Die Pfarrchronik

Pfarrchronik Teil 15

Solo- und Quartettgesang, Beschaffung eines Harmoniums, Familienabend wurde vom Verein Nordost in den Dienst der Sache gestellt, Gemeinschaftspfleger Semmel hielt die Stunden in der Regel – doch einheimische – eingeborene Männer außer Kantor Reich u. Ältester H. Boss II beteiligten sich nie. – „Wegen zu geringer Teilnahme und ungenügender Deckung der Unkosten“ – hörte die Stunde Ende 1913 auf. Wie der Pfarrer in einer Vorstandssitzung des Vereins bekennen musste, hat derselbe nicht sich bestrebt „mit dem Gemeindepfarrer“ zu arbeiten. September 1912 war die Schwester versetzt worden.

< Bibelstunde >

Der Pfarrer, der die dritte Gemeinschaftsstunde einleiten durfte und keine Trennung wollte, und deshalb seine frühere Stunde nicht fortsetzte, hat nun seine Bibelstunde aufgegriffen und nunmehr im Kleinkinderschulsaal gehalten. Dieselbe wurde in jeder Woche des Winterhalbjahres – im Krieg trat die Kriegsbetstunde an
ihre Stelle – zuletzt als Bibelbesprechungsstunde von mir bis Ende März 1924 gehalten.

< Kirchenrenovation >

Am 31.5. 1906 hatte der Sturm das Kreuz mit Hahn und Knopf vom Turm auf den Kirchplatz geschleudert. Das verstärkte den Wunsch die Kirche zunächst äußerlich und dann auch zugleich innerlich in besseren Stand zu setzen. Die bürgerliche Gemeinde war bereit die Turmreparatur zu übernehmen, wenn die Kirchengemeinde, die ja doch wenn die so genannten Gemeindebeiträge an die Gesamtsynodalkasse nicht mehr von der Gemeindekasse geleistet würden, zur Kirchensteuer übergehen müsse und diese durch Hinweis auf die Kirchenreparatur schmackhafter machen könne, ihr ausstehendes Kirchenkapital = 3 400 Mark dazu aufbrauche. Als im Herbst 1908 nach den Plänen des Kreisbaumeisters Hallmann und Leitung des Bauführers Hieronymus die Renovation in Angriff genommen wurde, entdeckten die Maurer als sie an der Südseite den alten Verputz abklopften, die zwischen den großen Fenstern in der Mauer eingeschossene Säule, die der Kunstkonservator Dr. Luthmer mit den freigelegten Bögen als Mittelschiffarkaden ansprach. Zugleich zeigte der bloßgelegte Fuß der Säule, dass die alte Kirche tiefer lag und sie mit Rücksicht auf die auf der Nordseite liegenden Gräber 1740 höher gelegt werden musste. An dem freigelegten Monument fand man an einzelnen Stellen in blauer Farbe gemalte Weintrauben, unter der Kanzel unter dem Teppich, den nun die Kirche erhielt, ist ein Muster eines früheren Fußbodenbelages eingelegt. Der zur Offenlegung der Arkaden nötige Vorbau durfte auf die Pfarrkasse übernommen werden. Damit weist unsere Kirche ein Stück gotischer Architektur auf, das sie vor allen Kirchen der Pfarreiklasse auszeichnet. Die Nordseite erhielt ihren Vorbau. Zugleich wurde an Stelle der Ofenheizung, deren Rohr die erzielte Freilegung verschandelt hätte, eine Frischluftheizung in den Turm eingebaut mit einem System Borno Essen, dass durch einen Musge….. ofen von Esch und Co, Frankfurt ersetzt werden musste. Da die warme Luft zur Decke der Kirche empor steigt, werden die Emporen, nicht aber das Schiff, genügend erwärmt. Eine Tieferlegung der Heizung mit Wärmaustritt unter dem Fußboden der Kirche etwa in der Mitte des Ganges möchte sich empfehlen. Außer dem erwähnten Kirchenkapital, gab die Commune 10.540 Mark und die Pfarrei (siehe vorherstehende Seite) 4.997 Mark zu dieser Renovation. Die Wiedereinweihung fand statt am 24.1.1909
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Der Ministerial-Erlass, der die Bemühungen des Presbyteriums unter Befürwortung des königlichen Konsistoriums und insbesondere des Generalsuperintendenten D. Pfeiffer zum günstigen Abschluß brachte, lautet
„Auf Grund der Beschlüsse des großen Presbyteriums der Kirchengemeinde Preungesheim vom 12. Februar und 26. April 1909 wird

1. die Verwendung eines angemessenen, von dem königlichen Konsistorium in Kassel festzusetzenden Betrages aus dem Pfarreivermögen zur Erbauung eines neuen Pfarrhauses,
2. die Überlassung des alten Pfarrhauses an die Kirchengemeinde für andere kirchengemeindliche Zwecke nach Fertigstellung des neuen Pfarrhauses,
3. die Verwendung eines Kapitals von 4 997 Mark 12 Pfennigen aus dem Pfarreivermögen zur Deckung der Kirchenbauschuld,
4. die Überweisung eines unantastbaren Kapitals von 100 000 Mark aus dem Pfarreivermögen an das Kirchenvermögen

hierdurch kirchenaufsichtlich genehmigt.

Berlin den 27. Oktober 1910
L.S.
Der Minister

Der Geistlichen, Unterrichts- und Medizinal- Angelegenheiten

Im Auftrage gez. von Schappuis

Genehmigung
G. T. 6866 II Eingetragen am 16.12.11
(Seite 148)

< Des Pfarrers Gehaltserhöhung >

Ende Dezember 1906 nahm Konsistorialrat Stölting Gelegenheit der Kirchenvertretung auseinander zu setzen, dass sie, wenn auch das Pfarreivermögen zu verwalten, über dasselbe zu Gunsten der Kirchengemeinde nicht zu verfügen hätte und stellte aus eigener Initiative dem Pfarrer die Erhöhung seines Gehaltes durch das Konsistorium auf 9 000 Mark in Aussicht, die auch im nächsten Jahr erfolgte.

Die Pfründeabgabe und Zahlung zur Ruhegehaltskasse durfte von 1909 an dem Stelleninhaber durch die Pfarreikasse ersetzt werden.

< Pfarreilandverpachtung >

Martini 1907 hatte die neunjährige Pachtzeit wieder zu beginnen. Als Pfründeninhaber hatte der Vorgänger die Äcker den früher Zahlenden wieder überlassen, die zum Teil eigenes Land zu weit höherem Preis, verpachtet hatten. Die geringen Leute fühlten sich zurück gesetzt. Daher wurde nun das in Afterpacht genanntes Pfarreiland öffentlich neu verpachtet und das von bisher rechtmäßigen Pächtern bzw. deren Erben bestellte diesem für den Preis von 28 Mark à Morgen belassen. Neu verpachtet wurde auch der 23 Morgenacker „an den 20 Morgen“ an Friedrich Zorbach, der 40 Mark Pacht pro Morgen und 500 Mark für die Lehmentnahme pro Morgen zu zahlen bei der Versteigerung übernommen hatte. Letzteres gestattete wegen des dann nötigen Ringofens indem zur Bebauung bestimmten Gelände der Bezirksausschuss nicht. Die Verwaltung des Pfarrgutes kommt der Pfarrstelle wohl zu gut, ist und bleibt aber dem Pfarramt, dem Vorsitz in der Verwaltung ein großes Hindernis, ungerechnet den unausbleiblichen Ärger. Möchte es meinem Nachfolger beschieden sein, dass er die Verwaltung des Pfarreivermögens samt Verpachtung in der Hand des Vorstandes des Kreiskirchentages sehen wird. Als nach der Verlängerung der Pachtzeit wieder die neue Pacht mit der Verteilung zu landwirtschaftlichen und gärtnerischen Zwecken an die sich meldenden 1919 begann, begann für den Pfarrer auch das Höchstmaß von Kraft- und Zeitverlust, gleichwohl er zuerst auch außerhalb der Pachtkommission im Interesse seines eigentlichen Dienstes stehen durfte. Er weiß zur genüge, warum er jetzt schon um seine Versetzung in den Ruhestand zu bitten hatte.
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Dazu war die erste Veranlassung, dass von dem über 12 Morgen betragenden gemeinsamen Grundvermögen Acker 7 198 und 17,12 Ar zur Erschließung von Baugelände in der Villenkolonie verkauft werden sollte. Das war Juli 1909. Die Stadt wurde dann 1913 vom Presbyterium angegangen, da sie das gesamte Läuten nicht wie früher der Gemeinde weiter zahlen wollte, in eine allgemeine Vermögenstrennung einzuwilligen. Frühjahr 1914 gewannen die Verhandlungen greifbare Gestalt. 1918 und 1919 (s. Presb. Protokollbuch Seite 22 145 – 165) wurden sie fortgesetzt mit einer schließlich ganz genauen Aufstellung der diesseitigen Ansprüche an die Stadt (s. S. 170 ).

Ab November 1922 wurde dem Pfarrer erst Gelegenheit zu eingehenden mündlichen Verhandlungen auf Grund der Zweckbestimmung der einzelnen Vermögensteile gegeben. Dieselben sind dazu zunächst eingestellt worden um die prinzipiell maßgebende richterliche Entscheidung höchster Instanz in ähnlichen Auseinandersetzungsverfahren abzuwarten.

< Volkslehrbibliothek >

1902 trat in Ergänzung und dann an Stelle der unter Consistiorialrat Carl entstandenen Volksbibliothek, eine neue durch den Kreis und die Gemeinde. Mit dem Krieg vollends gelangte ihre Erweiterung zum Stillstand. Mit Ersatz der zumal im Lazarett verlorengegangenen Nummern zählt sie jetzt deren 129.

< Verlegung des Kindergottesdienstes und der Christen-(Katechisi)lehre >

Die Christenlehre pflegte nicht mehr als zweiter Gottesdienst von der Gemeinde besucht zu werden. Der Besuch wurde in Folge der vielen Vereinsfeste von seiten der Konfirmierten immer weniger, während sie zugleich, besonders die Jünglinge, auch zum Vormittagsgottesdienst im Sommerhalbjahr wenig kamen. Da der Kindergottesdienst den Müttern nachmittags zugleich passender war, wurde von Mai 1904 nunmehr die Christenlehre ohne weitere Mitwirkung des Organisten nach dem Vormittagsgottesdienst gehalten und der Kindergottesdienst um 2.00 Uhr wozu der Organist, wenn kein Abendgottesdienst ist, zum Spielen der Eingangsliturgie mit Hauptlied kommt. “ Damit die Katechismusschüler vor der Kirche besser ausschlafen könnten“, wurde sie nun auch im Sommerhalbjahr um 10.00 Uhr begonnen. Gottesdienst beginnt vorm. stets um 10.00 Uhr.

< Bau des neuen Pfarrhauses >

Bei einer Besichtigung des einer großen Reparatur bedürftigen Pfarrhauses Oktober 1907, legten die beiden Vertreter der Regierung die Ablösung der fiskalischen Verpflichtung zu dessen baulicher Unterhaltung nahe. Februar beschloss das große Presbyterium in diesbezügliche Verhandlung einzutreten unter der Voraussetzung, dass der Kirchengemeinde keinerlei Verpflichtung betreffend Bau und Unterhaltung des neuen Pfarrhauses erwachse und, dass das alte Pfarrhaus zum Gemeindehaus werde,
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um den Schwestern Wohnung, der Kleinkinderschule bleibende Herberge und durch Erweiterung des Erdgeschosses nach dem Hof zu einen größeren Gemeindesaal zu beschaffen. Mit dem Verkauf eines Pfarreiackers sollte in der Zeit entsprechendes, größeres Pfarrhauses erbaut, dann aber die nördliche Hälfte des alten Hauses, die bis an das Obergeschoß feucht ist, durch Einschieben von Zinkplatten ausgebessert werden, welches letztere bis heute noch nicht geschehen konnte.

Da im Blick auf die baldige Einführung der Kirchensteuer die vermögenslos gewordene Kirchengemeinde immer wieder auf die Überschüsse der Pfarrkasse rechnete, entschloss sich der Minister (s. dritte nachstehende Seite) zu einer einmaligen größeren Überweisung von 100 000 Mark aus dem Pfarreivermögen, nachdem die Kirchengemeinde auf ihr gewordenen Rat zuvor auf die fiskalische Pflicht ohne Ablösung derselben
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am 5. Juli 1910 verzichtet hatte. Die Zinsen von 15 000 Mark wies dann die Kirchengemeinde ihrerseits der Pfarrgebäudekasse zu, die fortan dem Unterhalt der beiden Häuser mit der Hofreite dienen soll und jetzt nur die Hausmieten samt Scheunen- und Stallpacht über der Wertlosigkeit des ganzen Kapitals zu vereinnahmen hat.
(Seite 150 obere Hälfe)

1914

Sonntag, den 28. Juni (3. S. p. ts.) konnte das 20-jährige Bestehen der Kleinkinderschule gefeiert werden. Es war ein heißer Sommersonntag, dessen Abendkühle dann im Pfarrgarten so recht genossen werden konnte. Pfarrer Enders – jetzt Niederrad – hatte die Festpredigt übernommen, die Kinder kamen erst am Schlusse des Gottesdienstes zur Kirche um danach auch noch einige Spiele auf dem Kirchhof zu spielen. Im Schatten der Bäume fand, auch unter Mitwirkung des Jungfrauenvereins hier, die Nachfeier statt. Die Amtsbrüder Knöll – Rückberg, Metropolitan Reich – Hochstadt und ?? Kirhe ?? – Frankfurt West hielten Ansprachen. Das war derselbe Tag an dessen Vormittag in Sarajewo der Thronfolger ganz Österreich-Ungarns serbischen Mördern zum Opfer fiel, welche Greueltat fünf Wochen später zum Ausbruch des Weltkrieges führen sollte. >>
(weiter auf Seite 151)

Die Architekten Hallenstein und Zöllner, Carl Blattner und Wilhelm Müller wurden aufgefordert Pläne zu entwerfen. Auf das Gutachten des Baurats von Oven wurde Müllers Entwurf der Vorzug gegeben. Als dem Enkelsohn eines Pfarrers – `?Rut ?? in Hallstein – machte es Müller eine große Freude, auch einmal ein Pfarrhaus in freiem, weitem Raum erbauen zu können und mit ihm wetteiferte in Hingabe an die gegebene Aufgabe sein Bauführer W. Behr.

August 1911 wurde der Rohbau begonnen, im folgenden Frühjahr der innere Ausbau, Ende August wurde das neue Haus bezogen. Soweit möglich waren die Arbeiten an die hiesigen Handwerker vergeben worden. Dazu waren aus dem Pfarreikapital 59 000 Mark durch das Consistorium verwilligt worden; die Gesamtkosten beliefen sich auf 59 563,77 Mark einschließlich aller Erdarbeit, Gartenanlage, Einfriedigung und Herstellung der Zufahrt. Sein freundlicher, nicht prunkender, einfacher und vornehmer Aufbau mit seinen Terrassen und Veranden, die praktische Verteilung seiner Innenräume mit der gemütlichen Diele vor großem Heizkörper, mit geräumigem Sitzungs- und Dienstzimmer, mit für einen Hilfspfarrer vorgesehenem Arbeits- und Schlafzimmer mit manchen eingebauten Schränken, machen das Haus zu einem der schönsten, wenn nicht zum schönsten Pfarrhaus in unserer Hessen-Kasselschen Landeskirche. Den Baudispens, auf dem noch nicht baureifen, auf der Südseite des Gartens noch nicht mit Straße versehenen Gelände bauen zu dürfen, musste die Pfarrei mit kostenloser Abgabe von 43,61 Ar an die Stadt bezahlen, die gegen eine Anerkennungsgebühr von ihr zur weiteren Nutznießung der Pfarrei zunächst überlassen sind.

< Kommunale Eingemeindung >

Mit der kommunalen Eingemeindung, 1.4.10, ging das Friedhofswesen nicht alsbald in städtische Verwaltung über, wohl aber wurden nun auch die Eckenheimer Toten hier mitbegraben, dass erfolgte erst am 1.7.1915. Unsere Schule, die von 1902 an Pfarrer Enders – Bonames zum Kreisschulinspektor hatte, und bis 1910 bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand Jakob Reich, 1.10.04 – seit 1868 dahier – als Hauptlehrer, dem dann als solcher Friedrich
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Hofmann aus Niederscheld gefolgt war, kam mit Beginn des Schuljahres 1913 unter das Rektorat von K. Rühle, der sich sehr eifrig und treu wie in Eckenheim, dessen evangelische Schüler mit den unsrigen ihm anvertraut sind, so auch für das Beste unserer Kirchengemeinde sich bemüht, in der er auch wohnt.

Als Lehrer, die bis 1910 hier noch zur Anstellung kamen sind noch Reinhard Hoffmann aus Medenbach, Adam Wissenbach vordem in Gemünden an der Wohra und Heinrich Steuernagel aus Ffm. zu verzeichnen. Handarbeitslehrerin war Fräulein C. Schierhoz, die im Kindergottesdienst und Jungfrauenverein eine unverdrossene Gehilfin war.

In das Jahr 1910 fiel auch ein Vortrag des Lic. Bohn, Generalsekretär des deutschen evangelischen Sittlichkeitsvereins, der in der Kirche stattfand und zu dem die Männer und Frauen durch Handzettel eingeladen waren. Im Oktober desselben Jahres mussten in Folge des neuen Schulwesens die so genannten ?Singeleichen? leider aufhören. Das gute, vielleicht das einzige Gute, dass die Eingemeindung allen brachte, war die Fortsetzung der elektrischen Bahn bis in unseren Ort. Im September trat als erste evangelische Tageszeitung der Stadt, die Frankfurter Warte ins Leben, der Krieg, der über dem Vaterländischen alles trennende zunächst zurück treten lassen musste und umfangreichere Tagesberichte forderte, führte schon in den ersten Wochen ihr Ende herbei. Die jetzt in 70 Exemplaren hier gelesene Frankfurter Post vertritt neben dem evangelischen Standpunkt auch die Deutsch-nationale Volkspartei, in die seit 1918 die Christlich-soziale wie die Konservative Partei aufgegangen sind.

< Verhandlungen betreffend kirchlicher Eingemeindung >
Die schon früher in Bockenheim angeknüpften aber vergeblich verlaufenen Verhandlungen betreffend kirchlicher Eingemeindung wurden mit den evangelischen Kirchengemeinden des bisherigen Landkreises im September 1912 begonnen indem auch die hiesige Kirchenvertretung auf Anfrage unseres Consistoriums zu solchen sich bereitwillig erklärten. – Nach Rücksprache des Consistorialpräsidenten und Generalsuperintendenten mit Pfarrern und Presbyterialen der Klasse wurde Februar 1919 die Angelegenheit von den Presbyterien unter sich weiter beraten und das Kirchen- und Pfarreivermögen, das unsere Gemeinden mitbrächten, festgestellt. Nachdem später zwischen Vertretern der beiden Consistorien selbst eine eingehende Besprechung stattgefunden, man auch in den beiderseitigen neuen Kirchenverfassungen auf die voraussichtliche Eingemeindung Rücksicht genommen hatte, ist die Anfrage des Frankfurter Consistoriums betreffend Wiederaufnahme der Verhandlungen auf dem im Herbst stattfindenden ersten Kreiskirchentag zustimmend bejaht worden.
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1913, mit dessen Beginn die Kirchengemeinde den Brautleuten Trauungsbibeln schenkte, brachte am 9. März (da diese Feier vormittags stattfand, musste die Konfirmandenprüfung statt vormittags, nachmittags gehalten werden, was beibehalten wurde, da auch in der Stadt dies üblich ist und andererseits die Konfirmanden nicht so früh im Ort herumlaufen können.) Die Jahrhundertfeier zum Gedächtnis der nationalen Erhebung im Jahr 1813, wozu der Kriegerverein mit Fahne in der Kirche erschien und der Kirchenchor sang. Vom 5. bis 8. Mai fand in Gegenwart des Kaisers in der Festhalle ein Sängerwettstreit statt, von 11-14 der so genannte Prinz-Heinrich-Flug, der auch hier die Feier des Pfingstfestes störte.

 

Am 15. Juni begingen wir das 25-jährige Regierungsjubiläum unseres Königs und Kaisers, das alle Welt ihn noch als Europas Friedensfürsten feiern ließ. Der Kirchenchor sang, der Kriegerverein kam jedoch ohne Fahne, da seine katholischen Mitglieder, obwohl in der Minderheit, sie nicht allein in der evangelischen Kirchen sehen wollten; außerdem wirkte auch der Gegensatz Bürgerschaft und (Strafanstalt) Beamtenschaft lähmend auf den Verein, der natürlich mit dem Umsturz eingeschlafen ist. Am 13. Juli feierte noch der Verein mit großer Aufmachung sein 40-jähriges Stiftungsfest, auch mit Kirchgang, dabei ich über 1. Petr. 2, 17 predigte, während ich am Regierungsjubiläum Ps. 63,12 und 1.Tim. 2, 1-5 zur Erbauung dargereicht hatte.

Am 19. Oktober wurde dann noch d. 18. Oktober 1813 auch kirchlich gefeiert, wozu der Kriegerverein nur eine offizielle Deputation sandte. Männerchor Eintracht wirkte mit.

< Vermietung von Pfarrhausräumen >

„Um das unbewohnte alte Pfarrhaus, dessen Umbau sich mindestens um ein ganzes Jahr hinausschieben wird auszunutzen“, war im September Adam Emmerich, als Kirchendiener freie Wohnung eingerichtet worden. Hieran schloss sich Vermietung der übrigen Räume nach 1914 an kinderreiche Familien an, die im ganzen vier jetzt noch daselbst wohnen. Die Zwangseinmietung in das Dachgeschoss des neuen Pfarrhauses erfolgte September 1919 zu Gunsten einer aus dem Elsass ausgewiesenen Gefängnisaufseher-Familie gegen Zahlung an die Pfarrgebäudekasse, die auch die Beschaffung eines Herdes und befördern einer Gaszuleitung übernahm. Leider konnte diese Wohnung, die der jetzige Stelleninhaber wegen der dem Vorgänger überlassenen vier Zimmer mit Küche sehr nötig hätte, noch nicht geräumt werden, da die jetzige Inhaberin – eine aus Straßburg ausgewiesene Witwe, als Aufseherin in hiesiger Strafanstalt auf eine Wohnung am Ort angewiesen bleibt.
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< Aus der katholischen Gemeinde >

April 1914 versendete der hiesige „Katholische-Kirchenbau-Verein“ eine Bitte um Geldspenden zum Abtragen der noch 30 000 Mark betragenden Schuld für einen bereits erworbenen Bauplatz und zum Bau einer nötigen Kirche, die Seelenzahl der Gemeinde sei schon auf 700 gestiegen, etwa ¼ der Gesamtbevölkerung. Die Gemeinde habe eine katholische Schule von durchschnittlich 60 Schülern, entbehre aber leider Gottes, noch eines Gotteshauses und eines am Ort ansässigen zuständigen Seelsorgers. Ihr Kirchensteuersatz betrage 40% der Einkommenssteuer.

< Jünglings- und Jungfrauenvereine >

Während auch weiterhin (s. 1905 und 1906) die Kirchengemeinde in Gemeindeabenden zusammen zu führen versucht, wird in der Regel um das Reformationsfest und dann von Beginn der Passionszeit – die Männer sind leider sehr wenig dabei – wurde und wird auch immer wieder die Jugend in Jünglingsverein und Jungfrauenverein zu sammeln versucht – wurde, das gilt bezüglich erstgenanntem Verein. Jeder jährliche Versuch scheiterte an dem zur Krankheit gewordenen Sport. – Auch die Mädchenriege des Turnvereins, der sie an mehreren Abenden in der Woche beansprucht, erschwert das Leben des Jungfrauenvereins, nachdem er zeitweise ziemlich zahlreich war und so auch von der Regierung pekuniär unterstützt werden konnte. ?? Somit auch mög. ?? Mai 1914 ihm ein Harmonium zu kaufen und Tischtafeln mit Untergestell zu beschaffen. Der in der Nachkriegszeit vom Jugendamt unterstützte Jugendclub war ein Vergnügungsverein, der nur ein Jahr bestand, da die Leiterin nicht länger zur Verfügung stand.

< Aus der Zeit des Weltkrieges >

Der 1. August brachte die Mobilmachung. Hoch stieg auch hier die vaterländische Begeisterung und die religiöse Stimmung.

Das Abendmahl, das Sonntagabend am 2.8., an den Sonderabendgottesdienst 8.00 Uhr sich anschloss, nahmen 127 Männer und 73 Frauen, am Mittwoch darauf am angeordneten Buß- und Bettagabend 17 Männer und 65 Frauen. Die um 8 ½ Dienstags- und Freitagsabend stattfindenden Kriegsbetstunden wurden gut besucht.

Von Herbst 1915 an wurden diese am Sonntag und Mittwoch abends gehalten und von je 50 bzw. 40 Frauen und 30 bzw. 20 Mädchen im Winterhalbjahr 1915/16 und Sommerhalbjahr 1916 besucht, ab Ostern 1918 fanden sie noch Sonntagabend statt. Sehr besucht waren bis zum Ende des Krieges die in den Kriegsbetstunden gehaltenen Totengedächtnisfeiern.

< Opferwilligkeit >

An Opferwilligkeit stand die Gemeinde nicht zurück. Auf die Nachricht, ein Zug mit Reservisten werde in Bonames halten und freiwillige Versorgung mit Essen sei erwünscht, wurde soviel hingebracht, dass die alle siegesgewissen Reservisten nicht wussten, wohin damit. Hierbei forderte der Krieg freilich auch das erste Opfer aus Preungesheim. Eine katho-
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lische Frau – Degenhardt mit Namen – die am Wartesaal vorbei ging, wurde tödlich von einer Kugel getroffen aus einem Gewehr, dass eine Bahnhofswache auf der Innenseite des Fensters ungeschickt aufgestellt hatte. Die freiwillige Kriegsfürsorge (für die Angehörigen der eingezogenen Dienstpflichtigen) setzte sofort ein, deren XVII Bezirk die Gemeinden Eckenheim und Preungesheim bildeten, dessen Vorsitzender der Amtsbruder Herchenröder von Eckenheim war, während der katholische Pfr. Knips von dort neben dem hiesigen Pfarrer mit Beisitzer waren, und dessen Sitzungen oft zweimal in der Woche gewöhnlich bis in späte Nachtstunden dauerten. Die von der Centrale vom Vorstand gewünschte, oft nicht angebrachte Liberalität bei der Zumessung der Unterstützung hat mitgeholfen, dass auch bei uns der Kriegsgewinnlersinn bald aufkam, der letzten Endes zum Zusammenbruch des Deutschen Reiches führte.

< Lazarett im Goldenen Hirsch >

In den ersten Wochen hatte Preungesheim (evangelisch und katholisch) Männer und Frauen im hiesigen Pfarrhaus als Unterausschuss genannten Fürsorgebezirks, der schon am 4. August in die Arbeit eintrat. Am 7. August lag bereits ein Verzeichnis von 239 Einberufenen vor. Am 23. August wurden durch die Mitglieder des Ausschusses 1 839,15 Mark im Ort gesammelt und in die Zentrale abgeführt. Gleichzeitig übernahm er, nachdem Wirt Reitz seinen Saalbau zur Aufnahme von Verwundeten angeboten hatte, nach Rücksprache mit der Geschäftsstelle für freiwillige Krankenpflege im Kriege, die Beschaffung von Betten, die er sich leihweise bei den Familien des Ortes erbat. Sanitätsrat Wickmann übernahm die ärztliche Behandlung und der Ausschuss die Verpflegung und sonstiges der Verwundeten. Das Lazarett wurde unterstellt dem Lazarett IV in der Stadt und am 15. September (19)14 eröffnet. Die angelieferten Betten wurden durch den Chefarzt auf 46 vermindert. Das Lazarett, dem viel Mühe und Liebe von der Einwohnerschaft allzeit gewidmet wurde und das nach Aussage seiner Insassen einen Vergleich bezüglich der Verpflegung wohl aushalten konnte, wurde unvermutet schnell mit dem 28. Februar 1916 von der Militärverwaltung aufgelöst. Der Wirt, der „noch zugelegt haben will, was zu glauben ist“, hatte offenbar der Geschäftsstelle gekündigt und so das Ende des Lazaretts, das der Wirtschaft wegen sowieso beanstandet sein mochte, herbeigeführt.

< Besondere Liebesgaben >

Die Gesamteinnahme hatte sich auf 1 520,83 Mark und die Gesamtausgabe 1.452,32 Mark belaufen. Viel wurde an Naturalien geschenkt. Die Vergütung an den Wirt für die tägliche Beköstigung bezahlte die Geschäftsstelle. Als besondere Liebesgaben aus 1914 sind noch zu verzeichnen, dass 33 Waschwannen voll noch recht guter Wollsachen durch Vermittlung des Frankfurter Diakonissenhauses im November zum Besten der Obdachlos gewordenen Ostpreußen und durch die Mütter unserer Kleinkinderschulpfleglinge zwei Wannen voll Geschenke an eine ostpreußische Kinderpflege vor Weihnachten abgingen, dafür aus Rastenburg ein Dankschreiben eintraf.
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Dass nach Anordnung des Consistoriums in jedem Gottesdienst während des Krieges für die bedürftigen Kriegerfamilien geopfert wurde, hat dazu geführt, dass nun auch weiterhin an jedem kollektenfreien Wochenende für die Gemeindearmen bzw. die Kirchenkasse der Opferteller von den Kirchenältesten gehalten wird.

Im Interesse der Kriegsfürsorge bzw. des Lazaretts hatte sich der Pfarrer die sonst schon nötige und in den meisten Gemeinden der Pfarreiklasse auch erfolgte Beschaffung eines Fernsprechers erbeten. Doch hat er wegen der besonderen Art der Zustimmung, die in der Sitzung verlautete, auf die Mithilfe der Pfarrei- bzw. Kirchenkasse verzichtet und die Fernsprecherkosten ganz bezahlt bis die übergroß geworden, zur Aufgabe des Telefons führten.

< Schriftenverkehr mit den Frontsoldaten >

Um das Gefühl der Zusammengehörigkeit mit der Heimatkirche zu pflegen und zu erhalten, sandte das Pfarramt den ihm gemeldeten Kriegern bald „das Sonntagsblatt für das Deutsche Heer“ (nur ein Krieger sandte das Blatt als unnötige Belästigung zurück), erschienen beim christlichen Zeitschriftenverein in Berlin, dem auf jeden empfangenen Gruß ein Gegengruß beigefügt wurde. Am Ende des Krieges waren es 175 Exemplare, die wöchentlich der Post übergeben wurden. Viele Empfänger haben öfters durch Berichte, nicht nur durch Karten gedankt. Einen geschriebenen, mit Bildskizze versehenen und mit Hektographen-Druck vervielfältigen Gruß sandte dann der Pfarrer zu den vier Kriegsweihnachten, auch zu Ostern, Pfingsten und Totenfesten, zum Beginn des 3. Kriegsjahres – später im Frankfurter Kreisblatt und zuletzt im Frankfurter Volksfreund oder als Beiblatt zu Letzteren. Diesen Grüssen wurden zuweilen noch Drucksachen, wie der Weihnachtsgruß „Friede auf Erden“ oder „des Kaisers Wort ans Deutsche Volk zu Neujahr 1916“; siehe auch nachstehenden Bericht von der Vierjahrhundertfeier der Reformation beigefügt. Die Briefe des Pfarrers an die Gefangenen vermittelte vom Oktober 1916 an „die evangelische Büchervereinigung für Soldaten und Kriegsgefangene Deutsche im Ausland“- Nohsam, später Winnenden bei Stuttgart, Schriftführer D.W. Brepohl -, die auf Wunsch den Gefangenen auch Bücherpakete sandte. Welche Frucht diese vierjährige Aussaat brachte, entzieht sich, zumal über den traurigen Ausgang des Krieges, noch mehr als bei dem gewöhnlichen Seelsorgerdienst.
< Kapitalaufnahme zur Zeichnung von Kriegsanleihen>

Die Kriegsführung suchte das Presbyterium zu unterstützen, indem es bei der 2. Kriegsanleihe 50 000 Mark für die Pfarreikasse und bei der 8. 20 000 Mark für die Kirchenkasse 1915 bzw. 1917 zeichnete und hierzu 49 000 Mark bei der Nassauischen Landesbank bzw. 20 000 Mark bei der Preußischen Botencredit- Aktiengesellschaft-Berlin aufnahm, Schulden die in der Inflationszeit zurück gezahlt wurden ( s. Protokollbuch S. 337). Zur Beteiligung an der 6. Anleihe – 1916 – holten sich Schüler auch bei der Schulsparkasse, was sie bei ihr stehen hatten = 580 Mark. Zwangsweise mussten wir dann noch an materiellen Opfern
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dem Vaterland zu Händen der Materialienverwaltung in der Stadt unsere (Orgel-) Prospektpfeifen im Gewicht von 40 ½ kg gegen 270,60 Mark und eine Glocke im Gewicht von 280 kg gegen 1 157,40 Mark abliefern. Die größere Glocke haben wir statt der kleineren hingegeben, da jene aus 1796 und diese aus 1536 oder 1586 stammt; Abschied nahmen wir von unserer Glocke in der Kriegsbetstunde Sonntagabend am 1.7.1917 (Neue Glocke s. Seite 163)

< Einquartierung >

Willig wurde die Einquartierung aufgenommen, die uns die Ausbildung des Ersatzbataillons des Infanterieregiments 116 – Stab zu Vilbel mit einer Compagnie vom 1.9.1915 bis Ende April 1916 brachte – von wo ab die inzwischen ausgebaute Artillerie-Kaserne auf Bonameser Gemarkung bezogen wurde. Die bei Beginn des Krieges fertig gewordene Maschinengewehr-Abteilung diente zuerst der militärischen Ausbildung junger Kriegsmediziner. Diese Einquartierung veranlasste den Pfarrer einmal zu einer gewünschten Eidespredigt und mehrere mal zu Abschiedsansprachen in der Kirche oder auf dem noch freien Platz an der Kreuzstraße vor dem Ausrücken ins Feld. Erwähnenswert ist auch noch, dass 1917 eine Batterie zu landwirtschaftlichen Arbeiten hierher abkommandiert war, deren Mannschaft in der Kaserne lag, während zwei ihrer Offiziere – vom 10.4. – 27.6. – im hiesigen Pfarrhaus wohnten.

Aus einer anders gearteten, gewünschten Einquartierung in demselben Jahr sollte es hingegen nichts werden. Sieben Familien hatten sich bereit erklärt, Kinder aus dem westfälischen Industriegebiet auf einige Zeit in Verpflegung zu nehmen. In letzter Stunde (April) wurde noch abtelegrafiert, da Mädchen in größerer Zahl gewünscht wurde, als sie zu verteilen hätten („Bochumer“ Kinder nannte man sie)

< Besondere Gottesdienste >

Besondere Gottesdienste wurden nach Anordnung gehalten – so 1914 nach Befreiung Ostpreußens (nach Hindenburgs Sieg bei Tannenberg), 1915 nach Zurückwerfung der russischen Armeen in den Raum östlich Brest-Litowsk – am 1.9. „Außerordentliche Erfolge reihten sich innerhalb weniger Wochen fast in wenig längerer Zeit als einem Monat aneinander – 12 russische Festungen unter der unwiderstehlichen Einwirkung deutscher und österreichischer schwerer Geschütze gestürmt und genommen, dabei 1 1/2 Millionen Gefangener gemacht.“ Neben diesen Dankgottesdiensten wurden auch Bittgottesdienste gehalten, so am 11. März 1917 „allgemeiner Kriegsbettag vor den großen Entscheidungen“ – um zu standhaftem Aushalten in den Entbehrungen und zu tapferem Gottvertrauen zu ermuntern; hierbei wurden Schriftchen verteilt „Aushalten bis zum Sieg“ und „Wir wollen alle Streiter sein“. Zum Aushalten trotz der lähmenden Ernährungsschwierigkeit sollten sich im Mai 1917 ein Kirchenvortrag des Divisionspfarrers Weppler und 1918 im Juni ein Lichtbildervortrag des Reserveleutnants Griesbach von dem Pressebüro des Generalkommandos zu Frankfurt dienen; die Tellersammlung bei dieser letztgenannten Veranstaltung floss in die Ludendorff-Stiftung (zum Besten der Soldantenheime)
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< Der religiöse Sinn der Männer >

Der religiöse Sinn der Männer, der einer Kirchengemeinde ihr Gepräge gibt, nahm auch hier bald wieder seine gleichgültige Art an. Schon Anfangs 1916 musste geklagt werden, dass der Kirchenbesuch der Daheimgebliebenen so gering sei und gehofft werden, dass die Gottesfürchtigen unter den Heimkehrenden die übrigen wieder dazu ermuntern würden. Auch ohne dass der Pfarrer, wie ihm und seinesgleichen zur Aufgabe gemacht war, den Landwirten dargelegt hat, sonntags zu arbeiten solle ihnen der Volksernährung wegen keine Gewissensnot machen, haben sie vielfach aus Eigennutz dies während des Krieges angefangen, um nun davon nicht mehr zu lassen; die Heimgekehrten halfen nicht bessernd mit. Im praktischen Materialismus wurden auch unsere Einwohner sehr befördert, dass die, die immer Geld zu haben verstehen, nicht nur abgeforderte Preise beim „Hamstern“ zu bezahlen, sondern auch noch darüber hinaus.

Über diesem geldgierigen Sinn ging auch vielen in Preungesheim der Sinn für Pflicht und Ehre unter und musste eingeforderter Bericht des Presbyteriums feststellen (am 14. Februar 1918) „Dass in der Gemeinde der Wunsch nach Friede allgemein sei, einerlei ob er ein dauerhafter werde oder nicht und bei Landwirten und Arbeitern dass Vertrauen zu den maßgebenden Stellen fehle.“

Die Jugend, die der väterlichen Zucht entbehrte, die freilich auch vor dem König schon sich wenig merken ließ, und in der Rüstungsindustrie zuviel verdiente, wuchs auch hier immer mehr in den Leichtsinn hinein. Was konnte da der Erziehungssonntag, der für den 13.1.1917 angesetzt war und eine eingehende Aussprache mit Müttern zur Folge hatte, helfen? Ebenso wenig, als die Aussicht auf Kriegerheimstätten die um ihrer vaterländischen Pflicht ??..?? gemachten zur besseren Einsicht gebracht hat. Dem Hauptausschuss des Heimstättenvereins mit halbjährigem Beitrag beizutreten, hatte das Presbyterium noch ab 1. Oktober 1918 beschlossen.

< Umsturz >

Der Umsturz kam überraschend. Auf die Proklamierung des Freistaats Bayern am 8. November 1918 erfolgte in der Nacht auf den 9. November in Frankfurt die Bildung des Soldaten- und Arbeiterrats, dem ein Wohlfahrtsausschuss zur Seite trat, mit dem Sitz im Frankfurter Hof. Den Offizieren wurden die Achselstücke herunter gerissen, auf dem nahen Bezirkskommando wurde die rote Fahne aufgezogen; mit roten Abzeichen geschmückt, die Frauen voran, bummelte die Menge auf den Straßen der Stadt; ungehindert stellten sich auf den Bürgersteigen Kleinhändler auf – ; bald starrten die Straßen vor Schmutz; auch hier sah man Bürgerwachen mit Schlapphut und auf dem Rücken hängendem Gewehr, die rote Binde am Arm.
(Seite 163)

< Heimkehr der Krieger >

Um so wehmütiger – wehmütiger als irgendein Ereignis im Krieg – wirkte die Heimkehr der unbesiegten Regimenter, die in fast ununterbrochener Folge auch durch unseren Vorort zogen unter den Kränzen die am Kriegerdenkmal über die sich kreuzenden Straßen hingen. Trotz ihrer Soldatenräte zogen die Truppen stramm und in altbewährter Ordnung heim unter der Führung ihres Generalfeldmarschalls von Hindenburg, der nun mit 77 Jahren bereit ist, am 26.4. diesen Jahres als Reichspräsident die Führung unseres ganzen unglücklichen Volkes zu übernehmen. Auch im hiesigen Pfarrhaus waren in jenen ersten Dezembertagen höhere Stabsoffiziere zur Herberge, die ihre Meinung dahin äußerten, dass die Feinde am Ende ihrer Kraft gewesen wären, wenn wir noch vier Wochen hätten Stand halten wollen. Gott der Herr wollte uns strafen wie wir es Ihm – nicht den Feinden gegenüber – verdient haben. Ihre heimgekehrten Krieger begrüßte unsere Gemeinde am 2. Weihnachtsfeiertag in überfüllter Kirche mit einer der Predigt noch angeschlossener Ansprache des Pfarrers, worauf diese durch Hilfsschullehrer A. Löw antworteten. Mit der Stadt wurde dann noch am 11. des folgenden Monats zwischen 12.00 und 1.00 Uhr zu Ehren der Heimgekommenen geläutet.

Am 1. Advent wurde in einer großen Kundgebung an der Paulskirche Stellung genommen zur Frage der Trennung von Staat und Kirche. Ein gleiches geschah bei uns am 3. Advent (15.12.18) in einer Gemeindeversammlung in der Kirche, zu der durch gedruckte Handzettel eingeladen war. Mittelschullehrer A. Müller sprach eindringlich über „die neue Zeit und unsere evangelische Gemeinde“, die ihrer ganzen Verantwortlichkeit gegenüber der kirchlichen Pflicht bewusst werden müsse.
(Seite 159)

— Einschub durch einen anderen Schreiber bis S.163 oben —

Eintrag am 8. November 17

< Die Vierjahrhundertfeier der Reformation >

wurde nach Anordnung des Consistoriums eingeleitet durch die Einführung von Reformationsliedern. Diese sind neben „Aus tiefer Not“ nach der ursprünglichen Weise „Erhalt uns Herr bei Deinem Wort“ – „Nun singt ihr lieben Christen gemein“, „Komm heilger Geist, Herre Gott“ und „Mitten wir im Leben sind“. “ Verleih uns Frieden gnädiglich“ singt die Gemeinde bereits seit Beginn des Krieges. Von dem Deutschen Tedeum musste Abstand genommen werden. Vom 9. September an wurde in den Vormittagsgottesdiensten über die vom Consistorium angebotenen Themata und Texte gepredigt, während fortan der Verlesung der Sonntagsevangelien bzw. -episteln dazu zusammengestellte Lutherworte angereiht wurden.

Die vom Consistorium gegebene Ankündigung der Feier des Reformations-Jubiläums wurde am 21. Oktober von der Kanzel verlesen. Am 26. fand dann eine Sitzung des großen Presbyteriums statt mit der Tagesordnung: „Würdige Feier des Vierhundertjahrjubiläums der Reformation“. Eingangs derselben wies der Vorsitzende hin auf Luthers Geist im Deutschen Volk, dem auch die Katholiken einen guten Teil des Besten, was sie in sich tragen, verdanken, und berichtete dann über die Jubelfeiern 1617, 1717 und 1817 in Stadt und Land. Nun sei die vaterländische ernste Zeit durch die im Jubeljahr bescherte Zulassung des Jesuitenordens auch kirchlich besonders ernst geworden und fordere dieselbe auf, umso innerlicher den 31. Oktober dieses Jahres zu feiern.

Die Versammlung billigte die Notwendigkeit, die äußere Feier ganz einheitlich mit den Gemeinden der Innenstadt abzuhalten, dennoch nicht nach Anordnung, die das uns zustehende Consistorium in Verfolg einer mit den Superintendenten abgehaltenen Besprechung, zu der auch der Vorsitzende für die Pfarreiklasse hinzugezogen worden war, getroffen hat, am 28. Oktober einen Jugend-Festgottesdienst und die Hauptfeier vormittags am 31. Oktober, sondern beides am Festtage selbst, jenen vormittags 10.00 Uhr und diese abends 8.00 Uhr zu halten.
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Dem an die Feldgrauen versandten „Gruß ins Feld zum Reformationsjubiläum – Dein Reich komme“ – Verlag Steinkopf-Stuttgart, die an die Schüler des Festgottesdienstes zu verteilende Festordnung, herausgegeben vom königlichen Consistorium zu Cassel, sowie an die Besucher des Kindergottesdienstes am 22. November zu schenkende Festnummer des „Joegendfreund“ (Holland und Josenhans-Stuttgart) übernahm die Versammlung aus Mangel an kirchlichen Mitteln auf die Pfarreikasse. Der noch vom Vorsitzenden gemachten Anregung, gelegentlich der bevorstehenden Feier unserer Kirchengemeinde den mit der Zeit unumgänglichen Eigennamen mit „Landgraf-Philipp-Gemeinde“ bzw. – Kirche zu geben, glaubte die Versammlung nicht zustimmen zu können.

Die Feier selbst nahm folgenden Verlauf:

Der Pfarrer begab sich mit den Kirchenältesten und Gemeindeverordneten (unter diesen war auch der Bezirks-Vorsteher) in den gegenüberliegenden Schulhof und stellten sie sich an die Spitze der hiesigen evangelischen Schule, die ausschließlich der zwei untersten Jahrgänge und einschließlich von Viceversa hierher überwiesenen Eckenheimer Schüler, ungefähr 200 Kinder stark unter Leitung des Rektor K. Rühle, des Lehrers A. Rohn, der Lehrerinnen E. Haller, E. Kleinschmidt, E. Mandel, H. Ritter und E. Schierholz nun zur Kirche zog. Dieselbe hatte Festschmuck angelegt, indem die Türen, Kanzel, Orgelempore mit Tannengewinden und der Altar mit Blumen und Zierpflanzen geschmückt waren. Das Gesamtpresbyterium, mit ihm der Rektor, nahmen auf beiden Seiten des Altars Platz, die Lehrerinnen im Ältestenstuhl, die Schüler im Schiff der Kirche, wo sich auch die Kleinkinderschul-Schwester mit ihren größeren Pfleglingen eingefunden hatte, während die Gemeinde durch eine größere Anzahl von Frauen und Jungfrauen auf den Emporen vertreten war. Der Gottesdienst verlief in engem Anschluss an die für ihn gegebene Festordnung, in die noch drei zum Vortrag durch Schülerinnen ausgewählte Gedichte eingeflochten waren. Der Gemeindepfarrer hielt nach dem
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Lied „Ich weiß, an wen ich glaube“ vom Altar aus, seine Ansprache über 1. Petr. 1, 24/25, einen der vom Consistorium empfohlenen Texte, mit dem vorangestellten Merkwort: „Des Herrn Wort bleibet in Ewigkeit“- „Das ist der feste Grund des gottgesegneten Wortes, dass wir heute feiern dürfen; das sei auch dieses Tages Predigt an Euch.“ Sie schloss mit dem Hinweis auf das der Festordnung vorgedruckte Bild „Luther schlägt die Thesen an“ und das ihr zugefügte Bild „Die Wartburg“ auf der unser Luther des Herrn Wort zu verdeutschen begann – sowie auf die gleichen, dem Kanzelbehang eingestickten Worte „Die Euch bei jedem Gottesdienst an diesen einzigartigen Festtag erinnern können“.

Zwischen dem dritten und vierten Vers von „Ein feste Burg“ hielt der Rektor eine Ansprache, die Luther als das nicht zu übersehende Vorbild im Glauben und Wirken zeichnete unter dem Bilde der Deutschen Eiche, die tief gewurzelt in die Breite geht und die übrigen Bäume des Waldes überragend allen Stürmen standhaft Trotz bietet.

Eingetragen 28.12.17

Die Hauptfeier sah die Mitglieder des Presbyteriums wieder rechts und links vom Altar. Die Frauen und Jungfrauen der Gemeinde waren sehr zahlreich erschienen, von den Männern, die nicht eingezogen und auch nicht in Munitionsarbeit waren, nur ein mäßiger Teil.

Den Eingang bildete der Schülerchor „Lobet den Herrn, den mächtigen König der Ehren“, der Kirchenfrauenchor (Leiter die Frau Pfarrer) sang vor dem Glaubensbekenntnis „Der Herr ist unsere Zuversicht“ und vor dem Segen „Christ sei getreu“. Sonst schloss sich der Verlauf des Gottesdienstes eng an die Festordnung an, wobei an die Stelle des Te deum dass auch vorgesehene „Nun danket alle Gott“ treten musste. Zur Predigt war acta 4,12 gewählt worden und zum Thema: „Jesus Christus allein des Menschen Heil “ -, “ das ist das Bekenntnis das die Reformation wieder ins helle Licht gestellt hat und an dem wir dankbar festhalten wollen“. Letzteres wird umso mehr unsere Pflicht sein, als der Krieg, in dem wir stehen vielleicht auch in den kirchlichen Ordnungen große Veränderungen bringen wird. In dem dann bevorstehenden Geisteskampf heißt`s dem anstürmenden Diesseits-Geist im Glauben an den Heiland allein, stand zu halten, zu protestieren in Wachsamkeit gegen äußere Übergriffe der Katholiken einerseits und gegen Lauheit und Leugnung des Evangeliums unter den so genannten Protestanten andererseits, – nicht nur protestantisch zu sein bis in die Knochen, sondern auch evangelisch zu sein von ganzem Herzen.
(Seite 162)

An Vormittag betrug die Kirchensammlung zum Besten der „Gustav-Adolf-Jugendstiftung 1917“, deren Erträge den Waisen- und Erziehungshäusern in der evangelischen Diaspora zu Gute kommen sollen, 18,74 Mark, dazu noch 12,60 Mark aus anderen Einnahmegelegenheiten hinzugefügt werden konnten; die Kirchensammlung am Abend, die für sämtliche Deutschen Evangelischen Landeskirchen vereinbart und für „Die durch den Krieg geschädigten Deutschen Evangelischen Kirchengemeinden insbesondere in den Schutzgebieten und im Ausland“ bestimmt worden war, trug ein 20,49 Mark ein.

Hatte die Gemeinde am folgenden Sonntag, dem 4. November in ihrer Kirche eine Nachfeier mit Predigt über Eph. 6.7 „Der Gottesdienst des Berufs“, so nahm eine Anzahl ihrer Mitglieder am Abend teil an der sehr eindrucksvoll wirkenden und stark besuchten allgemeinen Reformationsnachfeier, die der Evangelische Bund zusammen mit dem Frankfurter Gust.Adolf-Hauptverein im Saalbau veranstaltete.

Eingetragen am 26. Januar 1920

Im Anschluss an die Reformationsfeier wurde dann noch unter Mitwirkung des Kirchenchors und Jungfrauenvereins am 2. Dezember 1917 ein Luther-Abend mit Lichtbildern in der schönen Aussicht abgehalten.

Die Hundertjahrfeier der Hanauer Union

im folgenden Jahr 1918, die am 28. Mai mit einem sehr eindrucksvollen Festgottesdienst in der Marienkirche zu Hanau unter Beteiligung aller Pfarrer der Union und vieler Presbyterialen aus derselben stattfand, – aus hiesiger Gemeinde begleiteten die Kirchenältesten Kantor J. Reich und Bezirksvorsteher H. Steuernagel den Ortsgeistlichen -, wurde in hiesiger Gemeinde am 2. Juni (1. S. p. ts) durch eine gottesdienstliche Gedächtnisfeier begangen. Die auf dem in Hanau am 28. Mai sich anschließenden gemeinsamen Mittagessen von Generalsuperintendenten Möller als „einzige“ gehaltene Rede auf den Kaiser (ihm hatte zum Geburtstag 1917 das Presbyterium im Namen der Kirchengemeinde auf Veranlassung des Herrn Generalsuperintendenten „Dankbare Huldigung und ehrerbietigen Segenswunsch“ ins große Hauptquartier gesandt), dessen Heer den letzten so gewaltig vordrän-
(Seite 163 oberer Teil)

genden Angriff wieder bis an die Marne (Château-Thiery), Oise ( ? Noyon) bis 40 km vor Amiens trug, war der letzte freudige Ausdruck der Siegeshoffnung, die damals uns alle erfüllte.

Das vom 5. April 1920 bis 16. Mai ej. anni Frankfurt durch Franzosen (Marokkaner) und Belgier besetzt werden konnte, zeigte uns noch mehr als der 9. November 1918, der in der Stadt die Revolution durch Verhöhnung und Beleidigung der Offiziere charakterisierte, wie weit ein zuerst so siegreiches Volk durch völlig materialistische Gesinnung bei sehr großem Teil des Volkes einschließlich der Bürgerschaft sinken konnte. ( April 1922 )

Am 15. Mai 1921, am 1. Pfingstfeiertag fand die Weihe der von F. W. Rinker in Sinn gelieferten Gusstahlglocke statt, die incl. 5 547 Mark Liebesgaben 10 400 Mark kostete.
— Ende des Einschubs durch anderen Schreiber —
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