Die Pfarrchronik

Pfarrchronik Teil 16

< Beitritt zur Deutschen Evangelischen Volksvereinigung >

Der „Deutschevangelischen Volksvereinigung“, die in der Stadt die Belange der evangelischen Kirche zu vertreten sich zur Aufgabe stellte, traten auch in hiesiger Gemeinde im ganzen über 160 Personen bei.

Um am Orte selbst das evangelische Interesse zu haben, versammelte der Pfarrer ab Juli 1919 je am 3. Sonntag im Monat einen kleinen Kreis von gleichgesinnten Männern, unter denen bezeichnenderweise kein Eingesessener sich fand,

(Gründung eines Evangelischen Volksvereins)

was am 25.1.1920 nicht zur Gründung einer Ortsgruppe jener Vereinigung führte, sondern zu der eines selbständigen „Evangelischen Ortsvereins“. Demselben traten an dem selben Abend 79 Mitglieder bei. Bei der folgenden Hauptversammlung wurde charakteristischer Weise der Beschluss beliebt, dass dem Gemeindepfarrer nicht das Privileg zustehen soll, ungewählt Mitglied des Vereinsvorstandes oder -Ausschusses zu sein, und dass gefordert wurde, den Satz in den Statuten zu streichen, „ausgeschlossen ist die Besprechung von religiösen Streitfragen“.

Da die Namen beider Vereine bei den meisten Mitgliedern zur Verwechslung führten und hingegen die Korporation Mitgliedschaft des Vereins von der Vereinigung nicht angenommen wurde, andererseits die Mithilfe derselben nicht entbehrt, vielmehr aber auch unterstützt werden soll – Elternbeiratswahl- und Bereitwilligkeit, uns Redner zur Verfügung zu stellen -, so wurde beschlossen im vorigen Jahr, die Mitgliederbeiträge für sie nicht mehr durch unsern Verein einzuziehen, vielmehr ihren Mitgliedern die direkte Überweisung derselben an die Vereinigung zu überlassen und derhalben aus der Vereinskasse jährlich einen Pauschalbeitrag zuzuweisen. Die Beteiligung der eingeborenen Männer ist gering. Die schon September 1924 angeregte Auszahlung eines Sterbegeldes soll deren Beteiligung mehren. Im Juni hat der Vereinsausschuss den einzigen Wahlvorschlag für den nach der neuen Verfassung zu wählenden Kirchenvorstand eingereicht und damit dessen Zusammensetzung bestimmt.

Bei der Wahl zur Nationalversammlung, am 19.1.1919, wurden 1 512 von 1 729 Stimmen in unserem Wahlbezirk abgegeben und zwar für die Kandidaten der Mehrheits-Sozialisten 732, der Unabhängigen Sozial. 114, der Demokraten 345 des Zentrums 92, der Deutschen Volkspartei 151 und der Deutsch-Nationalen 73 (Th. Carl Veith, Ffm.); bei der Wahl zum Reichstag am 6.6.1920 wurden von 1 601 Wahlberechtigten 1 333 Stimmen und zwar für den Kandidaten der Mehrheitssozialisten 426, der Unabhängigen Sozial. 309, der Demokraten 163, des Zentrums 92, Deutsche Volkspartei 229, Deutsch-Nationalen 112 (Helfrich). Acht Tage nach der Reichstagswahl schloss sich die „Preußenwahl“ an.

Bei der Elternbeiratswahl für die Theobald-Ziegler-Schule, die während des Krieges fertig gebaut worden war, wurden Juni 1920 für die geeinte evangelische Schulgemeinde Eckenheim/Preungesheim 17 Personen gewählt und zwar 8 von der unpolitisch-christlichen Liste und 9 von der sozialistisch weltlichen Liste, Juni 1922 8 von der erst genannten und 6 von der zuletzt genannten Liste, 1924 7 von jener und 2 von dieser, die sich bei der letzten Wahl als „die proletarische“ ausgab. Für die Förderklassen wurden nicht gewählt.
(Seite 165)
< Ehrung der Gefallenen > -1919-

Anfangs Februar brachte ein Vertreter der Firma Tiehl u. Wagner und Gottfried Hainersdorf, Vereinigte Werkstätten für Mosaik und Glasmalerei – Berlin-Treptow, den Pfarrer auf den Gedanken, dem Presbyterium zu Ehren der Gefallenen unserer evangelischen Gemeinde, die Neuherstellung der beiden großen Kirchenfenster in Glasmalerei mit den Namen der Gefallenen darunter, zu empfehlen. Die Vertretung ging auf diesen Gedanken ein und plante in dem linken Fenster die Auferstehung Christi, in dem Rechten den Barmherzigen Samariter bilden zu lassen mit der Unterschrift „Ich lebe und ihr sollt auch leben“ und „gehe hin und tue desgleichen“, hierunter die Worte „im Weltkrieg fürs Vaterland starben 1914 – 1918 dann die Namen der Gefallenen – und zuletzt „Niemand hat größere Liebe, denn die, dass er sein Leben lässet für seine Freunde“, womit zugleich eine erbauliche Verschönerung erreicht werden sollte. Am Osterfest wurden nach dem Gottesdienst der Gemeinde die diesbezüglichen Entwürfe gezeigt und dann von den Mitgliedern eine Hauskollekte des großen Presbyteriums erhoben, die 3.244 Mark ergab. Am 13. Mai 1919 wurde genannter Firma die Lieferung gegen 4.500 Mark – den Rest sollte die Pfarreikasse übernehmen – die Lieferung der Fenster zu geben beschlossen mit allen Stimmen. Anderen Tages, noch ehe der Beschluss weiter gegeben war, erschien der Glasmaler Witthuhn aus Berkersheim mit der Mitteilung, es wäre der Wunsch von Mitgliedern des großen Presbyteriums, dass er noch zum Wettbewerb zugelassen würde. Der Pfarrer glaubte die Vertretung noch einmal hören zu sollen; sie beschloss die Ausführung des Beschlusses zu verschieben und Firma Witthuhn und die berühmte Firma Prof. A. Linnemann – Ffm, zur Einreichung von Entwürfen aufzufordern. Trotzdem, dass der Kunstkonservator Dr. Luthmer letztere Firma in erster Linie empfohlen hatte, wurden dann mit Majorität die Entwürfe Witthuhns angenommen und beschlossen, ihm gegen 5 000 Mark die Lieferung zu übertragen. Obgleich das Consistorium auf Grund des Gutachtens des Sachverständigen eine nochmalige Prüfung der Entwürfe anheim gab, wurde der Beschluss mit 6 Stimmen bei 3 Stimmenthaltungen aufrecht gehalten. Der Schwätzer, der auf schnell lohnende kleine Arbeiten angewiesen war, hätte im ersten halben Jahre – bis Herbst 1920, für den ausgemachten Preis den Auftrag erfüllen können. Anstatt zu bekennen, dass er weiterhin dies nicht könne, hielt er uns hin mit eitlen Versprechungen. Zuletzt war auch die Hilfe des Gerichts ergebnislos – anfangs Oktober 1922 beschloss man, an eine andere Firma heranzutreten. Firma Linnemann war bereit, jetzt noch für 172 000 Mark zu liefern, welche Summe schließlich durch freiwillige Gaben hätte aufgebracht werden können. Da wurde am 8. desselben Monats in einer Gemeindeversammlung in der Kirche, von 50 Personen besucht, gegen 3 Stimmen beschlossen,
(Seite 166)
sich mit der Beschaffung einer marmornen Gedächtnistafel zu begnügen, „um einer Erhöhung der noch zu erwartenden Kirchensteuer um 2% zu entgehen“. Die Lieferung wurde der Firma Luft und Stang in Eckenheim übertragen. 2,10 x 1m groß mit galvanoplastischem Kranz und eisernem Kreuz darauf, trägt sie 58 Namen – darunter die von 3 Brüderpaaren. Die Enthüllungsfeier folgte am Totenfest 1922 desselben Jahres im Abendgottesdienst, nach der Ansprache unter Verlesung der Namen bei Geläute der Glocken und leiser Orgelbegleitung und bei elektrischer Beleuchtung der Tafel – umrahmt von Orgelspiel, Chorgesängen, Cellospiel und Deklamation -.

Die Tafel kostete 26 661 Mark. An Fenster mit Glasmalerei wird weiter gedacht.

< Weitere Pfarrland-Verpachtung >

Hier muss im Anschluss an Eintrag Seite 149 weiter berichtet werden, dass 1919 mit Genehmigung des Consistoriums ohne öffentliches Ausgebot, das Pfarrland verpachtet wurde. 5 ½ Morgen wurden auf 60 Jahre in Erbpacht und Erbbau gegeben gegen einen jährlichen Zins von 2 ½ % Zins von 17 000 Mark für den Morgen. Der Frankfurter Pächter (H. W. Römmer) wollte durch Afterpacht seinen Nutzen suchen und musste nach vielen Verhandlungen zur Räumung verurteilt, das Land Anfangs Juni 1924 wieder zurückgeben. Darauf wurde dasselbe auf 30 Jahre an zwei Gärtner aus hiesigem Ort gegen den doppelten jeweiligen Pacht – der Pacht für den Morgen beträgt jetzt 30 Mark -.

Die, ausschließlich Pfarreigarten verbleibenden 115 Morgen wurden mit 25 Morgen zu je 3-Ar-Parzellen – und die übrigen 90 Morgen zu je 30 Ar zu gärtnerischen bzw. landwirtschaftlichem Betrieb an die sich meldenden je nach Bedürftigkeit von einer dazu bestimmten Kommission verteilt, wobei 96 Familien nicht berücksichtigt werden konnten.

Auch suchten der Postsiedlungsverein und die Kleingartenbauvereinigung aus der Stadt und zuletzt noch 1922 die Ortsgruppe Eckenheim/Preungesheim des Reichsbundes der Kriegsbeschädigten vermeintliche Rechte an die Pfarrpacht geltend zu machen.

< Begrüßung der aus der Gefangenschaft heimgekehrten Krieger. s. Protokollbuch Seite 199 >

Diese fand am 2. Osterfesttag 1920 in der Kirche statt. Die beiden bürgerlichen Gesangvereine sangen neben dem Kirchenfrauenchor. Der Arbeitergesangverein Frohsinn, lehnte ab, da er seine Vereinsmitglieder begrüßte habe. Er hatte inzwischen beschlossen, überhaupt in der Kirche nicht mehr mitzuwirken. Von den 25 Heimgekehrten (unter ihnen befand sich auch der zweite Sohn des Pfarrers, Cand. Theol. Studienassessor Dr. phil. Während sein dritter und jüngster Sohn mit 18 ½ Jahren in französischer Gefangenschaft an dem in Nachtpatrouille erhaltenen Kopfschuss zu Montdidier gestorben war. Nach dessen Tod stellte sein älterer, unabkömmlicher Bruder einen Missionsprediger in sein Pfarramt und ging mit der Waffe ins Feld und kehrte, bei ?Turnuyol? am Oberschenkel verwundet, heim). Die zur Feier eingeladen waren, hatten sich 14 vor dem Altar niedergelassen; während mehrere auf der Empore Platz genommen hatten. Nach Begrüßung durch die Predigt begrüßte namens des Presbyteriums Kantor Reich
(Seite 167)
die Heimgekommenen, unter denen er seinen 2. Sohn zu vermissen hatte.

< Reichswehr >

Die Reichswehr, die unter der umsichtigen Führung des Rittmeisters De Neufville in der Bonameser Kaserne lag und zum Heiligen Abend sich von dem früheren Divisionsprediger Carl Veidt (Paulskirche) eine Andacht in hiesiger Kirche hatte halten lassen, war mit ihrer Kapelle zur Begrüßungsfeier eingeladen worden. Doch war sie zuvor noch weiter verlegt worden, was ja auch die tags darauf erfolgte Besetzung der Stadt gefordert hätte (Seite 163). Durch den zwei Wochen zuvor ausgebrochenen Kapp-Putsch hatte sich De Neufville nicht verwirren lassen. Zahlreich waren die Frankfurter Studenten zu ihm geeilt, um sich als Zeitfreiwillige ihm zur Verfügung zu stellen.

Im Gefängnis, wo seit dem Umsturz die Insassen soviel Zeitungen lesen konnten, als sie wollten, wurde für den 14. März der Gottesdienst abgesagt, um die Gefangenen nicht sich versammeln zu lassen. Hier hatte der Stelleninhaber, nach Weggang des Pfarrers A. Goetze von Michaelis, 1919 die Stellenvertretung im Anstaltsdienst übernommen, von Juni 1920 nicht mehr abwechselnd sondern bei den Männern und Frauen sonntäglich predigte bis Pfarrer Walter Borning nach halbjährigem Hilfsdienst ihm jegliche Verpflichtung dieses so zeitraubenden, aber sehr anregenden Dienstes, am 1. Oktober 1921 abnahm.

< Zur Erinnerung an 1521 >

Das Jahr 1921 – die Wiederkehr des Jahrestages von Luthers Auftreten zu Worms – brachte eine Lutherfeier in Kullmanns Saal am 1. Mai, am 29. die Aufführung von Dechant`s (Ffm.?) „Luther in Frankfurt“ durch den Oberräder Jünglingsverein im Reitz’schen Saal, vom 16. – 24. April die Aufführung, die auch von unserer Gemeinde ziemlich besucht wurde, des Devrient’schen Lutherfestspiels im Schumanntheater. Bei der Mitwirkung von 200 Frankfurter Gemeindegliedern machte sie einen tiefgehenden Eindruck auf die Zuhörer.

< Einführung der Kirchensteuer >

Um die Einführung der Kirchensteuer noch weiter hinzuhalten, wurde der Antrag bei dem Consistorium Anfang des Jahres gestellt, nun auch die Überweisung von Pfarreiland an die Kirchengemeinde zu genehmigen. Obgleich Generalsuperintendent Fuchs persönlich darauf hinwies, dass es nicht klug sei, das doch indirekt der Kirchengemeinde zu gut kommende Pfarreivermögen zu schmälern, vielmehr die Einführung der kirchlichen Umlage anzuraten sei, wurde doch noch einmal hiervon Abstand genommen. Am 5.12.1922 wurde sie endlich und zwar mit 10% von
800.000 Mark Reichseinkommensteuer fürs ganze Steuerjahr beschlossen. Zur Beruhigung der Parochien eine aufklärende Gemeindeversammlung einzuberufen, wurde abgelehnt weil „wegen der kleinen Steuerbeträge zumal bei der Wertlosigkeit des Geldes keine Aufregung zu erwarten sei“. Die drei Arbeiter, die anlässlich der Steuererhebung austraten, taten es auch nur um ihre kirchliche bzw. religiöse Gleichgültigkeit nicht zu verleugnen.
(Seite 168)
Nachdem für 1923 im März als Steuerfuß 20%, im September wegen der zunehmenden Geldentwertung als Kirchensteuer das 12-fache der 1922er Reichseinkommensteuer angenommen war, wurde zuletzt im Ende November beschlossen „als kirchliche Umlage für die zweite Hälfte des Steuerjahres (1.10.23 bis 31. 3.24) – für die erste wird davon abgesehen – 0,02 % des Kirchensteuerjahresgrundbetrags (50% der Reichseinkommensteuer von 1922) in Gold nach dem Goldumrechnungssatz, nach Verordnung vom 11.10.23 zu erheben.

< Die Überreichung von Traubibeln >

Aus 1920 ist nachzutragen, dass ab Mai Traubibeln unentgeltlich den Brautleuten auf Kirchenkassenkosten gegeben wurden, die Trautestamenten bald weichen mussten, werden ab 1. Januar 1923 auch diese nicht mehr überreicht werden konnten. Von April 1924 wurden wieder Bibeln gegeben.

< Inflationsnot >

Die von den Wucherern herbeigeführte Inflation und darauf beruhend Wertlosigkeit des Geldes – bis zur Einführung der Rentenmark am 16. November 1923 erreicht der Dollar die Höhe von 4,2 Billionen Papiermark – mögen folgende auch für hiesige Geschichte sonst bedeutsame Zahlen zeigen: Die Anfangs März 1922 dem Stelleninhaber für evangelische Vereine und Anstalten von seinem Bruder überwiesenen 100 Dollar seiner Gemeinde Little Rock – Arkansas („Deutsche Nothilfe“) wurden hier mit 25 347,30 Mark gezahlt (¼ davon wies ich der Kleinkinderschule und dem Diakonieverein dahier zu). Das im August desselben Jahres abgehaltene Kleinkinderschulfest brachte als Reingewinn 7 542 Mark. Das am 22. März berechnete Pfarrgehalt stellte sich auf 875 289 Mark, während es am 12. November 23 für die Zeit vom 1.7.23 bis 31.3.24 auf 368.228.274.141 Mark berechnet wurde.

Durch die inzwischen allermeist nicht rechtzeitig erfolgte Auszahlung dieser Summen konnte man sein Gehalt eine Gehaltsstufe weniger werten. Dies kirchliche Notopfer der Gemeinde, zu dem man auch hier die Zuflucht nahm Juli 1923 , ergab 5 792 495 Mark, welche Summe sich durch Kauf und Verkauf von Braunkohlenaktien und Schatzwechseln in 2 Monaten samt Zinsen auf 7.612.800 Mark erhöhte. Eine Hauskollekte, die März desselben Jahres für die Kinder- und Krankenpflege zur Erhebung kam, brachte 12 502 Mark. Ab Oktober 1922 wurde der amtlich notierte Roggenpreis aller Preisberechnung zu Grunde gelegt. November 1923 wurden der Kirchengemeinde 9 Billionen Mark unverzinslich von der Regierungshauptkasse geliehen um das Pfarrgehalt zahlen zu können. Diese 9 Billionen sind mit 9 Mark heutigen Wertes zurückzuzahlen.
(Seite 169)

< Wahl des neuen Kirchenvorstandes nach der am 1.6. in Kraft getretenen neuen Kirchenverfassung>

Wie 1921 über dem als einzigem vorliegenden Wahlvorschlag sich uns die Wahl zur Verfassungsgebenden Kirchenversammlung, und dann auch die Wahl zum Landeskirchentag erübrigte, so auch 1924 die Wahl des neuen „Kirchenvorstandes“ für die Gemeinde. Von einer Erhöhung der Zahl der Gemeindevertreter hatte das Presbyterium abgesehen. Hingegen wurde eine Frau Mitglied des Kirchenvorstandes wie auch von der Wahl zu „Außerordentlichen Mitgliedern“ zwei bisherigen Mitgliedern des großen Presbyteriums gegenüber Gebrauch gemacht wurde. Von ihnen hatte sich sehr verdient gemacht Bezirksvorsteher, früherer Bürgermeister Heinrich Steuernagel. An Ausschüssen wurden gewählt ein Ältesten-Ausschuss, einer für das Rechnungs- und Steuerwesen, einer für das Bauwesen, einer für die Kinder- und Krankenpflege und einer zur Aufsicht über den Baumbestand auf dem Pfarreiland.

< In-Ruhestandversetzung >

Der Stelleninhaber, der sich ab 1. April 1924 der Metropiltanatsgeschäfte, die er 17 ½ Jahre lang geführt hat, schon hatte entheben lassen, hielt es für seine Pflicht einer jüngeren Kraft im Pfarramt dahier Platz zu machen und bat seine Behörde um in Ruhestandversetzung ab 1. November desselben Jahres. Sie wurde ihm vom Landeskirchenamt unter Schreiben vom 17. Juli von genanntem Zeitpunkt an zugebilligt. So schied er dann nach 42 ½ jährigem Dienst, hier nach 23-jährigem, im Alter von 68 ½ Jahren aus dem Dienst der Kirche.

Nachdem er am 26. Oktober sich in der Kirche unter Zugrundelegung des apostolischen Segens 2. Cor. 13,13 verabschiedet hatte, gab ihm die Gemeinde am folgenden Tag im Kullmannschen Saal durch den Frauenverein unter Leitung des Vorstandes des Volksvereins eine Abschiedsfeier, bei der demselben eine Mappe mit Fotografien von der Kirche, dem alten und neuen Pfarrhaus überreicht wurde. Die ihm noch überreichten 50 Mark gab er zu dem Fond für Beschaffung von Glasgemälden in den Fenstern zur Seite der Gedenktafel, für welchen er ab September 1923 zu sammeln angefangen hatte.

Während seines Amtes dahier amtierten mit Predigten und Konfirmationsunterricht in der Gemeinde je ein Jahr lang die Lehrvikare Hans Fritsch, Sohn des Hauses – jetzt Pfarrer in Fulda und Leiter des evangelischen Lyzeums, während sein älterer Bruder Pfarrer zu Rommershausen und Leiter der ländlichen Volkshochschule zu Richerode ist. Und Heinrich Karl aus der Stadt Bornheim – letzterer auch mit Einführung in den Strafgefangenen-Dienst durch den Anstaltspfarrer – die ihm ab Oktober 1912 bzw. 1922 zur weiteren Ausbildung zugewiesen worden war.

Wenn ich zuletzt nicht unerwähnt lassen möchte, dass ein großer Nussbaum 1915 auf der Südseite des Kirchturms vom Sturm gefällt und 1922 ein noch schöneres Exemplar auf dem Rondell auf der Südseite
(Seite 170)
des neuen Pfarrhauses durchs Alter abgängig wurde, so verbinde ich damit den Wunsch und das Gebet zu Gott dem Herrn: Er wolle aus Gnaden der Gemeinde durch Jesum Christum eine treue Schar von aufrichtigen und gläubigen Seelen schenken und erhalten, die in seines Geistes Kraft dem Ansturm der Welt sieghaft Widerstand tun und wirksames Zeugnis ablegen dürfen, dass Er der Heiland bleibt für Zeit und Ewigkeit. Mit diesem Wunsch grüße ich auch meine Nachfolger.

29.4.24 Metropolitan und Pfarrer a. D. Fritsch
I. Gesammelte Einzel-Daten:

Am 1.4.1886 wurde Preungesheim aus dem Landkreise Hanau des Regierungsbezirkes Cassel in den Landkreis Frankfurt am Main des Regierungsbezirks Wiesbaden umgemeindet.

Am 1.4.1910 wurde die bis dahin selbständige Dorfgemeinde Preungesheim in bürgerlicher Hinsicht der Stadt Frankfurt am Main eingemeindet.

Das Schulhaus am Südosteck des Pfarrgarten ist 1867 begonnen worden (später zeitweilig: katholische Schule)

Das Schulhaus im „Alten Pfarrweingarten“ – jetzt Weinstraße 34 nebst den westlich davon gelegenen Gartenstücken – wurde ca. 1898 erbaut.

Die Theobald-Ziegler-Schule wurde erbaut ca. 1912 – 1914, in der nachmaligen katholischen Schule waren zuerst die Kinder vom 6. – 10. Jahr bei Herrn Lehrer Reich, der nachmals als Erster den Kantortitel erhielt; die vom 10. – 14. Jahre waren derweilen in der heutigen Kleinkinderschule bei Herrn Lehrer Meiss .

Geläutet wurde von den 1860er bis 1880er Jahren:
1. In die Schule (winters acht, sommers 7)
2. 11.00 .Uhr (Mittagsläuten)
1. Um 1.00 Uhr (in die Schule)
2. bei eintretender Dunkelheit ( Abendläuten)

Bei Beerdigungen 3 x Geläut, wie jetzt (die Konfirmanden besorgten alle Geläute). „Grabaufläuten“ erst seit politischer Eingemeindung.

Am Tage vor der Beerdigung gingen zwei Nachbarn des Verstorbenen im Dorfe rundum und luden zur Beerdigungsfeier ein.

Der nächste Nachbar trug das Kreuz vor (Nach mündlichem Bericht von Herrn Schiedsmann Heinrich Boss, Weinstraße 26) .

Die Särge wurden bis etwa 1880 auf der Schulter, später – bis zur politischen Eingemeindung – mit der Hand getragen; werden jetzt auf 4-rädrigen Handwagen, den die Friedhofsangestellten schieben, zu Grabe gebracht.

Die Krankenpflegestation des Evangelischen Diakonievereins Preungesheim besteht seit 1902.
(Seite 171)
Die Kleinkinderschule ist begründet im März 1894. Besucher: 1920: 55 Kinder, 1925: 74, 1930: 65 Kinder.

Der Wartburgverein ist gegründet 1927. Mitglieder: 1928 ca. 18.

Der evangelische Mädchenbund ist begründet 1909. Mitglieder: 1910 ca. 12, 1920 ca 15, 1930: 20. Angeschlossen an evangelischen Verband weiblicher Jugend in Ffm, Leiterin derzeit: Fräulein Weiß, Schneidhainer Str. 3

Der evangelische Volksverein ist gegründet 1923. Mitglieder: 1925 ca. 110, 1930: 146.

Der evangelische Diakonieverein ist gegründet 23.4.82 als Diakonieverein. Der Frauenverein ist gegründet 1893. Vereinigt wurden beide seit 1903 durch gemeinsame Sitzungen, 1925 auch finanziell.

Die Diakoniestation I ist gegründet 1902

Die Diakoniestation II für den Südbezirk: 1. April 1930.

Mitglieder im Nordbezirk: 1930 ca. 310, Mitglieder im Südbezirk 1930: ca. 80

Die Orgel

Nach Ansicht eines Orgelkünstlers der uns ein Orgelkonzert an einem Sonntagabend gab (von der Au, aus Mainz) und den ich nach seinem Urteil über unsere Orgel und insbesondere darüber befragte, ob er in ihrem Bestande etwas vermisse, wäre ihr im II. Manual noch ein sehr leises Register (Echo, Dulciana, 8′) zu wünschen. Spielbarkeit, Abstimmung und Allgemeinzustand der Orgel bezeichnete er, von mir um sein Urteil als Specialfachmann befragt, als sehr gut, was mich sehr freute, nachdem ich einige Jahre lang die Klagen hatte anhören müssen über das Fehlen der im Kriege abgelieferten Prospectpfeifen, die vor meiner Zeit noch nicht wieder ersetzt worden waren und wegen ihrer hohen Kosten neben den Ausgaben für die überdringlichen Reparaturen im Innern und Äußeren der Kirche auch nicht sofort ersetzt werden konnten.

Eine statistische Feststellung

Am 1. April 1935 enthielt die Kartei 1 496 Karten, 654 rein evangelische Ehen, 201 Mischehen, 683 Ledige, zusammen 2 661 Gemeindeglieder. Als evangelisch sind ferner hierzu zu rechnen etwa 600 – 300 Gefangene der hiesigen Strafanstalt (zeitweilig noch mehr).

Die alten Wandgemälde

im Erdgeschoss des Turmes und in der Kirche betreffend: Die Gemälde wurden freigelegt durch die Firma Hembus Ffm, Gutleutstraße 96 und zwar durch den bei dieser Firma beschäftigten Maler Kurt Weidemüller, Ffm, Wallauer Str. 13. Eben derselbe hat auch die großen Wandgemälde im Karmeliterkloster in Ffm freigelegt.

Die Kronleuchter sind im Februar 1928 beschafft gleichzeitig mit der Installierung des elektrischen Lichts in der Kirche im Anschluss an die Renovierung des Kircheninneren, die Anfangs 1927 ausgeführt und so gefördert wurde, dass die Konfirmation 1927 wieder in der Kirche stattfinden konnte.

II. Eingehendere Ausführungen:

Mein verehrter Herr Vorgänger, der in Folge der damaligen Wohnungsknappheit noch 3 ¼ Jahre im Pfarrhause wohnen blieb, erbat sich mehrmals und für längere Zeit dieses Buch. Ich beschränkte mich deshalb damals nur dann auch später auf Notierung einzelner Daten, dem ich erst jetzt 1936, befreit von Erteilung des Konfirmandenunterrichts, Eingehenderes folgen lassen kann.

Im Folgenden stelle ich nun zusammen,

1. was mir außer dem von meinen verehrten Herrn Vor-Vorgängern bereits aufgezeichneten noch an geschichtlichen Nachrichten bekannt geworden ist und zwar

a. gelegentlich der Wiederherstellungsarbeiten an der Kirche (besonders dem Turm), über die gleichzeitig berichtet wird, und am Altpfarrhaus und
b. gelegentlich der Vorarbeiten zu Aufsätzen für Festschriften (Evangelische Volkstage; 60-jähriges Jubiläum des hiesigen Kriegervereins bzw. Gauturnfest) und den Frankfurter Kirchenkalender, sowie
c. bei der Vorbereitung auf Referate im evangelischen Volksverein, Frauen- und Diakonieverein, NS-Frauenschaft und anderem ferner
d. bei den Vorbereitungen auf die Predigten des Kirchweihtages, an dem noch stets an Ereignisse aus der Geschichte der Gemeinde und der St. Galluskirche anknüpfte und
e. bei dem Bestreben, in Kindergottesd., Konfirmandenunterricht und Christenlehre den Kindern auch die Kirche ihrer Heimat und diese letztere selbst, wobei manches, was alte Gemeindeglieder, die ich besuchte, erzählen, beste Dienste leistete, lieb zu machen.
Als Teil 2 vermerke ich Ereignisse während meiner Amtszeit.
(Seite 172)
Teil 1.

Vorgeschichtliches und Geschichtliches

Aus der Vorgeschichte

Gelegentlich der umfangreichen Wiederherstellungsarbeiten am Turm der Kirche 1934, 1935 und 36 bemühte ich mich auch, über die Geschichte des Kirchengrundstücks ein Bild zu gewinnen, um nicht nur über die Bauteile aus den verschiedenen Perioden mich zu informieren, sondern um auch etwaige Bodenfunde beurteilen zu können. Einer der Fachleute, die ich damals (Ende 1934 und Anfangs 1935) aufsuchte, ein Prähistoriker (wenn ich mich des Namens recht entsinne Prof. Dr. Woelcke, der am historischen Museum tätig ist. – Der Name ist zutreffend wiedergegeben. Er sagte mir am 3.5.1935, der Bachberg sei als prähistorische Siedlung noch nicht „erwiesen“. Den Weg vom Ulmenrick nach Ffm., der nahe am Bachberg und Kirchengrundstück vorbei führt, erklärte er, bestimmt für eine Straße aus der jüngeren Steinzeit, der „Zeit vor 4000 Jahren“) sagte mir, dass unser Kirchengrundstück an einer Fernstraße aus der jüngeren Steinzeit liege, die von Nord nach Süd verlief. Die Straße „Am Flutgraben“ und die „Kreuzstraße“, welche ungefähr im Zuge dieser vorgeschichtlichen Straße liegen, wären demnach die ältesten Straßen in Preungesheim und in ihrer ursprünglichen Anlage schon vorhanden gewesen – weit über 2000 Jahre – , ehe der Ort Preungesheim entstand.

Das Rätsel, dass die Erklärung des Bachberges, dieses bemerkenswerten geschichtlichen Denkmals in Preungesheim, aufgibt, ist noch immer nicht gelöst. Der bekannte Limesforscher, Herr Professor Dr. Georg Wolf, hat in seinen literarischen Veröffentlichungen nur Vermutungen über die Zeit seines Entstehens geäußert, und die an einem Teil desselben vorgenommenen, von Herrn Pfarrer Junghans veranlassten Grabungen haben kein zuverlässiges Resul-
(Seite 173)

tat ergeben. Ich nehme an, dass es ein Häuptlings- oder – was mir wahrscheinlicher ist – ein Sippengrab ist aus vorgermanischer, bisher nicht näher bestimmbarer Zeit ist. Ich nehme ferner an, dass die nahe Quelle, der Bachborn, die Veranlassung zur Siedlung jener Sippe gegeben hat. Und ich vermute ferner, dass
ebendieselbe Quelle später den Alemannen der Anlass zur Siedlung wurde und dass derjenige zu vermutende fränkische Lehnshof, als dessen nachmalige Lehensinhaber ich die Herren von Preungesheim ansehe, auch in der Nähe dieser Quelle angelegt, und im Mittelalter zu einer burgartigen Wehranlage (ähnlich der Wasserburg „Kühhornshof“, nachmals Bertramshof, die auch an einer Quelle lag, deren Umfriedung ja noch jetzt besteht; ebenso wie der Burggraben und das Torhaus. – Vergleiche auch das v. Holzhausensche Schlösschen im Holzhausenpark und die Burg der Schelm von Bergen in dem benachbarten Bergen, sowie die Reste der Burg der Herren von Dorfelden in Niederdorfelden.) ausgebaut worden ist. Daraus wird erklärlich, dass Bodenfunde aus den verschiedensten Zeiten dort gemacht werden konnten. Noch heute heißt die Feldlage östlich der Quelle „Der Alte Hof“. Die Bezeichnung umfasst das Gelände in dem Eck hinter den Häusern der Homburger Landstraße, der Weinstraße und des Weges „Am Bachberg“. Noch heute besteht ein Zufahrtsweg zu diesem Gelände zwischen den Häusern Nr. 2 und Nr. 4 der Weinstraße, der „Weg nach’m alte’Hof“.

Ein kleiner Weiher (seit langen Jahren mit Erde aufgefüllt), der an der Bodenvertiefung westlich neben dem Bachberg noch zu erkennen ist,
(Seite 174)

und wahrscheinlich ein Rest des mittelalterlichen Burggrabens war, wurde bis in neuere Zeit (wohl bis zur Anlage der Wasserleitung im Orte) als Feuerweiher benutzt. Dadurch wird erklärlich, dass unter anderem die Meinung aufkam, der Bachberg sei lediglich aus dem Aushub des Erdreichs bei Anlage des Feuerweiher entstanden.

Nicht versäumen will ich, darauf hinzuweisen, dass die Schwierigkeit für Vornahme von Grabungen, auf die meines Wissens Herr Professor Wolff hinwies, und die darin bestand, dass der Aushub wegen des sumpfigen Charakters der Umgebung des Bachbergs nicht weggefahren werden könnte, jetzt nicht mehr besteht. Seit Anlage der Kanalisation – sie ist während meiner Amtszeit im ganzen Orte durchgeführt worden – , deren Ablauf in der westlichen Weinstraße über 7 m unter der Erdoberfläche liegt, hat sich der vormals sehr hohe Grundwasserstand um den Bachberg so gesenkt, dass das ganze Gelände jetzt sumpffrei und auch mit schwerem Fuhrwerk befahrbar geworden ist. Viele früher feucht gewesene Keller im Orte sind mit Anlage der Kanalisation trocken geworden.

Noch mehr als das Interesse der Geschichtsfreunde erfreut sich der Bachberg übrigens im Winter der Beliebtheit bei der rodelnden Jugend schulpflichtigen und vorschulpflichtigen Alters. Die redet dann von ihrem Bachberg soviel und entwickelt auf ihm
(Seite 175)

ein so fröhliches Treiben, dass ein humorbegabter Vater den Namen Bachberg- Tiroler für die Preungesheimer Jugend erfand, was gewiss ein heimatverbundener Name für eine Vereinigung froher Preungesheimer Jugend wäre.

Zeit der Besetzung durch die Römer

Wie andere Teile der Wetterau, zu der Preungesheim sprachlich (mundartlich) und seit der Gauverfassung verwaltungsmäßig, also bis zur Entstehung der Landesherrschaft Hanau auch geschichtlich gehört, war auch die Gemarkung Preungesheim bis um 260 nach Christus römisches Decumatenland. Reste aus jener Zeit haben sich aber außer in den römischen Straßenzügen, von denen einer nahe südlich des Kirchengrundstücks, den alten nordsüdlichen Fernweg schnitt, nicht erhalten im eigentlichen alten Wohngebiet des Ortes. Weit südlich des vormaligen Dorfes, am Marbachweg, sind in Preungesheimer Gemarkung vorgeschichtliche Gräber aufgefunden worden.

Ob Christen zur Römerzeit im hiesigen Teile des Decumatenlandes siedelten, ist darum – so interessant die Feststellung wäre – nicht zu ergründen; so nahe auch die Annahme liegt, dass unter den in hiesiger Gegend angesiedelten römischen Veteranen auch ein oder der andere Christ gewesen sein könne. Ebenso die weitere Annahme, dass in Mainz ansässige christliche Kaufleute bei ihren Handelsreisen die erste Kunde von der frohen Botschaft hierher gebracht haben könnten. Nur das steht fest, dass von West nach Ost ein reger Verkehr durch unser Ortsgebiet stattgefunden haben muss, worauf auch der Name der „Weinstraße“ als einer alten fahrbaren „Wagenstraße“
(Seite 176)

deutet.

Alemannische Zeit. Um 260 – 500.

Um 260 nach Christus haben die aus dem Raum nördlich des Maines vordringenden Germanen alemannischen Stammes die Römer zurückgedrängt, ihre befestigten Plätze in Taunus und Wetterau gebrochen und das eroberte Gebiet besetzt und besiedelt. Ich weiß zwar, dass die Allgemeingültigkeit der historischen These angegriffen worden ist, wonach die Endsilbe „ingen“ am Ortsnamen meist auf alemannischen Ursprung, die Endsilbe „heim“ auf fränkischen Ursprung hinweise. Aber wenn sie auch gewiss nicht in jedem Falle angewandt werden darf, wo die weiteren Umstände einer solchen Deutung entgegen stehen, so scheint sie mir doch da durchaus beachtlich, wo die Umstände eine solche Deutung unterstützen, wie mir dies für den Namen unseres Ortes der Fall zu sein scheint.

Aus „Reimer, Hanauisches Urkundenbuch“, ist ersichtlich, dass in früher Zeit auch der Name Bruningen gebraucht wurde, der auf Entstehung in alemannischer Zeit hinweist.

Will man versuchen, sich von der Entstehung eine Vorstellung zu machen, so hätte man sich zu denken, dass ein alemannischer Germane mit dem Namen Bruno sich in der Nähe einer Quelle (des heutigen Bachborns) ansiedelte. Seine An- und Zugehörigen wurden die Bruninge genannt, ihr Wohnplatz „Bruningen“.
(Seite 177)

Fränkische Zeit

Im Jahre 496 besiegte der Frankenkönig Clodwig die Alemannen bei Zülpich und besetzte ihr Land. (Er hatte die burgundische Prinzessin Clothilde zur Gemahlin, die Christin war. Er gelobte vor der Schlacht, auch Christ zu werden, wenn Gott ihm den Sieg schenke. Der Bischof Remigius von Reims hat ihn an Weihnachten des Jahres 496 getauft und dabei das bekannte Wort gesprochen: Neige dein Haupt, stolzer Sigambrer! Was du bisher verehrt hast, dass verbrenne! Und was du bisher verbrannt hast, das verehre!)

Ein Drittel des Bodens im eroberten Gebiete fiel dem Sieger als Königsland zu; allgemein.

Die restlichen zwei Drittel behielten die im Lande bleibenden Vorbesitzer, die also Alemannen waren und deren Blut und Anschauungen und Traditionen neben den fränkischen noch längere Zeit fortwirkten. Vielleicht ist diese alemannische Tradition, die Preungesheim vor den Nachbarorten (die als Orte auf …heim alle erst in der fränkischen Zeit entstanden sind, während das vorher schon bestehende Bruningen m. E. in der fränkischen Zeit als Modernisierung lediglich noch die neue Endsilbe …heim bekam) voraus gehabt zu haben scheint, es gewesen, die dazu geführt hat, nachmals als Kirchenpatron den „Apostel der Alemannen“, St.Gallus zu wählen.

Der König schuf aus seinem Königsland vielerorts

1) ein Lehnsgut für einen ihm dienstpflichtigen, insbesondere auch zur Heerfolge verpflichteten Lehnsmann; aus diesen Lehnsleuten entwickelte sich nach und nach der Stand der Ritter; auch hier ist, wohl schon in früher fränkischer Zeit, ein solches weltliches Lehnsgut entstanden, dass nachmals aller Wahrscheinlichkeit das Gut der Ritter von Preungesheim gewesen ist.

2) ein Kirchlehen nach Erbauung einer Kirche (so genannte „Eigenkirche“), zu der dann ein größerer Sprengel geschlagen wurde, in dem sich noch mehrere Kapellen befinden konnten, während die Mutterkirche, an deren Ort der Kirchspielpfarrer wohnte, ecclesia parochialis genannt wurde. Schon 1275 wird die Kirche von Preungesheim so bezeichnet. Sie ist also eine alte Sprengelkirche, zu der ursprünglich wohl eine größere Anzahl von Orten (ich hörte einmal Harheim als solche nennen und vermute – durch die Urkunde von 1275 zu dieser Vermutung angeregt – , dass vielleicht auch Rödelheim zu Preungesheim gehörte) und bis ins 18. Jahrhundert Berkersheim und bis vor wenigen Jahrzehnten Eckenheim eingepfarrt waren.

Dass dies Kirchlehen, von dem beachtliche Teile noch als das heutige Pfarrgut und als Küster- , Lehrer-pfründe bestehen, von einem der deutschen Könige wahrscheinlich in früher fränkischer Zeit (etwa im 6. oder 7. Jahrhundert; spätestens im 8. – denn 772 leben ja christliche Besitzer hier; vergleiche die Urkunde aus jenem Jahre in Reimers Urkundenbuch -) gestiftet worden ist, erhellt aus der Tatsache, dass der Tausch des Patronats über die hiesige Kirche, der im Jahre 1275 stattfand, vom König Rudolf von Habsburg
(Seite 178)

genehmigt werden musste als dem Oberlehnsherrn. Aus der Tatsache dieser Genehmigung (die Urkunde existiert noch im Staatsarchiv in Stuttgart. geht hervor, dass der Herr von Falkenstein, der das Patronat über die Kirche von Preungesheim im Jahr 1275 an den Deutschen Orden (der es von da an bis zu seiner Aufhebung durch Napoleon im Jahre 1809 innehatte) im Tausche gegen das Patronat über die Kapelle in Rödelheim abtrat, dies Patronat über die Kirche von Preungesheim innehatte als ein ihm (und wahrscheinlich schon einer Reihe von Vorfahren bzw. Vorbesitzern von ihm) aufgetragenes Reichslehen. Jede Änderung an einem solchen unterlag der Genehmigung des Oberlehnsherrn.

Das Pfarrgut Preungesheim und die Küster- Lehrer-pfründe ist demnach der noch vorhandene Teil des alten fränkischen Kirchlehens mit Eigenkirche aus dem – wohl spätestens – 8. Jahrhundert.

Diese Kirchlehen bildeten ursprünglich eine geschlossene Vermögenseinheit. Der Inhaber des Kirchlehens, also der Patron, hatte aus dem Ertrag den Pfarrer, den Lector, in Preungesheim wird im 13. Jahrhundert als weiterer Kirchenbeamter genannt der cantor, u.s.w. , auch die Bauunterhaltung zu bezahlen. Das Übrigbleibende, im Mittelalter bei vielen Kirchlehen ein beachtlicher Betrag, gehörte dem Inhaber des Kirchlehens. Daraus erklärt sich das finanzielle Interesse, das selbst große Lehnsträger daran hatten, auch Kirchlehen übertragen zu bekommen. Und es erklärt sich daraus die noch heute zu Recht bestehende Bestimmung (die in unserer Gegend heute vielfach lächerlich erscheint, weil der noch vorhandene Rest des einstigen Gutes meist noch lange nicht einmal zur Besoldung des Pfarrers ausreicht), dass dann, wenn der Patron unverschuldet in Not gerät, ihm aus dem Überschuss an Erträgnissen des Pfarrgutes (also Erträgnissen, die über den Pfarrgehalt hinausgehen oder sonstigen etwa noch vorhandenen Kirchen-, Küster-, Lehrer- u.ä.) bzw. aus überschüssigen Beträgen des Kirchengutes (falls vorhanden) des Küstergutes usw. Beihilfe gewährt werden muss. Vergleiche den kirchlichen Rechtssatz:
Patrono debetur honos, onus utilitasque, praesentet, praesit, defendat, alatur egenus. (cf. ? E. Friedberg, Lehrbuch des Kirchenrechts, Leipzig, B. Tauchnitz, 1903; Seite 353 5. Auflage).

Später – das heisst jedoch noch vor der Reformation, allgemein – wurde der Gesamtvermögensbestand eines Kirchlehens – für die heutige Generation glücklicherweise ! –
(Seite 179)

getrennt nach der einzelnen Zweckbestimmung. Ein Teil wurde bestimmt, um daraus den Pfarrer (in Preungesheim im Mittelalter bezeichnet als „rector < auch der Patron kann mit diesem Ausdruck bezeichnet werden> ecclesiae“) zu besolden. Ein anderer Vermögensteil, um daraus den Kirchbau zu erhalten. Weitere Teile für die einzelnen niederen kirchlichen Ämter oder für einzelne Verrichtungen.

Den Inhabern der einzelnen Ämter wurde die Möglichkeit gegeben, den Vermögensstand ihrer Stelle vor Minderung zu bewahren, und der Patron hatte nötigenfalls die „Defensio“ zu handhaben.

Dadurch sind in den meisten Pfarreien noch Vermögensstücke der Pfarrstelle und solche der Küsterstelle erhalten geblieben. Dagegen sind die Vermögensstücke, die zur Erhaltung des Kirchbaues bestimmt waren, vielfach bei größerem Bedarf an baulichen Reparaturen veräußert worden, anstatt sie zu erhalten und den ungedeckten Mehrbedarf durch Umlage irgendwelcher Form aufzubringen – Verbrauch der Substanz statt der Revenüen!

So war der geschichtliche Verlauf auch hier in Preungesheim. In Folge des Wachens der Stelleninhaber über das Vermögen der Stelle sind der Pfarrstelle und der so genannten ersten Lehrer- und Küsterstelle ihr Grundvermögen nun – aller Wahrscheinlichkeit nach schon über tausend Jahre lang – erhalten geblieben, während von dem Grundvermögen, das der Kirche gehörte (nur dessen Erträge für die Erhaltung des Kirchenbaues und die Kosten der Gottesdienste bestimmt waren) und von dem die Zusammenstellung mit Karten aus dem Jahre 1765, das so genannte „Stück- und Lagebuch“, noch verschiedene Stücke ausweist, im Laufe der Jahrhunderte die meisten Stücke, eins nach dem anderen zur Deckung von Reparatur-Ausgaben – verkauft worden sind, so dass jetzt der Kirche aus ihrem einstigen Grundstücksbestand nur noch das Kirchengebäude und der Kirchplatz übrig geblieben ist. Wie auf Seite 167 zu sehen, stand das Pfarreigut damals in gleicher Gefahr.

Die Lage und Größe einer ganzen Anzahl von Pfarrei-Grundstücken ist noch heute so gestaltet, dass mit großer Wahrscheinlichkeit zu vermuten ist, dass sie die Gestalt bewahrt haben, die bei der fränkischen Flureinteilung ihnen einst gegeben worden ist.

Die Bewirtschaftung des Pfarrgutes besorgte früher der Pfarrer teils selbst mit Knechten, teils bestellten die Pfarrer einen Verwalter, der auf ihre Rechnung und Gefahr das Gut verwaltete. Ein solcher Verwalter war z.B. ein Mann namens Weilbrunn, der sich später hier ansässig machte. Ein Mitglied seiner Familie wurde später Bürgermeister. Und nach diesem Bürgermeister wurde die Weilbrunnstraße benannt, welche jetzt Name einer Haltestelle der elektrischen Straßenbahn geworden ist, so dass der Name des einst vom Pfarrer von Preungesheim zur Verwaltung seines Pfarrgutes angenommenen Verwalters (heute bezeichnet man eine derartige Stellung als Gutsinspektor) heute auf jedem einzelnen Billet aller Linien der Frankfurter Straßenbahn steht, während er im Orte selbst bereits wieder ausgestorben ist. Nachkommen weiblicher Linie leben noch.
(Seite 180)

Seit dem 18. Jahrhundert ist das Pfarrgut zum Teile, seit Jahrzehnten nahezu restlos verpachtet. Zur Zeit an 235 Landwirte und Kleingärtner. Auch Pfarrscheuer, Ställe und Remise sind an Landwirte verpachtet. Die Verpachtung an Kleingärtner geschah aus sozialen Gründen, welche die durch solche Verpachtung entstandene sehr viel größere Umständlichkeit und Weitläufigkeit der Verwaltung rechtfertigten. Die letzte Pachtperiode lief von 1928 – 34. Sie wurde von Jahr zu Jahr laufend bis 1.10.1937 verlängert auf Wunsch des Synodalvorstandes, um für alle unter kirchlicher Verwaltung stehenden Grundstücke eine gleichmäßige Pachtzeit zu gewinnen-.

Eine örtliche Erinnerung an die alemannisch-frühfränkische Zeit

Als wir Ende 1934 und Anfangs 1935 den Turm, der vor Menschengedenken schon einmal (etwa in ½ und in 2/3 seiner Höhe) mit je einem rings herum gelegten eisernen Band (bzw. Change) gefestigt worden war, neu festigten, unterfingen wir die Nordmauer des Turmes und seine Westmauer (beide Mal etwas näher der Nordwestecke des Turmes als den Mittellinien der Turmwände) mit starken, in Eisenschienen gebetteten Betonblöcken. Beim Ausheben des Erdreichs fanden wir bis in etwas über 2 ½ Meter Tiefe Reste von menschlichen Gebeinen. Sehr wahrscheinlich waren das Reste der Leichname von Geistlichen, die – wohl vom Mittelalter bis um 1600 – dort beigesetzt wurden, als das Erdgeschoß des Turmes noch als Chorraum diente. (Das Tabernakel befindet sich heute noch in der Südwand des Turmes. Seine gemalte Umrandung wurde bei den Renovierungsarbeiten auch frei gelegt.) < s. Seite 191 unter 4. >

In größerer Tiefe, etwa 3 m unter der Oberfläche, fanden sich außer einigen beim
Anfassen zerfallenden unbestimmbaren Knochenresten:
wohl erhalten, zwei Pferdezähne.
(Seite 181)
Ich hob sie auf und befragte mich bei Herrn Dr. Bingemer, der am historischen Museum wirkt, nach Herkunft und Sinn dieses Fundes.

Er erklärte, diejenige Generation der germanischen Bewohner unserer Gegend, die das Christentum annahm, baute ihre ersten Kirchen gerne auf den Begräbnisplätzen ihrer Vorfahren, um diesen Stätten noch nachträglich eine kirchlich-religiöse Weihe zu geben. An Stelle der ersten Kirchen – wohl oft aus Holz erbaut, wie noch heute in Skandinavien (dort nicht nur aus sehr alter Zeit) vorkommen (im J. 1913 sah ich dort ihrer mehrere) – wurden später an gleicher Stelle die steinernen erbaut, so dass die Kirchen sehr alter Pfarrsitze („ecclesiae parrochiales“) vielfach auf germanischen Begräbnisplätzen stehen. Mit dem Leichnam des freien germanischen Grundbesitzers aber wurde zugleich dessen liebstes oder bestes Pferd, dass zu diesen Zwecke getötet wurde, verbrannt. (Peter Janssen hat auf einem Wandgemälde im Rathause zu Krefeld eine solche germanische Totenfeier – und „Bestattung des Arminius“ – schön dargestellt. Velhagen und Klasings Monatshefte brachten im Märzheft 1936 eine Wiedergabe dieses Gemäldes, die ich bei Zustimmung des Kirchenvorstandes unter Glas und Rahmen am Fundort der Zähne anzubringen gedenke)

Die beiden Pferdezähne, die wir gefunden hatten, seien also, so erklärte Dr. Bingemer, Abteilungsleiter im Historischen Museum Ffm. , der letzte Rest von der Totenfeier eines germanischen freien Besitzers aus noch heidnischer Zeit, also vor
– rund 600 nach Christus. – Soweit Herr Dr. Bingemer – Die Erklärung war mir fast zu „schön“ und „interessant“, als dass ich trotz der wissenschaftlichen Autorität des als guter Sachkenner mir bekannten Herrn sie gleich als zutreffend annehmen mochte.

Einige Zeit später sprach ich bei der jährlichen Zusammenkunft alter Wingolfer, zu denen ich wie auch schon mein Vater gehöre, mit ihren Familien in Wilhelmsbad einen aus Westfalen stammenden Juristen, dem ich die Sache erzählte und meine kritischen Bedenken sagte.

Der antwortete: „Das kannst du aber gewisslich glauben! Bei uns in Westfalen lebt die Erinnerung an solches noch im lebendigen Brauchtum fort. Die größten Höfe bei uns sind die Sattelmeier-Höfe. Die bestehen noch aus germanischer Zeit. Der Sattelmeier hatte, wie schon sein Name sagt, dem durch das Land reisenden Fürsten gegenüber besondere Verpflichtungen als sein Lehnsmann, aber auch gewisse besondere Rechte, an denen er, wie auch
(Seite 182)

an sonstigem Brauchtum, als Prominenter besonders festhielt. So besteht für den Sattelmeier noch heute unter anderem der Brauch:

Sein Leichnam wird nicht auf irgend einem kommunalen Leichenwagen zu Grabe gefahren, sondern für ihn besteht das Recht, dass er auf eigenem, besonders ausgestattetem (geschmücktem) und bespanntem (Ernte-) Wagen zu Grabe gefahren wird. Und noch heute – führt (nicht der Sohn, sondern) der oberste Knecht (also der erste der Gefolgschaft) das beste Pferd des Hofes mit zum Grabe des zu bestattenden Herrn !-“

Seit dem ich dies weiß, habe ich meine Zweifel an der Richtigkeit der Deutung der zwei von uns gefundenen Pferdezähne aufgegeben und – vermute, dass der „stille Garten“ , d.i. der direkt südlich des Kirchplatzes gelegene Teil des Pfarrgartens, nicht umsonst seinen Namen trägt, sondern eine Stätte ist, an der noch aus germanischer Zeit „Stille Schläfer“ ruhen. –

Karolingerzeit

Über die Beziehungen von Preungesheim zu den Klöstern Lorsch und Fulda in der Karolingerzeit s.S.4.
10. Jahrhundert

Im alten Pfarrhof, auf dem geradlinigen Wege vom Pfarrhause (genauer: der Pfarrgartentüre durch die Pfarrhoftüre links neben dem Pfarrhoftor) nach der Kirche, östlich neben dem dort stehenden Birnbaum, befand sich eine Hühnertränke, die durch ihre außergewöhnliche Solidität mir auffiel. Doch ließ ich sie, da sie auch mit beiden Händen nicht aufzuheben war, vorerst unbeachtet stehen. Als wir aber den Weg wieder einmal neu herstellten und bei dieser Gelegenheit das Erdreich um die Hühnertränke gelockert wurde, wurde mir meine bisherige Vermutung, dass es sich hier um ein sehr altes Taufbecken handele, zur Gewissheit. Ich ließ den etwa 4 Zentner schweren Stein zunächst in die Südwestecke des Kirchenraumes stellen, in der Hoffnung, dass ich die Zustimmung und die Mittel werde finden und erwirken können, um das alte Taufbecken wieder in der Kirche aufzustellen. Zunächst handelte es sich darum, das Alter, dass ich nur sehr weiträumig auf „Frühromanisch“ schätzen konnte, näher zu bestimmen. Das Landesmuseum Wiesbaden,
(Seite 183)

bei dem ich anfragte, konnte, weil ich Bilder nicht beifügen konnte, meine Vermutung nur im allgemeinen bestätigen. Ich wandte mich nun an das Historische Museum. Herr Dr. Bingemer besichtigte das Stück, prüfte mit einem scharfen Messerchen das Material, und sagte dann: Bockenheimer Basalt! Datierung: ungefähr die Zeit, in welcher die aus demselben Material hergestellten Erinnerungskreuze an dem Wege gesetzt wurden, den die Prozession nahm, welche den Leichnam des Bonifatius von Mainz nach Fulda brachte: 10tes, evtl. 9tes Jahrhundert. Eins dieser Kreuze befindet sich, von Herrn Dr. Bingemer entdeckt, im Historischen Museum.

Da unsere Kirche im 12. Jahrhundert erbaut wurde, stammt das Taufbecken also sehr wahrscheinlich schon aus demjenigen Kirchbau, der vor dem jetzigen vorhanden und vielleicht noch aus Holz errichtet war. Das Taufbecken ist also unser ältestes kirchliches Besitztum aus christlicher Zeit und vermutlich das älteste Taufbecken Groß-Frankfurts.

Der Kirchenvorstand beschloss die Wiederaufstellung des Taufbeckens. Ich bat den Herrn Bezirkskonservator Zimmermann um die Zeichnung einer geeigneten tragenden Säule mit Fuß. Die Firma Bantz und Kron, hier, hat die Arbeit nach dieser Zeichnung aus möglichst ähnlichem Material (Eifel-Basalt) ausgeführt; und ich habe am Schlusse des Gottesdienstes am zweiten Pfingstfeiertage 1936 (in dem ich meine eigentliche Abschiedspredigt hielt; da kein Vertreter zur Verfügung stand, habe ich hernach ja noch längere Wochen – bis zum 1. August 1936, an dem ich dann assistierte, den Gottesdienst wieder gehalten) den wieder hergestellten Taufstein der Gemeinde übergeben, ihn eingeweiht. Bald danach wurde auch das 1. Kind aus ihm (beziehungsweise der darin aufgestellten „silbernen“ Taufschale) getauft: Ein Knabe des Ehepaares Rück in Alt-Preungesheim.

Eine Ausbruch-Stelle am Taufbecken lässt vermuten, dass es mit achtloser Gewalt einst abmontiert worden ist. Wenn man nach der Zeit fragt, wann dies geschehen sein könnte, so käme dafür in Betracht:
1. Die Zeit des Umbaues der gotischen Kirche in die jetzige Saalform im J. 1716 oder

2. die 1590er Jahre, in denen – laut Brammerell, Geschichte der Reformation in der Grafschaft Hanau – obrigkeitlicherseits puritanische Strömungen sich geltend gemacht zu haben scheinen, die
(Seite 184)

auch bezüglich der Ausstattung der Kirchen weitestgehende Einfachheit, ja Nüchternheit anstrebten und bei denen auch bilderstürmerische Tendenzen anklangen.

Betr. der Aufstellung bemerke ich: Nachdem der Kirchenvorstand den künftigen Standort des Taufsteines bestimmt hatte, trugen wir dafür Sorge, dass er durchaus stabil stehe. An der Stelle, wo er steht, gehen nach den Trauungen die Gratulanten vorüber. Damit auch ein etwaiges überstarkes Gedränge weder den Taufstein, noch durch ihn Personen in Gefahr bringen könne, wurde eine starke Eisenstange eingefügt. Sie ist in die Längsachse des Schaftes einmontiert. Ihr oberes Ende reicht in das Becken hinein bis über die Hälfte seiner Höhe und ist einzementiert. Ihr unteres Ende verläuft in einem schweren Zementblock im Erdboden, der den doppelt Zweck erfüllt, dass der Taufstein

1. nicht in Folge seines Gewichtes nach und nach in das nachgebende Erdreich etwas einsinken kann,
2. nicht etwa durch allzu starken Seitendruck einer drängenden Menge aus seiner geraden (senkrechten) Stellung gedrängt werden kann.

So hoffen wir, dass alles bedacht ist.

Grund zu seiner Wieder-Aufstellung

war nicht nur der Wunsch, dieses ehrwürdige kirchliche Gebrauchsstück zu erhalten, es wieder in kirchlichen Gebrauch zu nehmen und der Allgemeinheit wieder diesen wohl einzigen steinernen Zeugen einer 1000-jährigen Vergangenheit
(Seite 185)
in Ort, Gemeinde und Kirchengemeinde Preungesheim zugänglich zu machen. Sondern es waltete auch die Absicht und Hoffnung ob, durch diesen Taufstein und den Hinweis auf ihn, der nicht nur gelegentlich im Gottesdienst, sondern bei jeder Anmeldung einer Taufe geschehen kann, die Gemeindeglieder daran zu erinnern, dass die richtige Stätte für den Vollzug der Taufe nicht ein Privatraum in der Wohnung der Eltern, auch nicht das Amtszimmer des Pfarrers, sondern die Kirche ist, wo die Taufe möglichst vor versammelter Gemeinde geschehen sollte. Denn sie ist durch Aufnahme in den Bund Gottes zugleich die Aufnahme in die christliche Kirche, deren Versammlung die Aufnahme ihres neuen Mitgliedes nicht gleichgültig sein kann.

Um auch dem Schönheitssinn gerecht zu werden, und das Auge historisch und kunstgeschichtlich etwa uninteressierter moderner Beschauer an den urig-unsymmetrischen Umrissen des Taufbeckens sich nicht stoßen zu lassen, wurde es mit einem lila-farbigen, mit silbernen Kreuzen und silberner Litze verzierten, die Unebenheiten ausgleichenden Behang verziert. Ein in gleicher Weise ausgestattetes rundes Kissen gleicht die Unebenheit in der Schale aus und schafft zugleich eine erhöhte Unterlage für die so genannte „silberne Taufschüssel und Kanne“, so dass diese – allsonntäglich aufgestellt – ein schönes Schmuckstück inmitten der feiernden Gemeinde bilden.
(Seite 186)

Die romanische Kirche 12. Jahrhundert
(Mit Baubericht über Wiederherstellung)

I. Der Turm.

Lange ziemlich senkrecht verlaufende und an vielen Stellen breite – infolge Herausfallens von Steinen – Risse im Mauerwerk des Turmes, insbesondere an der Innenseite der Westwand, fielen mir auf. Sie waren ersichtlich alt, aber das Mauerwerk schien weiter zu „arbeiten“, auseinanderstrebend. Ich suchte nach natürlichen Marken und fand einen Stein, der als solche dienen konnte. Es war der Schlussstein in der Wölbung einer der – unverglasten – Fensteröffnungen im Turm (s. Skizze, Seite 186). Ich untersuchte ihn und fand, dass der – ganz schwach keilförmige – Stein so lose in dem Spalt hing, dass er bei Erweiterung des Risses weiter herausrutschen oder gar auf den Zwischenboden herunterfallen musste. Den Kirchendiener und den Glöckner bat ich, nennenswerte Veränderungen an dem Stein mir zu melden. Nach mehreren Monaten meldete der Glöckner, Herr Schüssler, der Stein sei herausgefallen und liege auf dem Zwischenboden. Das Mauerwerk strebte also damals noch auseinander. Dies war vor Durchführung der Kanalisation durch die untere Kreuzstraße, am Turmgrundstück vorbei.

Ich trug die Sache im Kirchenvorstand vor, und wir legten an mehreren Stellen des Turmes Glasmarken zur weiteren Beobachtung an.

Inzwischen wurde die Kanalisation in der unteren Kreuzstraße durchgeführt. Ich bat den obersten Bauleiter, den mir befreundeten Herrn Magistratsbaurat Ernst Müller, den Kanal am Turm vorbei nicht – wie sonst in diesem Teil der Kreuzstraße und in der Weinstraße – durch vorherige Aushebung eines 6 – 7 m tiefen Baugrabens auszuführen, sondern eine etwa 5 m starke Decke unberührt stehen und dadurch die Spannung im Erdreich des Umkreises um den Turm völlig unberührt zu lassen, den Kanal aber in der Tiefe tunnelartig durchzuführen. Er sagte mir, dass der Zwischenraum
(Seite 187)

zwischen Turm und Kanal zwar hinreichend sei, um nach den Gesetzen der Statik einen Einfluss des Kanalbaues auf den Turm nicht erwarten zu müssen, zumal wenn der Turm ein genügend festes Fundament habe und insbesondere dies genügend tief sei. Da wir seine Tiefe nicht kannten, ließ er sie feststellen. Sie beträgt nur ca. 2,10 m. Das ist wenig. Das Fundament war ersichtlich einst nur für den niedrigen romanischen Turm vorgesehen! Da die Stadt für merkliche Bauschäden, die durch die Kanalisation entstehen, haftbar ist, und es sich hier um ein besonderer Sorgfalt würdiges Gebäude handelte, wurde der Kanal am Turm vorbei ohne Ausheben eines tiefen Baugrabens im Durchstich weitergeführt, wie erbeten.

Die weitere Beobachtung der Glasmarken ergab das erfreuliche Resultat, dass die gefährlichste Bewegung – die Neigung der südlichen Turmhälfte, durch langsamstes absinken von der nördlichen sich zu trennen, also abzubrechen – zum Stillstand gekommen war und dass die Kanalleitung kein Nachgeben des durch den Turm belasteten Bodenteiles verursacht hatte. Wie erklärt sich der Stillstand jener gefährlichsten Bewegung? Über 700 Jahre lang sind alle Niederschläge auf das ansteigende Gelände südlich des Turmes – den „Stillen Garten“ und das ja erst seit neuerer Zeit bebaute weitere, südlich ansteigende Gelände – in Richtung auf diesen abgelaufen, waren aber genötigt, vor diesem, bzw. später vor der nördlichen Einfassungsmauer des Stillen Gartens, welche nicht weit vom Turm – dessen Südrand parallel – verläuft, zu versickern. Dieses nach jedem Niederschlag sich wiederholende Versickern angesammelter Gewässer hat offenbar das Erdreich südlich des Turmes nachteilig beeinflusst und
(Seite 188)

die Neigung der südlichen Turmhälfte zum Abbrechen von der durch die feste Verbindung mit dem übrigen Kirchengebäude festgehaltenen nördlichen Turmhälfte hervorgerufen. Wie nun eine ganze Anzahl vorher nass gewesener Keller und das sumpfige Gelände in der Umgebung des Bachberges nach der Kanalisation durch Abfluss bzw. Einsickern der Grundwässer in den sehr tief liegenden Kanal (cf. S. 174 med.) trocken geworden sind, so scheint auch die – vordem durch die Sickerwässer verursachte – Feuchtigkeit des Bodens südlich vom Turm derart nachgelassen zu haben, dass die Neigung der Südhälfte des Turmes zum Abbrechen jetzt zum Stillstand gekommen ist. Die Gefahr vom Boden her für den Turm schien behoben. –

Dachdecker aber, welche den Schieferbelag des Turmhelms ausgebessert hatten, meldeten, dass das Gebälk des Turmhelms vielfach erneuerungsbedürftig, weil verfault oder stockig, sei. Ich teilte dies dem Kirchenvorstand mit und wir trafen bereits Vorbereitungen für gründliche Reparatur; und da diese auch durch mehrjährige Ansparung nicht zu ermöglichen gewesen wäre, traten wir bereits mit einer Städtischen Stelle, die ein „Reparatur-Darlehen“ in Aussicht stellte, in Verbindung. Das war im Winter 1928/29. Dann baten wir – nachdem inzwischen die Eingemeindung in die Landeskirche Frankfurt geschehen war – das Synodalbaubüro um eigene Nachprüfung. Diese ergab, dass der bauliche Zustand des Turmhelms eine direkte Gefahr für die Kirche, die Anlieger und die Passanten ward. Das Baubüro stellte fest, dass nicht anders als durch abmontieren des Balkenwerkes des Turmhelms die Gefahr behoben werden könne. Das war für uns, den Kirchenvorstand, eine sehr schmerzliche Eröffnung; um so mehr als dass das Baubüro und der Synodalvorstand mitteilen musste, dass bei der damaligen Geldknappheit ein sofortiger Wiederaufbau des Turmhelmes nicht möglich sei, nicht einmal im Wege einer Bau-Anleihe. Der Kirchenvorstand hatte den Wunsch, die Entscheidung bis auf geldlich bessere Zeit hinaus zu schieben.

Im Herbst 1931 aber war ein Eingriff nicht mehr
(Seite 189)

aufschiebbar, zumal die Baupolizei mit Schließung der Kirche drohte, wenn die Gefahr nicht behoben würde. Der Turmhelm nebst Glockenstube mussten abmontiert werden; und zwar musste das ganze von innen aus ausgeführt werden. Die äußeren Verschalungsbretter durften erst jeweils als Letztes entfernt werden, weil die Baubehörden befürchteten, dass ganze könne beim Abbau den Halt verlieren und einrutschen, wenn auch nur der Halt, den die äußere Verschalung noch gewähre, wegfiele.

Als alles so weit abmontiert war, dass man die vier tragenden Eckpfosten der Glockenstube (also des tragenden Unterbaues des bisherigen hohen und schweren Turmhelmes) von allen Seiten sehen konnte – da habe ich Gott in tiefer Demut gedankt, dass er uns alle gnädig bewahrt hatte, denn dieser N.-W. Eckpfosten war unter seiner Verschalung auch stark angefault und ersichtlich nicht tragfähig. –

Erst nach der nationalsozialistischen Machtergreifung und der durch sie geschaffenen Besserung aller Verhältnisse im Reiche, insbesondere durch die Einrichtung der Öffa (der Abteilung für öffentliche Arbeiten in Berlin) wurde der Wiederaufbau des Turmes möglich. Bis dahin trug er ein vorläufiges nahezu flaches Dach mit einem Holzkreuz auf der Spitze in dieser Weise: (siehe Skizze Seite 189). Die Glocken wurden in der S.-W. Ecke des Platzes südlich der Kirche auf einem Gerüst angebracht. Vergeblich hatten bisher sowohl der Synodalvorstand, wie auch ich selbst uns – ständig! – uns nach Baumöglichkeiten umgetan.

Da brachte ich in Erfahrung, dass ein Magistrats-Deputierter wegen Städtischer Bauvorhaben persönlich bei der „Öffa“ in Berlin vorstellig werden sollte. Ich fuhr sofort ins Rathaus und machte aus, dass der Herr abends spät noch einmal auf sein Büro kommen und dann alsbald von da mit seinen dortigen Akten zum Berliner Zug gehen werde. Noch im Rathaus schrieb ich einen sehr eindringlichen Bericht an die Öffa mit Bitte um Gewährung eines Baudarlehens an die Stadtsynode zur Wiederherstellung unseres Turmhelms. Ihm fügte ich ein Schreiben an den Magistratsdeputierten bei mit der Bitte, nach Vortragen seiner Sache auch die unsrige persönlich und nachdrücklich der Öffa vortragen zu wollen. Nur persönlicher Vortrag – dass war mir klar – konnte bei der Fülle der Anträge Aussicht auf Erfolg haben. Zugleich bat ich den Synodalvorstand auch seinerseits seinen Antrag zur Sache bei der Öffa noch einmal zu erneuern.

Die Öffa bewilligte das Darlehen (Juni 1934).

Im Herbst 1934 konnten die großen Reparaturarbeiten am Turm begonnen werden, welche sich bezogen
a) auf Fundament
b) Turmschaft
c) Turmhelm.
(Seite 190)

a) Fundamentierungsarbeiten am Turm (s. auch Seite 180, Mitte)

Die im Parterre des Turmes in dessen Nordwest-Ecke – vor dem Kriege – eingebaute Heizung hatte je länger je mehr versagt. Das Synodalbaubüro hatte sie deshalb entfernen lassen. Nach der Entfernung wurde ersichtlich, dass sie auf das anstoßende Mauerwerk des Turmes sehr nachteilig gewirkt hatte. Das Bindemittel des Mauerwerks war durch das starke Feuer, bzw. die aufsteigende Hitze spröde geworden, rieselte z.T. herab. Die äußere Steinschicht der Innenseite saß locker. Außerdem deuteten wagrechte Risse auf eine absinkende Bewegung des Mauerwerks an dieser Ecke hin, an der alte und neuere Vergangenheit nachteilig wirkende Lücken gebrochen hatten. Nämlich:

1. Die Erbauer der gotischen Kirche im 14. Jahrhundert haben aus der Nordwand des Turmes den hohen – wahrscheinlich bei der Erweiterung der gotischen Kirche zur Saalkirche i. J. 1716 wieder zugemauerten, dann bei Anlage der bisherigen Heizung
2. durch einen breiten viereckigen Warmluft-Kanal wieder von neuem durchbrochenen – Bogen ausgebrochen, durch den das Erdgeschoß des Turmes mit der gotischen Kirche verbunden wurde. Das Turm-Erdgeschoß, dass der romanischen Kirche bereits als Chor gedient hatte, konnte auf diese Weise weiterhin als Südchor dem gegenüber nunmehrigen gotischen Querschiffe benutzt werden. (Dieser Chor schlösse allerdings die gotische Kirche, falls sie, was aber unwahrscheinlich ist, aus einem nordsüdlich sich erstreckenden Schiffe bestanden hätte, nicht im Osten, sondern im Süden ab.)
Bei Anlage der bisherigen Heizung wurde die Turm-Westwand und die Turm-Nordwand unterhalb des Niveaus des Fußbodens der Kirche durch je einen breiten Luftkanal, der eine – in der Turmwestwand – nahe der Nordwestecke des Turmes durchbrochen, was Herr Synodalbaumeister Schöppe mit Recht als einen gefahrbergenden Nachteil bezeichnet hat.
(Seite 191)

Dieser Schacht wurde zugemauert, ebenso derjenige innerhalb des großen Bogens in der Nordwand des Turmes. Das Fundament wurde an der Nordwestecke des Turmes unterfangen (wie auf S.180 Mitte beschrieben).

Anlässlich dieser Arbeiten wurde auch überall in der Umgebung dieser Nordwestecke des Turmes der schadhafte Mörtel entfernt und durch Neuen ersetzt.

Bei diesem Auskratzen und Neubewerfen wurden die Kapitäle der Pfeiler am „Triumpfbogen“ der einstigen romanischen Kirche (das ist der heute noch sichtbare, jetzt recht niedrig erscheinende Bogen in der Westwand des Turmes. Wie sehr das Niveau des Fußbodens im Inneren der Kirche und erst recht im Inneren des Turmes gegen früher sich gehoben hat, ist am unteren Teile der romanischen Säule in der Kirche zu erkennen.) so weit sichtbar, dass ein Kenner aus ihnen musste Schlüsse auf die Bauzeit ziehen können. –

Da die am Bau beschäftigte Firma Hembus einen Spezialisten (vergl. Seite 171 Mitte) für Wiederaufdeckung übertünchter Wandgemälde beschäftigt (es ist derselbe, der die Wandgemälde im vormaligen Karmeliterkloster wieder aufgedeckt hat) und ihr Chef diesen Restaurator auch die Turmwände und die beiden Wandteile östlich und südlich der Orgel untersuchen ließ, sind auch folgende Wandmalereien festgestellt worden:

1.
An den Innenwänden der Fensternische in der Ostwand des Turm-Erdgeschosses: im Bogengipfel ein Engel, der in jeder Hand eine Krone hält. Die eine über dem Haupte einer auf der einen Wand der Nische befindlichen männlichen Figur, die andere über dem Kopfe einer auf der anderen Wand der Nische befindlichen weiblichen Figur mit wallendem blonden Haar. (Eine Darstellung vielleicht der katholischen Legenden von der Krönung Christi und Marias)
2.
An den Innenwänden des Fensters in der Südwand des Turm-Erdgeschosses: eine beachtliche, große, die beiden Bogenhälften der Fensternische innen füllende gotische Rankenverzierung (Der Restaurator zeichnete sie sich ab).
3.
Innen auf der Westwand des Turm-Erdgeschosses, links oberhalb des Triumphbogens: Reste von Darstellungen von Tieren. (Vielleicht eine Darstellung des Paradieses, bzw. eine Kampf- oder Jagdszene)
4.
Auf der Innenseite der Südwand des Turmes, links von dem Fensterbogen: einfassende Verzierungen, welche die dort befindliche Nische (Tabernakel) im Viereck umgeben und in einem – dachartig wirkenden – Dreieck mit verzierter Spitze enden.
Auf der Wandfläche links oben vom östlichen Fenster des Turm- Erdgeschosses: Eine Gruppe von Figuren,
(Seite 192)

deren größte wohl einen Heiligen (vielleicht den Patron der Kirche) darstellt, während die kleineren wohl Anbetende (vielleicht die Stifter des Gemäldes) wiedergeben.
1. An verschiedenen Stellen (z.B. rechts über dem großen Bogen in der Nordwand des Turm-Erdgeschosses) finden sich Reste einer Bemalung, welche die Mauern dieses einstigen Chorraums als aus gleichhohen, weiß gefugten Quadern erbaut erscheinen ließ.
2. Das bemerkenswerteste (nach meiner Schätzung) wiederaufgedeckte Gemälde ist eine Madonna mit Kind, die auf einem Throne sitzt. Darüber architektonische Verzierungen. Sie stellen einen Baldachin vor. Das ganze gut erhalten. Die mir auffallende Sicherheit, ja Starrheit in der Linienführung lässt mich vermuten, dass das Bild mit sorgfältiger Benutzung guter Schablonen hergestellt worden ist. Rechts neben der Orgel und zwar zwischen dem südlichen Ostfenster unseres heutigen Chors und der Wand nach dem Turm zu.
3. Hinter der Orgel, also zwischen den beiden östlichen Fenstern des heutigen Chors: Eine große weibliche Figur mit Musikinstrument. Wahrscheinlich: Heilige Cäcilie. Schwer zu erkennen.
4. Außerdem wurden bei diesen Wiederaufdeckungsarbeiten erkennbar: Teile von Bögen zweier großer gotischer Fenster, von denen der eine später vom südlichen Ostfenster des jetzigen Chors überschnitten wurde. Etwa so: (s. Skizzen Seite 192) Der andere Bogen befindet sich in der Südwand des Chors. Das von ihm einst eingerahmt gewesene Fenster muss – von außen gesehen – östlich des Turmes gewesen sein. Für den an der Süd-Ostecke des Turmes Stehenden bot es also folgendes Bild: (s. untere Skizze auf Seite 192)

In diesem Stadium der Bauarbeiten bat ich Herrn Direktor Dr. Feulner und
Herrn Dr. Bingemer, beide vom Historischen Museum der Stadt Frankfurt, sowie Herrn Bezirkskonservator Zimmermann zu einer gemeinsamen Besichtigung aller Einzelheiten zwecks Feststellung der Bauzeiten und der Herstellungszeit der Gemälde.

Herr Direktor Dr. Feulner stellte fest: „Die Kapitäle – der Pfeiler, welche den Triumphbogen (einstigen) in der Westwand des Turm-Erdgeschosses tragen, – stammen aus dem 12. Jahrhundert.
(Seite 193)

Eine genauere Zeitangabe als diese ist aber nicht möglich.“ –

Volkstümlich ausgedrückt:

Die Kirche ist um 1150 ( Mit Offenlassen eines Zeitraumes von mehreren Jahrzehnten vor und nach diesem Termin) erbaut.

Von dieser romanischen Kirche sind noch erhalten (vergl. die schematisierte Skizze auf Seite 207):

1.
Die untere Hälfte des Turmes bis zu dem noch jetzt noch erkennbaren Mauerabsatz etwa in halber Höhe. Dass diese und mit ihr der romanische Triumphbogen jetzt so tief in der Erde steckt, kommt daher, dass auf die alten Friedhöfe mehrfach eine neue Erdschicht (also eine neue Erddecke) aufgetragen worden ist. Dies geschah, wenn die Kirchhöfe bereits mehrfach mit Gräberschichten belegt worden waren. Man konnte dann wieder eine – noch höher als die letztgelegte – liegende neue Gräberschicht beginnen.

Am Fuße der Säule in der Kirche ist erkennbar, wie viel tiefer der alte Fußboden lag gegenüber dem heutigen, der dem Niveau des umgebenden Kirchhofs angepasst wurde, schon vor langer Zeit, spätestens 1716.

Die obere Hälfte ist wahrscheinlich bei Erstellung des gothischen Anbaues aufgesetzt. Der Turmhelm ist aber vermutlich in seiner alten Form wieder aufgesetzt worden (wie ja auch jetzt bei unserer Neuerstellung).

Wie der Turm ursprünglich gewesen sei und wie trutzig er gewirkt haben mag, davon gibt noch heute einen guten Eindruck ein anderer, vielleicht aus der gleichen Zeit stammender, in seiner Gedrungenheit erhaltener Kirchturm: Der Turm der älteren von beiden Kirchen im Orte Alten-Hasslau (bei Gelnhausen) wo ich mehrere Monate in 1904 und i. J. 1905 als Vertreter des in den preußischen Landtag gewählten Herrn Pfarrers Meyenschein wirkte.

2.
Westlich vom Turm die Zwischenwand zwischen dem Hauptschiff und dem nördlichen Seitenschiff der romanischen Kirche (die heutige Südwand des Kirchenschiffes nebst Turm-Nordwand; nicht mehr – die – späteren – Teile des heutigen Chores). Sie enthält die beiden hohen Bögen und die Säule.

1.
Wahrscheinlich noch die Westwand des nördlichen romanischen Seitenschiffes mit den verstreuten zwei kleinen Rundbogen-Fenstern aus gelbem Sandstein. Dieser Bauteil bildet heute die südliche Hälfte der Westwand des Schiffes. Die kleinen Fenster sind (vermauert) noch erhalten. – Ebenso an der südlichen Seite der Südwestecke der Kirche ein eigenartiger (nur noch kurzer) Gewölbe-Ansatz, anscheinend die Ansatzstelle des einstigen Gewölbes des romanischen Mittelschiffs.
2.
Aus der romanischen Kirche stammt m. E. auch derjenige
(Seite 194)

Stein, welcher sich in der Westwand des Turm-Erdgeschosses unter dem
vormaligen Triumphbogen eingemauert befindet. Die spürbare Nachlässigkeit, mit der er dort – unter Nichtachtung jeglicher Symmetrie, nicht lot- und nicht waagerecht – so zu sagen „hinein gestopft“ worden ist, lässt an die 1590er Jahre als Zeit der Ausführung denken. Verg. S. 183 unten. Er enthält noch heute einen einst dreifach verschließbaren Reliquienbehälter. Er gehörte also zu einem Altare. Und die Annahme liegt nahe, dass er zu demjenigen Altare gehörte, welcher einst in diesem Raume stand. Das aber war der Altar der romanischen Kirche.

Von den wieder aufgedeckten Wandmalereien gab nur das Madonnenbild einen Anhalt zu näherer zeitlicher Festlegung. Herr Direktor Dr. Feulner setzte es um die Zeit von 1370 – 1380 an. Diese Zeit ist demnach der terminus ad quem für den Bau des gothischen Teils der Kirche.Über diesen s. S. 205 –

II. Über die Schiffe der romanischen Kirche, s. S. 207.

Über die Reparaturen an b) Turmschaft und c) Turmhelm s. S. 7 – 11 am Ende dieses Buches, insbesondere Seite 8 Abs. 2.

13. Jahrhundert

Der erste bekannte Pfarrer von Preungesheim, Dominus Luphridus, wird in einer um 1210 anzusetzenden Urkunde erwähnt, welche bemerkt, dass er „aedificia extraxit“. Der Wortlaut lässt nicht sicher erkennen, ob er die Gebäude in Padershausen bei Offenbach, wohin er sich im Alter anscheinend zum Verbringen seines Lebensabends in das Kloster begeben hat, erstellte oder etwa in Preungesheim. Darauf lässt die Größe der Schenkung schließen, die er diesem Kloster vermacht hat. Sie bestand aus

1. Einem Hof mit zugehörigem Land in Eckenheim,
2. Vier Morgen Weinbergen, auf dem Kirchberg bei Seckbach und in Bergen gelegen,
3. Einem Besitztum in Ippingshausen,
4. Einem ebensolchen mit Wiesen und Feld in Ditzenbach, in dessen Nähe das Kloster Padershausen (heute ein großer Gutshof) liegt, zu dem noch heute als abseits liegender Besitz Grundstücke in Gemarkung Ditzenbach gehören.
Jedenfalls scheint er ein baufreudiger Herr gewesen zu sein. Und die Möglichkeit wäre nicht von der Hand zu weisen, dass er lange in Preungesheim war und dass er es gewesen ist, der – früh in seiner Amtszeit – die Patronatsherrn von Falkenstein bewogen hat, in Erfüllung der ihnen als Patronatsherren obliegenden Kirchbaupflicht aus den Erträgnissen des für solche Zwecke bestimmten Teiles ihres preungesheimer königlichen Kirchlehens einen steinernen Kirchbau, die romanische Kirche zu errichten. Vergl. S. 177, oben ff. –

Der in das Jahr 1275 fallende Tausch zwischen den Herren von Falkenstein und dem Deutschen Orden in Frankfurt ist nebst seiner Beurkundung bereits genannt. s. S. 178. –
(Seite 195)