleuchtern, wozu freiwillige Gaben von Gemeindegliedern gespendet wurden. Gestühl und Kanzel wurden in ihren ursprünglichen Farben belassen, was den Gesamteindruck des Kircheninneren vor dem Eindruck von „jetzt-städtisch!“ bewahrte. Den Herrn Bezirkskonservator Professor Wiechert, der die Kirche gelegentlich der Vorarbeiten zum Ehrenmal einmal besichtigte, sah ich wenige Schritte vom Westeingang in der Kirche stehen bleiben, den Gesamteindruck in sich aufnehmen und dann zu mir sich hinwenden. Er sagte besinnlich: „Diese Kirche wird gut gepflegt und das Alte schonend erhalten.“ Ich freute mich drüber. – Während die Gerüste im ganzen Kircheninneren gestanden hatten, waren die Gottesdienste im Saale der Kleinkinderschule gehalten worden.

– Die notwendigsten Erneuerungen der Schieferdeckung des Turmhelmes wurden zwecks Beseitigung direkter Gefahr für Vorübergehende
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noch im Frühjahr 1925 ausgeführt. –

Nachdem dann wieder angespart worden war, konnte das Äußere der Kirchenwände im Bewurf ausgebessert und neu gestrichen werden. Eine recht spürbare Ausgabe war dann die sehr gründliche Reparatur des Altpfarrhausdaches. Da Teilreparaturen eine Dichtigkeit nicht mehr bewirkten, wurde das ganze Dach abgedeckt, das Balkenwerk genau untersucht und dann alles Schadhafte hergestellt: Einzelne Dachbalken, Teile von solchen, an der besonders schadhaften Nordostecke auch Balken des Bodens (= Zimmerdeckenbalken im Logis Münz), der gesamte Dachbelag einschließlich des Unterbelages. Bei dem Umfang dieser Reparaturarbeiten erschien es angebracht, im Hinblick auf die Möglichkeit kirchlicher Eingemeindung nach Frankfurt sich über die Arbeiten mit dem Herrn Synodalbaumeister Schöppe ins Benehmen zu setzen, der dankenswerter Weise den Kirchenvorstand dann beraten hat.

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Die Gottesdienste werden nach der Ordnung der Agende für die hanauisch-unierten Kirchengemeinden gehalten. Diese Agende ist auch nach der kirchlichen Eingemeindung nach Frankfurt in kirchenrechtlicher Geltung geblieben.

a.

Als Besonderheiten in Preungesheim sind zu nennen:

1. der Gottesdienst am Nachmittag des 4. Advent wird als Christfeier für die Kleinkinderschule gestaltet, der eine Bescherung für deren Besucher sich in der Kirche anschließt.

2. Der Gottesdienst am Nachmittag des 1. Christtages (diese schöne Bezeichnung ist in der Gemeinde noch wohl bekannt und verdient beibehalten zu werden, schon als Gegengewicht gegen den – von nichtchristlicher Seite creïerten – „Weihnachtsmann“ der Warenhäuser, der – mit einem Schlafrock und Pudelmütze angetan – noch lange keinen Knecht Rupprecht – noch weniger einen Nicolaus von Myra darstellt, ganz und gar aber nichts zu tun hat mit dem Christkind, das im Mittelpunkt alles Denkens an den „Christtagen“ stehen soll) – ist die Christfeier des Kindergottesdienstes, an deren Schluss die Teilnehmer am Kindergottesdienst mit christlicher Jugendlektüre, die kleinsten mit biblischen Bildern beschenkt werden. Im Verlauf der Feiern tragen die Kinder Sprüche und Gedichte, die dankenswerter Weise meine Frau ihnen auswählt, abschreibt und mit ihnen einübt, vor. Ihr Eifer im Lernen hat den Zuhörern und uns Beiden immer viel Freude gemacht.
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3. Der Gottesdienst am Sylvesterabend wurde auf vielseitigen Wunsch später gelegt, auf 8.00 Uhr abends, und ist seitdem gut besucht, auch von seltenen Kirchenbesuchern.
4. Auf die dankenswerte Anregung des Herrn Kirchenältesten J. Kühn hin wurde ein Abendmahlsgottesdienst am Gründonnerstagabend eingerichtet, der die Möglichkeit zur Teilnahme am Heiligen Abendmahle solchen Gemeindegliedern bietet die tagsüber unabkömmlich sind.
5. Die Konfirmation, früher regelmäßig am Palmsonntag stattfindend, findet seit Verlegung des Schulschlusses auf den 31. März (der den Schülern ermöglichen soll, am 1. April, frei von Schulpflicht ihre Lehre anzutreten) am Sonntag vor dem 1. April statt. Entsprechend wird die Prüfung, die früher immer an Judica stattfand, früher gelegt.
6. Am Himmelfahrttag-Nachmittag ist das Missionsfest in Bergen, das seit Jahrzehnten dem Frühjahrlichen Wandertrieb ein kirchliches Ziel gegeben hat und als das offizielle Missionsfest der vormaligen Pfarrei-Klassen Bockenheim und Bergen sich eines regen Besuches erfreut. Auch die Kirchengemeinde Preungesheim ist seit Jahrzehnten dort durch treue Missionsfreunde und der – zeitig und wiederholt vorher bekannt gegebenen – Einladung folgende Besucher vertreten.
7. Neu eingeführt wurde die Ausgestaltung des Gottesdienstes an Reminiscere als Helden-Gedächtnis-Feier (vor 1933 genannt: Volkstrauertag), die gemäß einer kirchlichen allgemeinen Verordnung geschah. Hier wurde sie, nach Fühlungnahme des Pfarrers mit dem Kriegerverein und den Gesamtvereinen als Mitwirkenden und mit den übrigen Vereinen und – bereits 1933 – den N.S.D.A.P.- Organisationen als Teilnehmern gestaltet, von Anfang an zu einer eindrucksvollen kirchlichen Veranstaltung, bei der in der Kirche die Plätze nicht ausreichten. Die mitgebrachten Fahnen wurden rechts und links vom Altar aufgestellt (an die an der Orgelempore eigens dafür angebrachten Haken angelehnt entfalten sie das Tuch und bilden dadurch einen schönen Schmuck.)
8. Neu eingeführt ist auch die Schulanfänger-Feier, die – früher schon hie und da üblich, z.B. von mir in Schlierbach gehalten und nun behördenempfohlen – meist an Quasimodogeniti gehalten wurde. Zu ihr wurden die A-B-C-Schützen, ihre Eltern und Pathen und Verwandten in den vorhergehenden Gottesdienst eingeladen. Am Schlusse der kirchlichen Feier wurden die Schulanfänger mit biblischen Bildern und je einem dauerhaften (d.h. in Holz und Blei nicht allzu weichen) außen buntfarbigen Bleistift (als „Marschallstab in den Tornister“) beschenkt.
9. Als eine spürbare Bereicherung wurde insbesondere die in Preungesheim ebenfalls neu eingeführte goldene Konfirmation
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empfunden. Schon die Feststellung des Verbleibs der Einzelnen bewirkt im ansässigen Teile der Gemeinde eine erwartungsvolle Stimmung. Bis in die weite Welt (Amerika z.B.) hinein wird namens der goldenen Konfirmanden vom Pfarrer geschrieben, eingeladen und auf die Antworten mit Übersendung eines Bildes von der goldenen Konfirmation, des „Goldenen“ Sträußchens und des auf die betreffenden entfallenden Bibelspruches (Karten in Pracht-Druck) geantwortet. Die meisten der ortsansässigen goldenen Konfirmanden helfen bei den nötigen Feststellungen – auch tätig – gerne mit. Herr Kirchenältester J. Kühn, der unter den ersten goldenen Konfirmanden war und als erster für die Feier wirkte, hat sogar auswärts wohnende alte Kameraden aufgesucht und dadurch erreicht, dass alle, die überhaupt kommen konnten, zur Feier erschienen waren. Die noch nicht Verwitweten kamen mit ihren Gemahlen. Es war stets eine schöne, würdige Wiedersehensfeier. Die kirchliche Feier wurde so gestaltet, dass der Pfarrer mit den goldenen Konfirmanden – nach Begrüßung im Pfarrhause und Überreichung eines goldenen Sträußchens – feierlich in die Kirche, die von den Verwandten und Freunden der Jubilare stets gut besucht war, Einzug hielt. Die goldenen Konfirmanden nahmen im – nach dem Altar hin offenen – Halbkreis vor dem Altar auf Stühlen Platz. Nach der Predigt über entsprechend gewählten Text und einem einleitenden Gesang ging – nach einem kurzen Einleitungswort an die Gesamtheit der Jubilare, die sich erhoben, – der Pfarrer zu jedem Einzelnen, hin (den ursprünglichen Brauch bei der alten Hessischen Kinderkonfirmation hierdurch wieder aufnehmend), legte ihm segnend die Hand auf das gesenkte Haupt und sprach dabei einen Segensspruch, für jeden Jubilar einen besonderen. (Es wurden dazu absichtlich anredende Sprüche gewählt, um den Eindruck und das Bewusstsein davon, dass das Gotteswort dem Angeredeten gelte, zu bestärken. Z.B. „Ich habe dich erlöset, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!“ zum Schluss wurde den Jubilaren ein in Goldrähmchen gefasster Spruch überreicht; auf dem kleinen Geschenk wurde, soweit räumlich möglich, auch der spezielle Spruch vermerkt.
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Ein familiäres Zusammensein am Nachmittag beschloss die Feier. Von allen Teilnehmern unterzeichnete Grüße waren den Fernwohnenden liebe Grüsse aus der Heimat, wie ihre Dankschreiben zeigten. Der – wohl im Deutschen Pfarrerblatt gemachte Vorschlag -, diese Feiern an Jubilate zu halten erwies sich als gut. Zu nahe an die Einsegnungsfeier der jungen Konfirmanden gerückt, kann die Jubelfeier beeinträchtigend wirken. Es überschneiden sich dann zwei große Vorbereitungskreise. An Jubilate gehalten ist sie ein einschneidendes Ereignis für sich. Die mancherlei Arbeit der Vorbereitung lohnt der Blick in die ergriffenen und dankbaren Gesichter der Alten; sie ist gewiss nicht ohne Segen für viele.

Die aus Anlass dieser Feier festgestellten Adressen der alten Konfirmanden wurden bei ihrem Konfirmationseintrag angemerkt. In späteren Jahrzehnten werden die Genealogen diese Notizen als eine biografische Fundquelle sehr zu schätzen wissen (was ich, selbst genealogisch interessiert, ihnen „im voraus nachfühlen“ kann).

10. Das der „Muttertag“, Cantate, dieser auch als „Kirchengesangstag“, das Reformationsfest, ein geeigneter Sonntagsgottesdienst als Feier zur Aufnahme in den Konfirmandenunterricht entsprechend gestaltet wurden, erübrigt sich, näher auszuführen. Ebenso, dass am Totensonntag (in dessen Vormittagsgottesdienst aller im abgelaufenen Kirchenjahr Verstorbenen namentlich gedacht wurde und in dessen Abendgottesdienst auch der verstorbenen Kinder (wenn auch nicht noch einmal namentlich) gedacht und als Schlusslied gesungen wurde: „Wenn kleine Himmelserben in ihrer Unschuld sterben, so büsst man sie nicht ein.“) der Kirchenraum Trauerschmuck getragen hat, während am Erntedankfest der Altar mit – von Gemeindegliedern gespendeten – Erntegaben geschmückt wurde, die dann der Diakonie überwiesen wurden. Mit der Sammlung dieser Erntegaben und der Schmückung des Altars haben Herr und Frau Kirchendiener Adam Emmerich sich stets den Dank der Kirchenbesucher verdient.
11. Eine behördlicherseits angeregte Neueinrichtung ist der Reformationsgottesdienst für die evangelischen Schüler der Theobald-Ziegler-Schule, der abwechselnd in der Kirche zu Preungesheim und in derjenigen zu Eckenheim stattfindet. (Ein dankbarer Stoff zur Anknüpfung ist das auf Seite 211 unten und Seite 212 oben gesagte. Auch die Aufmerksamkeit geistig träger Schüler wird durch diese anschauliche örtliche Erinnerung an die Tage der Reformation geweckt.) Ich hielt meist nicht eine Predigt, sondern 3 – 4 kürzeste Ansprachen mit nachfolgenden Wiederholungsfragen. Zwischendurch gemeinsamer Gesang, Gesamtdauer 50 Minuten.
12. Als im Gespräch mit Gemeindegliedern einmal die Rede auf die nächste Kirchweih kam und ich fragte, wann in Preungesheim die Kirchweih stattfinde, wurde mir von älteren, einheimischen Gemeindegliedern die bemerkenswert genaue Auskunft gegeben: „Am St. Gallustag, wenn er auf einen Sonntag fällt. Wenn er nicht auf einen Sonntag fällt, ist die Kirchweih am Sonntag danach.“ Ich vergewisserte mich dessen durch Befragung Anderer bei anderen Gelegenheiten, aus deren Antwort ich das Datum, das den Termin bestimmt (16. Oktober), bestätigt fand. Aus der Kirchengeschichte ist bekannt, dass die Patronsfeier der katholischen Gemeinde mit ihrer Octave nach Einführung der Reformation zur – zeitlich durch den herkömmlichen Stichtag (=Kirchenpatronstag) festgelegten – „Kirchweih“ mit ihrer „Nachkirchweih“ geworden ist. Das Stichdatum (hier: 16.10.)
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hat also allgemein die Erinnerung an denjenigen festgehalten (Nur da, wo keine besonderen örtlichen Termine mehr bestehen, sondern in einem – größeren oder kleineren – Bezirk die Kirmessen wegen vorgekommenen allzu gröblichen Ausschreitungen auf einen Tag zusammen gelegt sind, ist dessen Termin ohne jegliche kirchlich-ortsgeschichtliche Bedeutung), nachdem man die Kirche einst benannt hat, hier: St. Gallus.

Wer sich über die beste Gestaltung des „Kirchweih“-Gottesdienstes informieren will, wird von der Literatur immer wieder auf Luther und Löhe hingewiesen. Luthers Einstellung zu dieser Feier war aber rein negativ, Löhe ruft auf zur Dankbarkeit für das Bestehen kirchlicher Ordnung und Einrichtungen in der Gemeinde. Luther zu folgen, ist hier leicht, und mancher Homilet beschränkt sich darauf, verkennt aber im alleinigen Blick auf die mögliche, mancherorts häufige Schattenseite (=unerfreuliche Vorkommnisse) das gleich zu nennende doppelte Gute. Löhes Gedanken laufen allzu sehr Gefahr, im modernen Menschen die stille, aber jegliche Andacht störende Frage zu wecken: „Wozu zahl` ich denn auch Kirchensteuer?“

Deshalb wurde in den Kirchweih-Gottesdiensten das Ziel verfolgt, Heimatliebe und insbesondere Liebe zum heimatlichen Gotteshause zu wecken, den Segen erkennbar zu machen, der von ihm ausgeht und ausgegangen ist seit Jahrhunderten als eine Saat, die noch in der Gegenwart und in Ewigkeit Früchte trägt (kirchliche Ortssitte, gemeinsame Glaubensüberzeugungen). Es wurde berichtet, wie die Generationen vor uns sich gemüht haben, uns ein würdiges Gotteshaus zu schaffen und zu erhalten. „Herr, ich habe lieb die Stätte deines Hauses und den Ort, da deine Ehre wohnet“, haben wir aus diesen Erwägungen heraus auch – bei der Renovation von 1927 – als den die Nordwand des Erdgeschosses des Kircheninneren zierenden Wandspruch gewählt. – Die Kirchweih ist herkömmlich einer der ganz wenigen, regelmäßig wiederkehrenden Anlässe, zu denen auswärtige Verwandte eingeladen und besucht, also der Familiensinn gepflegt wird. Auch unter diesem Gesichtspunkt der Pflege der verwandtschaftlichen Beziehungen und der dadurch oft
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möglichen psychischen Wiederverankerung der in der Fremde (zumal in einer Großstadt) Entwurzelten in dem Seelenleben der Heimat und des Elternhauses wurde die Feier gestaltet. (Erlebnisse in Gemeinden des Vogelsberges – sehr erfreulicher Art – gaben mir den Anlass.)

b.

Festgottesdienste und Feiern aus besonderem Anlass

Außer den wiederkehrenden der Mission, Gustav-Adolf-Verein u.a. gewidmeten Gottesdiensten fanden statt.

1925: Festgottesdienst anlässlich des 1. Evangelischen Volkstags von Ffm. (6.9.)

1926: Festgottesdienst anlässlich des Gau-Turn-Festes in Preungesheim, in Preungesheim am 10. – 12. Juli.

1927: Festgottesdienst anlässlich des Missionsfestes des Kirchenkreises in Preungesheim. Prediger: Herr Missionar Lauk; im Nachmittagsgottesdienst: Herr Pfarrer Rohrbach und Herr Pfarrer Stein; Nachversammlung: Herr Pfarrer Borning, Herr Missionar Lauk.

1927: Festgottesdienst anlässlich des 2. Evangelischen Volkstags (9.10.)

1928: Feier zur Einweihung des Ehrenmals auf dem Kirchplatz.

1929: Festgottesdienst anlässlich der kirchlichen Eingemeindung.
– “ – : Festgottesdienst zur Begrüßung der Gemeinde seitens der Landeskirche Frankfurt. Prediger: Herr Kirchenrat Trommershausen.

1931: Volksmissionstag in Preungesheim. Prediger im Vormittags- und Abendgottesdienst: Der Ortspfarrer. Straßenpredigt im so genannten roten Block: Ein Laienprediger.

1933: Gedächtnis-Abendgottesdienst für den am 23. T. 1933 in Hofgeismar-Gesundbrunnen verstorbenen Herrn Metropolitan Fritsch, an dem die Herren Pfarrer des vormaligen Kirchenkreises auf Einladung im Talar teilnahmen. Predigt: Ortspfarrer. Ansprachen: Herr Kirchenrat Kahl, Pfarrer Dr. Heck.

1933: Festgottesdienst anlässlich des „Deutschen Tages“ in Preungesheim. Geschlossener Besuch seitens der Ortsgruppe. Weihe der Fahne der Ortsgruppe Preungesheim der N.S.D.A.P. (9.Juli) in der Kirche durch den Pfarrer.

1933: Festgottesdienst anlässlich der 60-Jahr-Feier des Kriegervereins Preungesheim (6.August).

1934: Trauergottesdienst anlässlich des Ablebens des Herren Reichspräsidenten Generalfeldmarschall Hindenburg (5.8.).

1935: Rüstfeier zum 1.Mai am Abend des 30.4. entsprechend einer kirchenbehördlichen Anregung.

1935: April, Festgottesdienst anlässlich der Eröffnung der Frankfurter Bibelausstellung.

1936: 15.3., musikalische Passionsandacht, von Herrn Gebhard.
Nachmittags- und Abendgottesdienste

Die bis 1904 im Sommer als Nachmittagsgottesdienst ausgestalteten Katechisationen wurden, nach dem sie in jenem Jahre auf die Zeit nach der Beendigung des
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