Die Pfarrchronik

Pfarrchronik Teil 17

Ein geschichtliches Denkmal besonderer Art für Preungesheim aus dem 13. Jahrhundert ist die Bibel Simons von Schöneck. Reimers Urkundenbuch (Hanauisches) berichtet, dass dieser nach seiner Wahl (diese fand – nach Hauck, Kirchengeschichte Deutschlands Teil V zweite Hälfte, Seite 1148 – zwischen dem 24. Juni und 1. August 1283 statt. Er starb 22.10.1291.) zum Bischof von Worms dem Deutschen Orden in Sachsenhausen eine Urkunde ausgestellt hat, in der er auf die bis dahin von ihm inne gehabte Pfarrei zu Preungesheim Verzicht leistet. Zwar hat er dies Amt nur als Nebenamt inne gehabt. Sein Hauptamt war das Domdecanat in Mainz. Aber er war der Inhaber und verantwortlicher Leiter des Kirchenwesen (Urkundlich: rector ecclesiae, cf. S. 178 f.) im Pfarreisprengel Preungesheim, und er ist der zweite uns bekannte in der langen series pastorum Preungesheimensium. In der – auf der hiesigen Stadtbibliothek leicht zugänglichen – Literatur über das Bistum Worms fand sich außer der Charakterisierung, dass er „ein Mann von tiefer Religiosität und großer Rechtschaffenheit“ gewesen ist, die Nachricht, dass seine Bibel noch erhalten sei. Aus der – 1832 erschienen – Arbeit von Ernst Dronke, „Über die Gymnasialbibliothek Coblenz“ wurde ersichtlich, wo diese Bibelhandschrift damals war. Eine Anfrage beim Gymnasium Coblenz, das sie besitzt oder doch früher besaß wurde dahin beantwortet, dass sie sich jetzt im Staatsarchiv Coblenz befinde. Als bei Vorbereitung der Frankfurter Bibelausstellung die Pfarrämter gebeten wurden, Bibeln nachzuweisen, die zu Groß-Frankfurt in Beziehung stünden, wies ich auf diese Bibel-Handschrift aus dem Besitze dieses einstigen Pfarrers von Preungesheim hin. Auf Antrag des Synodalvorstandes wurde sie mit Erlaubnis des Eigentümers (Gymnasium Coblenz) und mit der dazu nötigen und erteilten Genehmigung des H. Ministerpräsidenten Hermann Göring für die Ausstellung geliehen und stand nach derselben mir auf der Stadtbibliothek einige Zeit zwecks Benutzung zur Verfügung.

Es war die älteste „Groß-Frankfurter-Bibel“ auf der großen, schönen, sehr reichhaltigen und sehr gut besuchten (9650 Besucher wurden gezählt) Ausstellung, die vom 17.4. – 25.6.1935 dauerte.

Ich gebe hier – abgekürzt – wieder, wie Dronke die zweibändige Handschrift beschreibt und füge dann ein paar eigene
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Bemerkungen an. Dronke schreibt unter anderem: Die Ordnung der Bücher ist die lateinische. – Auf die Evangelien folgen die Paulinischen Briefe, dann die Apostelgeschichte, zuletzt die Kanonischen Briefe. Vor den einzelnen Büchern stehen zum Teil die Prologe und Argumente des Heiligen Hieronymus und Anderer; – Der Ecclesiasticus hat einen mir (Dronke) unbekannten Prolog. – Vor den beiden Büchern der Maccabäer stehen die zwei Prologe des Rhabanus Maurus an den König Ludwig und an den archidiaconus sacri palatii Genoldus, mit denen er diesen seine Kommentare zu den Büchern der Könige und Maccabäer übersandte. – Der Text ist der des Hieronymus, jedoch mit mancherlei Abweichungen. Die Psalmen stimmen mit dem im psalterium quincuplex befindlichen psalterium hebraicum, von denen sie aber zuweilen eigentümlich abgehen. – Es scheint die dritte Übersetzung zu sein, welche Hieronymus unmittelbar aus dem Hebräischen auf Bitten des Sophronius anfertigte und welche sonst nicht in die Bibelhandschriften der Lateiner aufgenommen wurde. – Matth. 6,11 steht „panem nostrum substantialem“. – In beiden Bänden finden sich noch viele gemalte Initialen, biblische Scenen darstellend. – Die Zahl der noch vorhandenen Miniaturen beträgt im 1. Bande 25, im zweiten 23 Stück. Auf mehreren Bildern kehrt ein Schild wieder, worin auf gelbem Grunde eine schwarze Lilie. – So weit Dronke.

Zu der von Dronke zitierten Stelle aus dem Vater Unser ist zu bemerken, dass die Vulgata die Lesart hat: supersubstantialem. Der Hersteller unserer Handschrift hat aber an Stelle des mittelalterlich-übergeistlichen Textes wieder den ursprünglichen Sinn dieser Worte zum Ausdruck gebracht! (Ein kleines Charakteristikum seiner Vorlage, evtl. sogar seiner Persönlichkeit!)

In dem Schilde mit schwarzer Lilie auf goldenem Grunde liegt es nahe, dass Wappen der Schöneck zu vermuten. Diese Vermutung trifft aber nicht zu, denn das von Schöneck`che Wappen war – wie aus „Humbracht, die höchste Zierde Deutschlands, Ffm, 1707“, ersichtlich – ein Schild mit rotem waagrechtem Balken auf goldenem
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Grunde. Die letzte des Stammes, Marg. von Schöneck (*1572), heiratete Joh. von Nassau. Ihre Tochter vermählte sich mit Christoph Freiherrn vom Stein zu Nassau. Dessen Nachkomme, Freiherr Ludwig Christoph vom Stein nahm als Erbe das Schöneck`sche Wappen zu dem seinen an und vererbte es auf den Preußischen Staatsminister Freiherrn Heinrich Friedrich Carl vom Stein, mit dessen Tode am 29.7.1831 auch dessen Geschlecht im Mannesstamme erloschen ist. (vgl. Kneschke, Adelslexikon).

Der letzte uns bekannte Verwandte und Schilderbe Simons von Schöneck war demnach kein Geringerer als der rühmlichst bekannte Freiherr vom Stein! –

Die Schrift beider umfangreichen Folianten, deren sämtliche Blätter feines, gut biegsames Pergament, – beiderseitig in je zwei Spalten mit meist 39 Zeilen beschrieben, – sind, fällt auf durch ihre Klarheit, Gleichmäßigkeit und Schönheit. Sie ist – bei Beachtung der üblichen Abkürzungen – leicht zu lesen. Es seien hier wiedergegeben: I. Das Vater Unser, II. der Vermerk des Schreibers über den Abschluss seiner Arbeit, III. Der Vermerk eines späteren Besitzers.

I. Das Vater Unser (Matth. 6)

Pater n(oste)r. qui es in celis!
Sanctificetur nomen (tuu(m)
Adu(v)eniat regnu(m) tuu(m)
Fiat voluntas tua. Sicut in celo et in terra.
Panem nrm(ostru) substancialem da nob(is) hodie.
Et dimitte nobis debita n(ost)ra! Sic(ut) et nos dimittimus debitoribus nostris.
Et ne nos inducas in te(m)ptation(n)em.
S(ed) lib(er)a nos a malo.
Amen.
Über das Wort substantialem s. vor. S. vorletzter Absatz.

II.
Explicit (es – das Gesamtwerk – enthält) testamentu(m) (novum) et vetus.
Explicit biblia ven(er)abilis d(omi)ni Symonis dei grat(tia) decani maioris ecc(le)si(a)e Mogunt(inae).
Quam (das Gesamtwerk) sc(ri)psit Symon ip(s)ius (des Decans) humilis capellanus.
Et complenit (Und er hat es – die unendliche mühselige! Arbeit des Abschreibens – zu Ende gebracht) anno d(omi)ni M CC L XXX L
XII kal. Marcij. – ( am 12. Tage vor dem 1.3.1281).
(Seite 198)

Die Bibelhandschrift ist also nicht etwa erst während Simon von Schöneck`s Wormser Bischofszeit, sondern während seiner Amtszeit als Pfarrer von Preungesheim geschrieben und vollendet worden. Ob der Kapellan Simon, der Hersteller dieser Bibelhandschrift, der vom Mainzer Domdecan speziell für Preungesheim bestellte Stellvertreter war, war nicht festzustellen.

III.

In Band I, Blatt 83 (alter Zählung), steht von späterer Hand mit sehr feiner Schrift geschrieben:
„hermanus philippus est possesor huius libri“. Da Simon von Schöneck einen Bruder Philipp hatte, der Domherr in Mainz war, und einen Bruder Hermann, von dem ein Sohn gleichen Namens Domherr zu Mainz, dann zu Worms (vergl. Humbracht loco citato) war (i. J. 1343), so scheint es, dass diese Bibelhandschrift sich zunächst auf den Neffen, der außer dem von Humbracht genannten Namen Hermann vielleicht auch noch den Namen von seines Vaters Bruder trug und daher „Hermanus Philippus“ hieß, vererbt hat. Später ist sie dann in den Besitz des Klosters übergegangen, dessen Schule nachmals in dem Gymnasium zu Coblenz aufging.
Die Miniaturen dieser Bibelhandschrift wollen nur das sein, was wir heute Illustrationen nennen. Sie sollen den Text veranschaulichen.

Aber eine in Band I, Blatt 2, erhebt sich – auch ihrem Umfang nach weitaus die Größte – zu einer für ein religiös empfängliches Gemüt gewaltigen Darstellung von Schöpfung, Sünde, Gnade, Weltgericht und Gottes Herrschaft. In 7 Vierpässen ist jedes Mal der Schöpfer und sein Werk an dem betreffenden Tag dargestellt, im 8ten die Erlösung durch eine Kreuzigungsgruppe. Das Ganze wird unten abgeschlossen durch Darstellung des Richters und Herrschers über die Welt auf seinem Throne. Die 16 zwischen den Vierpässen verbliebenen sog. Zwickel sind mit Darstellungen, meist aus dem alten Testament, ausgefüllt; z.B. Schlange im Paradies mit Adam und Eva. Ferner in je einer Darstellung: Abel opfernd, Kain opfernd, und Bilder von Geschehnissen, mit denen in der religiösen Symbolik des Mittelalters auf die Sendung des Erlösers hingewiesen wird. Taube mit Ölzweig über der Arche; unten links: anbetender Bischof; rechts: anbetende Frau. – Diese große Miniatur bildet das „I“ zu Anfang der Genesis mit den Worten „In principio creavit Deus……“.

Man hat den Eindruck, diese Darstellung sei entstanden in enger Beziehung zu dem Entwurf für eine
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große Glasmalerei, die bestimmt war als Chorfenster den Raum einer gothischen Kathedrale zu beherrschen. Sind doch auch in dem Oberteil eines der Chorfenster der Elisabethkirche zu Marburg die „Tagewerke“ Gottes dargestellt, wie ich mich aus dem ausgezeichneten Werke von Haseloff erinnere, das durchzustudieren ich in meiner früheren, kleineren Gemeinde Schlierbach b. W. einmal die Zeit fand. Nur der vielfach zur Verwendung gekommene Goldgrund erinnert an Tafel-Malerei für gottesdienstliche Zwecke jener Zeit. – s. auch S. 219

Zu dem, was mein verehrter Herr Vorvorgänger auf S.19 berichtet hat, kann ich noch ergänzen:
Bei einer Reparatur in der Kirche von Praunheim waren Reste von Grabplatten der Herrn von Praunheim aus dem 14. Jahrhundert gefunden worden. Um bei etwaigen ähnlichen Funden gelegentlich der Unterfangung des Turmfundaments (s.S.180, m.) orientiert zu sein und auch Fragmente erkennen zu können, befragte ich mich beim Staatsarchiv Wiesbaden betr. des Wappens der Herren von Preungesheim, das hier in Frankfurt nicht bekannt war (Reimers Urkundenbuch nennt, wenn er Siegel derer von Preungesheim beschreibt stets nur „2 Curven“) aber (laut Saur, Nass. Urkundenbuch, Band I, Seite 584) sich auf den anhängenden Wachssiegeln von Urkunden jener Zeit erhalten haben musste. Das Archiv teilte mit, dass von zwei erhaltenen Siegeln das eine in dem Siegelschild des Ritters Winther von Preungesheim an einer Urkunde vom 22.4.1326 zwei mit der äußeren Rundung gegeneinander gestellte, aber sich nicht berührende Bögen, enthalte. Anderes Siegel (Eberwin von Preungesheim): Oben zwischen den Bögen befindet sich noch etwas, das aussehe, wie der Kopf eines nach rechts schauenden Vogels. Nach einer beigegebenen Skizze sah es etwa wie nebenstehend (Seite 199) aus. Das sind ersichtlich die beiden sog. Rippen der „Schelm von Bergen“, die demnach eines Stammes mit den Rittern von Preungesheim waren. Der Vogelkopf ist, wie ein Kenner mir sagte, der Kopf des damaligen (schwarzen) Reichsadlers, den der Siegelführer als Kaiserlicher Schultheiß von Frankfurt in sein Familienwappen als Kaiserlicher Beamter hereinnehmen durfte und hereingenommen hat. Die zugehörigen Farben sind demnach: Schild silbern, Rippen rot, Adlerkopf schwarz.

Den Kopf, die obere Hälfte oder auch den ganzen Reichsadler auf diese Weise in das eigene Wappen als Beizeichen hereinzunehmen, sei bei den Kaiserlichen Stadtschultheissen beliebt gewesen. Im Dome (nach meiner Erinnerung im nördlichen Seitenschiff in dessen Westwand unten eingemauert) fand ich einst ein Epitaph von ähnlicher Bildung des Wappens. Dort ist der ganze Adler als Beizeichen – verschmälert – eingefügt. –

Über die „Schwab von Preungesheim“ begegnete mir in einem Aufsatz von Dr. Euler (im „Archiv für Frankfurts Geschichte“, Ffm, 1854, Heft 6, Seite 55), in dem die Herrn von Preungesheim erwähnt werden, die Notiz,
(Seite 200)

dass im Jahr 1291 Conrad Schwap von Breungesheim Zeuge gewesen ist; derselbe sei – wohl weil er Besitz in Sachsenhausen gehabt habe – im Jahr 1296 als Conradus suevus de Sassinhusen und im Jahr 1300 als Conradus suevus senior de Sassinhusen erwähnt.

Auf Seite 38 f. desselben Buches wird berichtet: „In der Urkunde von 1194 (Böhmer, Codex diplomaticus moeno francofurdensis, Seite 19: acta in judicio domini imperiatoris, sculteto (=Schultheiss) et reliquis judicibus praesentibus), da zum
ersten Male das kaiserliche Gericht zu Frankfurt erwähnt wird, werden neben dem Schultheissen Wolfram als Richter und Zeugen Marquard von Preungesheim, Werner Schelm von Bergen, Harmud von Sassenhausen, Berthold von Preungesheim, Heinrich von Bonames, Albero von Seckbach, Heinrich von Bornheim u. A. genannt. Diese Herren gehörten zu der königlichen Pfalz Frankfurt als Reichs-Ministerialen ; — Aus Ihnen wurden die Beamten der Pfalz und die Mitglieder des Pfalzgerichts genommen; wenn der Kaiser die Pfalz besuchte, fanden sie sich daselbst ein, um bei ihm Hofdienste zu verrichten: — Sie nahmen an dem städtischen Wesen nur so lange teil, als die alte Palatialverfassung fortdauerte. Seit des Königs Richard Zeit begann sie zu zerfallen. Er gab im Jahr 1257 der Stadt Ffm. das Privileg, dass kein Burgbau, also kein Rittersitz in ihren Mauern errichtet werden dürfe. — Nur die Schultheissen wurden noch oft aus ihnen gewählt, da diese lediglich Kaiserliche Beamte waren.

„Hierdurch erklärt sich die Tatsache, dass noch um 1280 ein Herr von Preungesheim (Ritter Eberwin) Kaiserlicher Stadtschultheiss von Frankfurt gewesen ist.“

Nach einem Besuch in Darmstadt hatte ich dort noch eine halbe Stunde Zeit zum Zug, ging in die Hofbibliothek, fand das „Mainzer Urkundenbuch“ und in diesem die Angabe, dass in einer Mainzer Urkunde von 1102 als Zeuge genannt ist: „Albero, Besitzer in Bruningesheim“. Näheres über ihn enthielt diese Edition nicht.

Die Frage, wann die beiden Preungesheimer Rittergeschlechter ausgestorben sind, bzw. in welchen anderen Familien etwa sich ihre Tradition fortgesetzt hat, ist aus den bisherigen Urkunden = Editionen noch nicht zu beantworten, da diese – soweit sie die Grafschaft Hanau betreffen – mit dem Jahre 1400 abschließen. Wahrscheinlich sind beide Familien im 16. Jahrhundert ausgestorben, das ja allen denjenigen Rittergeschlechtern die Existenzgrundlage nahm (Aufkommen der Schusswaffen, der Söldnertruppen, usw.), die auf Einkommen durch Leistung von Ritterdienst angewiesen waren. Auch ihr Landbesitz scheint schon im 16. und 17. Jahrhundert alileniert zu sein.
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Aus dem 14. Jahrhundert sind zwei Ereignisse für Preungesheim von besonderer Bedeutung.
I. Ein territorialgeschichtliches (Verlust der Reichsunmittelbarkeit durch Eingliederung in die Grafschaft Hanau) und ein örtliches
II. Der Bau der gotischen Kirche.

I.
Nach der kirchlichen Eingemeindung nach Ffm. (1.4.1929) habe ich mit einer Arbeit im Frankfurter Kirchenkalender von 1930, Seite 96 – 98, (geschrieben im Sommer 1929) über die Angliederung an Hanau berichtet unter dem Titel: Der kirchliche Abschluss einer 600-jährigen staatspolitischen Entwicklung. Ich füge Sie hier ein unter Beifügung einiger z.T. berichtigenden Anmerkungen, bzw. Erweiterungen.

Um ihren Königshof und zeitweiligen Aufenthaltsort am Main, den triebkräftigen Kern der nachmaligen Reichsstadt Frankfurt zu schützen, hatten schon die Vorgänger der Karolinger die Nachbarorte rings um ihren Königshof mit diesem zu einem einheitlichen Bezirk zusammengeschlossen.

Dieser wird schon i. J. 817 unter dem Namen „Fiscus Frankfurt“ erwähnt.

Während dann in der aufblühenden Stadt Verwaltung und Gericht mehr und mehr auf deren eigene Organe übergingen, blieben sie in den übrigen Orten dieses „Fiscus“, die in Folge dessen einen eigenen Gerichtsbezirk bildeten, in den Händen der Beamten des Königs.

Dieser Bezirk erhielt im Laufe der Zeit nach seiner Gerichtsstätte den Namen „Grafschaft Bornheimerberg“. Er umfasste die Orte: Griesheim, Nied, Hausen, Bockenheim, Ginnheim, Eschersheim, Eckenheim, Preungesheim, Berkersheim, Seckbach, Bornheim, Oberrad, Offenbach, Fechenheim, Bischofsheim, Bergen mit Enkheim, Vilbel, Massenheim, Gronau.

Diese 20 Orte, zu einer Verwaltungseinheit zusammengefasst, bildeten noch immer einen breiten, schützenden Gürtelring um den Königshof.
(Seite 202)

Nur nach Süden, nach dem weiten Reichsforst der Dreieich zu, ließ dieser eine schmale Lücke offen.

Bis um das Jahr 1300 hat diese alte Grafschaft den Königshof und den König selbst schützen helfen und auch ihrerseits in des Königs besonderem Schutz gestanden. Denn zu jener Zeit waren zwar schon viele Einzelgebiete der Nachbarschaft unter die Botmäßigkeit der damals sich entwickelnden Landesherrschaften (Hessen, Mainz, Münzenberg, Falkenstein u.a.) geraten. Aber für die Grafschaft Bornheimerberg stellt noch ein Schiedsspruch vom Jahre 1303 – der als „Landrecht der Grafschaft zum Bornheimerberg“ auch noch später Bedeutung behielt – mit Stolz fest: „Die Grafschaft zum Bornheimerberge und die Dorfe darin wären des Königs, dem allein solle man dienen wegen Wasser und Weide“. Dies Wort hat nach M. Heyne, Deutsches Wörterbuch, auch die Bedeutung von Bodenfläche, auf der Nahrung für Mensch und für Tiere wächst.

Aber die Königsmacht war damals im schwinden, die landesherrliche im Aufstieg begriffen. Das hat sich auch in der Geschichte der Grafschaft Bornheimerberg ausgewirkt.

Denn Ludwig der Bayer verpfändete i.J. 1320 die Grafschaft an Ullrich II, Herrn von Hanau. Diesem und seinen Nachfolgern stand nunmehr die Verwaltung der Grafschaft zu. Mit dem Jahre 1320 beginnt also der 600-jährige Zeitraum der Zugehörigkeit der Grafschaft Bornheimerberg zum Hanauer Lande, der in unseren Tagen seinen Abschluss gefunden hat. Am 1.4.1929 den kirchlichen; bereits am 1.4.1886 bzw. 1.4.1910 den politischen (kommunalen). Vgl. Seite 170.

Lange und viel umstritten war jedoch zunächst die Hanauische Herrschaft in der Grafschaft. Zwar hat das Reich selbst zur Einlösung dieser Pfandschaft ebenso wenig etwas unternommen wie etwa zur Einlösung des – der Stadt Frankfurt verpfändeten – Teils des Reichsforstes Dreieich, des heutigen Stadtwaldes.
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Aber die Reichsstadt die sich durch die Verwaltung bzw. Inbesitznahme eines sie umschließenden Gebietes seitens eines anderen Landesherren beengt fühlte, hat sich nicht weniger als 3 mal (1329, 1336 und 1366) vom Kaiser das Recht erwirkt, das Pfand einlösen zu dürfen. Da jedoch Hanau sich auf den mächtigen Nachbarn Frankfurts, den Erzbischof von Mainz, stützen konnte, verblieb ihm sein Pfandbesitz.

Im Jahre 1434 belehnte dann Kaiser Sigismund – nach ihm wurde deshalb die Kaiser-Sigismund-Straße benannt – den Grafen Reinhard II von Hanau mit dem bisherigen Pfandbesitz zu „rechten Mannlehen“, so dass die Grafschaft nunmehr dauernder, im Mannesstamme erblicher Lehnbesitz der Grafen von Hanau wurde.

Trotz allem dem dauerte der Zwist zwischen dem Grafen und der Stadt, die nun um einzelne Dörfer und Rechte im Bezirk des Bornheimer Berges stritt, fort. Die beiden Parteien hatten sich sogar in militärischen Verteidigungszustand gegeneinander gesetzt (die sog. Festeburg ist nicht, wie ihr irreführender Name und ihr turmartiger Aufbau nahe der Straße anzudeuten scheinen, ein altes Befestigungswerk, sondern ein modernes Privatgebäude, erst vor wenigen Jahrzehnten erbaut) .

Erst durch einen im Jahre 1481 zwischen dem Grafen Philipp von Hanau mit dem Rat der Stadt geschlossenen Vertrag fand dieser durch anderthalb Jahrhunderte fortgesetzte Zwist sein Ende. Dieser Vertrag bestimmte, dass die drei Orte Bornheim, Hausen und Oberrad künftig zu Frankfurt, die 17 anderen Ortschaften der Grafschaft Bornheimerberg aber zu Hanau gehören sollten.

Die notwendige Bestätigung dieses Vertrages durch den Kaiser erfolgte erst im November des Jahres 1484, so dass man erst im Frühjahr des folgenden Jahres, am 6. April 1485, auf Ostern, zu seiner Ratificierung und Ausführung schreiten konnte.

Diese Vertrags-Durchführung fand als die letzte
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Tagung des Gerichtes Bornheimerberg auf dessen alter Malstatt, der nordöstlich von Bornheim zwischen der Seckbacher Landstraße und der Gelnhäuser Straße gelegenen Anhöhe, statt.

Mit dramatischer Anschaulichkeit schildert ein zeitgenössischer Bericht diese Tagung, die eine lange Kampfperiode abschloss und einen mehrhundertjährigen Zeitraum friedlicher Entwicklung einleitete. Friedrich von Dorfelden, der Amtmann des Grafen von Hanau, erklärte den Vertretern der an Frankfurt fallenden Orte, dass sie aller ihrer Pflichten gegenüber dem Grafen los und ledig seien; und Hans vom Rheine, der Beauftragte der Stadt Frankfurt, tat das gleiche gegenüber den Vertretern der Orte, die zu Hanau kamen.
Seit jener Zeit (1320, bzw. 1434 und 1485) hat unsere engere Heimat ununterbrochen und unangefochten zum Hanauer Lande gehört, an dessen Entwicklung und Geschichte teilgenommen und alle Geschicke derselben in staatlicher und kirchlicher Beziehung geteilt. Insbesondere: Aufstieg und Blütezeit des Hanauer Landes; seine Vereinigung mit Hessen-Kassel beim Aussterben des Hanauer Grafenhauses mit dem Tode Johann Reinhards, des letzten Grafen von Hanau, im Jahre 1736, auf Grund eines Erbvertrages; Einfügung in Preußen 1866. Auf kirchlichem Gebiet: Einführung der Reformation; kirchliche Union 1818; Zusammenschluss der bisherigen „3 Kirchengemeinschaften im Bezirke des Consistoriums Kassel“ zur evangelischen Landeskirche Hessen-Kassel 1924 auf Grund der kirchlichen Einigungsbestrebungen, deren Führer der Schreiber dieser Zeilen gewesen ist. Als solcher wurde ich in die Verfassunggebende Kirchenversammlung in Kassel gewählt, in der ich die Festlegung des kirchlichen Zusammenschlusses in der Verfassung erwirkte, der schon in dem neuen Namen „Evangelische Landeskirche Hessen-Kassel“ sich ausdrückt und in den einschlägigen Paragraphen, insbesondere dem grundlegenden Paragraphen 3 seine Codifizierung gefunden hat.

Diese 600-jährige Zugehörigkeit hat im Jahre 1910 durch die bürgerliche Eingemeindung der meisten, vormals zum Gericht
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Bornheimerberg gehörenden Orte, ihr vorläufiges Ende und am 1. April 1929 durch die kirchliche Eingemeindung ihren endgültigen Abschluss gefunden.

Viel geistiges Gut in Beziehung auf Volkstum, Anschauungen und Gebräuche, Rechtsempfinden, Lebenshaltung, religiöse Überzeugung und kirchliche Sitte ist unseren Gemeinden als Erbe aus dieser jahrhundertelangen Zugehörigkeit überkommen.

Dass alle diese Fäden, welche die vormals Kurhessischen (bzw. Hanauischen) Vorortgemeinden mit den letzten 6 Jahrhunderten ihrer Geschichte verbinden, nicht mit einem Mal oder in wenigen Jahrzehnten ohne spürbare Erschütterungen abgerissen werden können, liegt auf der Hand. Aus diesem Grunde bat ich einen unserer Vertrauensmänner bei den Eingemeindungsverhandlungen, meinen verehrten Nachbarn, Herrn Collegen Herchenröder in Eckenheim, dahin zu wirken, dass eine Bestimmung getroffen werde, welche die Tradition zu berücksichtigen und ihre Überleitung zum Neuen möglichst reibungslos zu gestalten geeignet wäre, nämlich die Festsetzung, dass in den nächsten Jahren noch Kurhessen in die frei werdenden Stellen des Kirchenkreises Bockenheim mit Fechenheim zu berufen seien. Diese Bestimmung ist dann auch für die nächsten 10 Jahre nach der Eingemeindung getroffen worden. Sie werden sich in gesunder Entwicklung umso reibungsloser lösen, je verständnisvoller und aufrichtiger neue Bande geknüpft werden.
II. Über den gotischen Um- und Anbau der Kirche (vgl. Seite 194, Zeile 13/14) ist zu bemerken:

1. Der hohe in der Nordwand des Turmerdgeschosses noch heute erkennbare Bogen ist augenscheinlich bei Herstellung des gotischen Anbaues gebrochen worden, um die Verbindung zwischen dem gotischen Anbau und dem Turmerdgeschoss, – das ja ein gewölbter, bisher – in der romanischen Kirche – als Chor benutzter Raum war, herzustellen (vgl. Seite 190). In der vor der Turmnordwand stehenden eigenen Südwand des gotischen Anbaues ist ein entsprechender Bogen offen gelassen worden. Seinen Rahmen bilden Werkstücke aus porösem Basalt, der grau überstrichen ist, offenbar zur Herstellung einer gleichmäßigen Schattierung, denn auch das Material selbst hat grauen Ton.

2. Da das Madonnen-Wandgemälde (s. Seite 192) nach dem Urteil des Herrn Direktors des Historischen Museums, Dr. Feulner, um 1370 – 80 entstanden ist, muss der gotische Anbau vor dieser Zeit entstanden sein.

3. Er hatte ziemlich breite Fenster, die vermutlich durch beide Stockwerke des heutigen Chors gingen, also eine Reihe hoher Fenster (nicht zwei Reihen niedriger Fenster) bildeten. Der obere Teil von zweien dieser Fenster wurde bei der Reparatur (s. Seite 192) erkennbar.
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1. Der auf der fünftletzten Seite diese Buches von meinem verehrten Herrn Vorvorgänger erwähnte, im Jahre 1716 abgebrochene alte Chor muss der Chor dieses gotischen Anbaus gewesen sein.
2. Die Südmauer des heutigen Chors, seine Ostmauer und seine Nordmauer (soweit der Chor reicht, vielleicht auch die ganze heutige Nordwand der Kirche und die nördliche Hälfte ihrer Westwand) gehören wohl diesem gotischen Anbau an. Es scheint, dass dieser gotische Anbau – unter Benutzung des nach Norden erweiterten nördlichen romanischen Seitenschiffes als Hauptschiffs – als „Haupt- und Querschiff mit einem Ostchor“ nördlich und östlich des romanischen nördlichen Seitenschiffs und nördlich von der Turmnordwand gebaut worden ist. Auch die Südwand dieses Querschiffes wurde in Höhe der in die Nordwand des Turmerdgeschosses gebrochenen Öffnung offen gelassen und – wie in der Mauer des Turmes – durch einen Steinbogen eingerahmt, der hier aus porösem Basalt besteht. (s. vor. S.)
Nur bei dieser Annahme ist der jetzt zugemauerte Bogen in der Südwand des heutigen Chors erklärlich. Er und entsprechende Veränderung der Fenster im Turmerdgeschoss machten aus dem romanischen Chor einen gotischen Südchor (oder Seitenkapelle). Für den Fall aber, dass nur das vermutete „Querschiff“ D-a-f-10 mit dem Ostchor b-e-d-e als gotischer Anbau erstellt wurde, so dass damals die Linie 10-4-E-8 die Innenseite der Westwand der Kirche gewesen wäre, würde zu bemerken sein:
3. Die Westmauer dieses Anbaues, falls eine solche bestand, – sie würde dann an der mit den Zeichen 3-4-E, D,5 versehenen Stelle nebenstehender Zeichnung gestanden haben – ist allem Anschein nach i. J. 1716 abgebrochen worden. Nach Entfernung dieser Wand, sowie ihrer südlichen Fortsetzung (d. i. die Ostwand des nördlichen romanischen Seitenschiffes) und Abbruch der nördlichen Mauerwand des nördlichen romanischen Seitenschiffes war es möglich, den Kirchenraum in seiner heutigen Gestalt zu erstellen.
4. Nach der Gestaltung der heutigen viereckigen steinernen Fensterrahmen zu schließen, sind einige von den Fenstern im 16. Jahrhundert in den gotischen Anbau eingefügt worden, gelegentlich des Zumauerns der großen gotischen Fenster.
5. Das Dach der ganzen Kirche scheint i. J. 1716 hergestellt worden zu sein. Denn in seiner Konstruktion befindet sich m. W. nichts was auf die Zeit von ca. 1370 schließen ließe. Insbesondere fehlt über dem Kirchenschiff das Stützwerk gotischer Dachkonstruktion (s. Zeichnung rechter Rand Seite 206)
Um einen Überblick zu ermöglichen, füge ich auf nächster Seite eine Skizze zu dem Ganzen bei. Ausdrücklich bemerke ich jedoch, dass ich von einer genauen Verjüngung der Maße dabei absehen muss.
(Seite 207)

Skizze
(Seite 208)

Was gab den Anlass dazu, 200 Jahre nach Erbauung der gewiss solide ausgeführten romanischen Kirche schon wieder einen neuen Kirchbau unter recht sparsamer Verwendung alter Bauteile auszuführen? Schriftliche Nachrichten irgendwelcher Art sind darüber nicht vorhanden. Ich möchte deshalb auf eine Erklärungsmöglichkeit, die – wenn sie zutreffen sollte – auch für die künftige Pflege des Kirchengebäudes beachtlich sein kann, hinweisen.

Es handelt sich dabei um ein „Ergebnis“ der Wünschelrute. Theoretiker lehnen Letztere ja fast allgemein ab, eine größere Anzahl von Praktikern treten für sie ein. Ich selbst als Nichtfachmann nehme abwartende Haltung ein, warte auf den Ausgang der wissenschaftlichen Untersuchungen,
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die vielerorts im Gange sind, wie mein Schwiegersohn Dr. Hans Israel – Köhler (Meteorologe in Potsdam, Telegrafenberg, Reichswetterdienst; übrigens Nachkomme einer alten kurhessischen Theologenfamilie) mir sagte. Ich berichte also nachstehend, ohne zur Richtigkeit des Ergebnisses endgültig Stellung nehmen zu können.

Der Statiker, der im Auftrage der Synode die statischen Verhältnisse des Turmhelms zu errechnen und zu prüfen hatte und dabei wiederholt mit mir conferierte, sagte mir, er habe ein unterirdisches Rinnsal mit der Ruthe festgestellt. Auf meine Bitte wiederholte er die Feststellung; und ich war allerdings erstaunt, wie die Ruthe jedes Mal bei Annäherung an das Objekt so stark nach oben ausschlug, dass sie allem Anschein nach die Hände des Schreitenden durch heftigen Ruck nach oben zwang, dem Ausschlag der Rute zu folgen. Autosuggestion schien nicht obzuwalten; ich hatte den Eindruck, dass die Hände ohne Willenseinwirkung einer äußeren Einwirkung (physikalischen) nachgäben.

Das Ergebnis seiner Gänge sei, so sagte er, dass ein unterirdischer Wasserlauf in knapper Entfernung (1 bis 1 ½ m) von der Westwand der Kirche und ihrer südlichen Verlängerung vorüberziehe.

Würde dies Ergebnis zutreffend und unterirdische Wasserläufe an Hängen von dauerndem Bestand sein können (der Elisabethenbrunnen bei Schröck, eine Quelle an einem östlichen Abhang der Lahnberge, hat ihr Rinnsal ja nachweislich schon 700 Jahre lang inne gehalten), so würde man an elektrische Ausgleiche über dieser Stelle denken und die Vernichtung des Haupt- und Südschiffes der romanischen Kirche durch Blitzschlag vermuten können.

Um auf alle Fälle möglicher Gefahr zu begegnen, haben deshalb wir dafür Sorge getragen, dass bei der Erneuerung des Turmes auch ein Blitzableiter (Firma Mück-Heil, Preungesheim, hat ihn ausgeführt), der überhaupt auf jedem Kirchturme, am Platze ist, aber auf dem unsrigen bisher fehlte, angebracht und auch das Kirchendach in diese Anlage einbezogen wurde. –
(Seite 210)

Der größte Teil (1434 bis 1484 insbesondere, s. S. 203) dieses Zeitraumes brachte den Orten des Gerichtes Bornheimerberg Grenzlandschicksal. Zwei mächtige Herren stritten sich um den Besitz der Orte. Das mag neben gelegentlichen militärischen Aktionen mancherlei Rechtsunsicherheit und dadurch Beunruhigung der Bevölkerung mit sich gebracht haben.

Aber näheres ist darüber nicht bekannt, weil die Urkundeneditionen hier, wie bisher allgemein, abschließen mit der Zeit, in der aktenmäßige Aufzeichnungen beginnen (1400). Über diese Letzteren sind aber bisher nur in vereinzelteren Fällen Regesten gedruckt.

Doch möchte ich einen, wenn auch unscheinbaren Zeugen des ausgehenden Mittelalters hier auch deswegen nicht unerwähnt lassen, weil er eine religiöse Note trägt. Es ist der alte Bildstock, der auf der Südseite der Homburger Landstraße an deren höchstem Punkte, ehe sie in den Diebsgrund (dieser führt seinen Namen von der Tatsache, dass in ihn ein Weg von Bockenheim zu dem Gerichtsplatze des Gerichts Bornheimerberg (s.S.204) führte auf dem die Inhaftierten aus dem Gewahrsam in Bockenheim zu der Malstätte des Gerichtes geführt wurden) hinabführt, auf Eckenheimer Gemarkung, allem Anschein nach noch auf seinem ursprünglichen Platze steht. Er trägt die Jahreszahl 1516 und – gerade noch erkennbar – die Buchstaben E.H., die wohl entweder den Ortsnamen Eckenheim andeuten oder die Anfangsbuchstaben von Vor- und Nachnahmen des Stifters sind. Eine Stiftung, sei es der Gemeinde Eckenheim, sei es eines Einzelnen, ist er wohl gewesen. Denn der Name der Feldlage „An den Drei Steinen“, der dann auch auf die nahe Straße in der Villenkolonie übertragen wurde, sowie zwei heute noch dort stehende Steinpfeiler-Reste lassen darauf schließen, dass dort zwei Stein-Rahmen – der eine in voller, der andere in halber Mannshöhe – standen, wie sie sich auch noch anderwärts in der Umgebung finden, z.B. am Heiligenstock in der Gabelung der beiden Wege von Bergen und von Vilbel her. (s. Zeichnung Seite 210 rechter Rand).

Es sind dies christliche Stiftungen, veranlasst durch das Wort: Gal. 6,2 „Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen“. Stille Zeugen der sozialen Gesinnung
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auch der vergangenen christlichen Generationen. Stumme, aber für Orientierte sehr beredte Prediger am Wege. Sie waren bestimmt, den mit ihren Erzeugnissen zu Markte gehenden Landleuten (meist Frauen) zum Abstellen ihrer Kopf- und Arm-Lasten zu dienen. Neben ihnen stand – wie im vorliegenden Falle – oft ein Bildstock (- oft auch eine Sitzbank, die aber immer als Erste dem Zerstörungstrieb roher Menschen zum Opfer fiel -) mit Heiligenbild, der die Lastenträger zum Gebet einlud: Eine Aufforderung, der die Menschen vergangener Tage bereitwilliger Folge leisteten als der Durchschnitt der Lebenden und zwar nicht nur, weil in jener Zeit eine stärkere Religiosität Gemeingut war, sondern auch weil die Gefahren der Straßen, die ja auch heute nicht fehlen (außer scheuenden Pferden, Kraftfahrzeugunfällen, Überfälle ), damals schreckhafter waren. Las ich doch – vor langen Jahren bei den Vorarbeiten zu meiner Licentiatenarbeit – in einem – um 1540 an den auf einer Reise befindlichen Landgrafen Philipp von Hessen gerichteten – Schreiben eines seiner Beamten, dass er vor Wölfen auf der Hut sein möge, deren Auftreten in der Gegend seines Rückweges (Frankfurt-Marburg) gemeldet sei. Und was noch zu Beginn des vorigen Jahrhunderts von „Schinderhannes“ und seinem ausgedehnten Anhang zu erwarten war, wissen noch heute die meisten Älteren im Kinzig-, Untermain- und Lahntal. –

Es gibt ein volkstümliches anschauliches Bild, das Luther auf damaligen Reisewagen auf seiner Fahrt zum Wormser Reichstag darstellt. Für Preungesheim ist es deswegen der Erwähnung wert, weil man sich Luther – wie er dargestellt ist – auf der Friedberger Landstraße – bei der Reise nach Ffm., wo er dann im Hause zum Straußen einkehrte und tags darauf die gegenüberliegende Lateinschule besucht und mehrer Knaben segnete, –
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reisend und die Gemarkung von Preungesheim streifend (in Gegend der heutigen „Festeburg“; über diesen Namen s.S.203 Anm.) denken darf. So wie dort dargestellt mögen ihn die Preungesheimer jener Zeit gesehen und ihm zugejubelt und ihn ermuntert haben. –

Über die Beziehung des ältesten unserer Epitaphien – über seinen Standort in der Kirche, s. S. 207, Nr. 13 der Zeichnung – zu dem Frankfurter Ratsherrn Hamann von Holzhausen, der wesentlich mitwirkte bei Einführung der Reformation in Ffm., habe ich berichtet in einer Arbeit, welche ich als Beitrag für die Festschrift zum „2. evangelischen Volkstag in Ffm. am 9.10.1927“ schrieb, entsprechend der damals an die Pfarrämter Groß-Frankfurts gerichteten Bitte, einen Beitrag über Kunstdenkmäler in der Kirche einzusenden. Da der größte Teil dieser Arbeit sich auf das Epitaph des 1586 verstorbenen Herrn von Kühhorn bezieht, reihe ich sie hier ein. Sie steht in der genannten Festschrift auf Seite 62 f, und es ist ihr eine Abbildung dieses Epitaphs und desjenigen des Pfarrers Scherer beigegeben, dass mit dem sympathischen viel besagenden Worten beginnt „Hier liegt bei seiner Gemeinde…..“ – noch der um die Jahrhundertwende aus dem Leben geschiedenen Pfarrer-Generation, von der die meisten ja einen Ruhestand und den damit meist verbundenen Wegzug aus der Kirche nicht gekannt haben, war es eine wertgehaltene Tradition, dass der Pfarrer nach seinem Ableben inmitten der Vollendeten aus seiner Gemeinde Ruhe und der Auferstehung warte. So habe ich es meinen lieben Vater und seine Freunde (Metropolitan Hartmann in Bischofsheim, Metropolitan von Stark in Bergen u.a.) wiederholt aussprechen gehört.

Der Aufsatz lautet, mit Einfügung kürzester Erläuterung:
„Die ums das Jahr 1210 oder früher erbaute, ehedem dem „Apostel der Alemannen“ St. Gallus geweihte Kirche zu Preungesheim besitzt an Kunstdenkmälern ein bemerkenswert schönes Epitaph in den Kunstformen der Hochrenaissance, so wie drei einfachere Denkmäler aus den Jahren 1676, 1716 und 1794.

Das schönste und älteste dieser Epitaphien war bisher auch das rätselhafteste. Es trägt keine Inschrift, keinen Namen, nicht einmal eine Jahreszahl, nur 6 kleinere und ein größeres Wappenschild. Das Letztere gehörte nach der einzigen in der Pfarrchronik über dieses Denkmal enthaltenen – geschichtlichen – Nachricht
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(s. drittletztes Blatt dieses Buches) der Familie von Kühhorn, die früher den Kühhornshof besaß, der ehedem zu Parochie Preungesheim gehörte.

Weitere Nachforschungen von mir im Archiv der Stadt Frankfurt haben jetzt das nachstehende geschichtliche Bild ergeben. Das Epitaph wurde errichtet für den auf dem Kühhornshof wohnhaft gewesenen Besitzer desselben, Bernhard von Kühhorn, den Neffen des Frankfurter Ratsherrn Hamann von Holzhausen, der aus der Geschichte der Einführung der Reformation in Frankfurt bekannt ist. Bernhard wurde 1518 – wahrscheinlich in Mainz, wo sein Vater als Jurist wirkte – geboren, widmete sich dem geistlichen Stande, wurde bereits in seinem 14. Lebensjahre von seinem Onkel Hamann von Holzhausen zum Altaristen an dem Altare „St. Dorotheen zu den weißen Frauen“ in Frankfurt präsentiert, war dann Kanonicus zu St. Viktor in Mainz, entsagte aber später dem geistlichen Stande und schloss sich wahrscheinlich dem Evangelischen Bekenntnisse an, wohl noch zu Lebzeiten und unter dem Einfluss Hamanns.

Im Jahre 1543 vermählte er sich mit Anna, geb. von Martorf, Witwe des Johann von Rhein, die das zweite der drei mittleren Wappen führte. für die Stadt eine geschichtlich bekannte Persönlichkeit. Auch er scheint ein besonders treuer Anhänger und Förderer eines Ordens gewesen zu sein. Denn das – schwer lesbare – Spruchband des Epitaphs lässt ihn – wie ich bei einer späteren Gelegenheit feststellte – ausrufen: Ounsir orden!

Durch die beiden Epitaphien in der St. Gallus- und in der alten St. Nicolaikirche aufmerksam geworden, sah ich das Imhof-Rodesche Wappen noch öfters, z.B. im Dome, wo es mehrfach im Querschiff als Totenschild hängt. Desgleichen in der Karmeliterkirche, in der Träger desselben direkt und nur als „von Marburg“ bezeichnet sind.

Die Frau von Kühhorn, geb. von Martorf, muss demnach eine Altfrankfurterin gewesen sein und noch dort noch eine ausgedehnte und angesehene Verwandtschaft gehabt haben, aus welcher vermutlich auch der hiesigen Kirche Stiftungen gemacht wurden.>- Im gleichen Jahre wurde er Mitglied der adligen Gesellschaft Alt-Limpurg, zu der auch die übrigen Familienmitglieder gehörten, auf die sich die weiteren Wappen des Epitaphs beziehen. Das dritte von diesen – vom Beschauer gesehen: rechts unten – ist dasjenige der zweiten Gemahlin Bernhards, Sophie von Jeckel, mit der er sich 1555 vermählt. Die beiden Wappenschilder an der linken Seite des Denkmals erinnern an Bernhards Eltern, den Doctor juris utriusque Bernhard Kühhorn von Fürfeld in Mainz – oben – und – unten – dessen Gemahlin Elisabeth von Hell, genannt Pfeffer (Der heute noch so genannte „Hellerhof“ war ein Besitztum dieser Familie). Auf deren Mutter Elisabeth, geb. von Frosch (im Wappen auf einem schräg-links – Balken 3 Frösche) und den Onkel Bernhards, den vorgenannten Hamann von Holzhausen, beziehen sich die beiden Schilde auf der rechten Seite des Denkmals (Wappen von Holzhausen: Drei weiße Rosen, zwei über eine gestellt). Dass hier – statt, wie gewöhnlich, nur der Vorfahren – auch eines Anverwandten durch die Sprache des Wappens gedacht wird, hat seinen Grund wahrscheinlich darin, dass Hamann den von Bernhards Großvater, dem Kurmainzischen Kanzler Georg von Helm, gen. Pfeffer, erbauten „Trierischen Hof“ bewohnte, den Bernhard, dessen eigenes Elternhaus ja in Mainz stand, als sein Frankfurter Stammhaus betrachtete. Bernhard starb 1586 kinderlos.

Sein Epitaph erzählt als ein durch Jahrhunderte hindurch sorgfältig bewahrtes zeit-
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genössisches Denkmal von den großen Tagen der Reformation und einflussreichen Männern, die sich zu ihr bekannt und ihr in Frankfurt Eingang verschafft haben.

Das zweite an den beiden oberen Ecken mit Rosetten verzierte Epitaph berichtet, wie auch das Dritte, von viel Herzeleid.

Das dritte Epitaph zugleich ein Glaubenszeugnis, ist vom Erbauer – bzw. Restaurator – des neuen Teiles der Kirche nach Abschluss der Bauarbeiten zur Erinnerung an seine verstorbene Frau, drei Töchter und einen Sohn, errichtet. Über der Inschrifttafel befindet sich, von schwebenden Engelsfiguren gehalten, dass Wappen des Pfarrer Bröske (ein Eichenzweig mit vier Eicheln und drei Blättern im Schilde, darüber Helm mit Helmdecke und Helmzier). Über dem Steine ist in die Wand eine in Stein gehauene Sanduhr – vermutlich ein älteres Fundstück – eingemauert. Neben dem Wappen stehen die Buchstaben: O. c. D. Sie sind vermutlich Bröskes Wahlspruch und wohl zu deuten als: Omnia cum Deo.

Das vierte Epitaph ein beachtenswertes Beispiel der Formgebung seiner Zeit, ist der Grabstein des links neben der westlichen Pforte der Kirche bestatteten Pfarrer Scherer. –

Die Kirche wurde in diesem Jahre außen und innen erneuert und wird mit elektrischer Beleuchtung versehen. Die Erneuerung des Turmes und verschiedene Herstellung an demselben sollen folgen, sobald die Kosten hierfür sichergestellt sein werden.

Im 16. Jahrhundert muss – wie bereits auf Seite 206 unter 7 und auf Seite 194 oben vermerkt – an der Kirche gebaut worden sein. Doch scheint sich diese Bautätigkeit auf Veränderungen der Fenster, vielleicht Zumauerung der Verbindung zwischen Kirchenraum und Turmerdgeschoss und vielleicht des vormaligen Triumpfbogens, Abbruch des Altars im Turmerdgeschoss und Schaffung des Turmeingangs in dessen Ostwand beschränkt und im wesentlichen eine konfessionelle Modernisierung im Sinne des hanauischen Regenten jener Zeit angestrebt zu haben.
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