Die Pfarrchronik

Pfarrchronik Teil 14

Mit dem Beginn des Sommersemesters wurden der Schule die katholischen Kinder, welche bisher die katholische Confessionsschule zu Eckenheim besucht hatten, zugewiesen. Es soll auch hier eine solche errichtet werden. Da die Zahl der schulpflichtigen Kinder sich durch die Zuweisung der katholischen so vermehrt hat, dass die drei Schulzimmer zu ihrer Aufnahme nicht hinreichten, so wurden dieselben auf Anordnung der Regierung zu Wiesbaden ( Verfügung vom 8. April 1899 II 3765) in vier Klassen eingeteilt, welche in den drei Zimmern unterrichtet werden und bis zur Herstellung eines neuen Schulhauses ein katholischer Lehrer (Schulamtskandidat) mit der Versehung der vierten Klasse beauftragt, welcher auch den katholischen Kindern aller Klassen den Religionsunterricht erteilt. Hierüber große Verstimmung in der Gemeinde, welche durch den Hinweis auf die Versicherung des Oberschulrats, Herrn Geheimrats Hillebrands – Wiesbaden – beseitigt wurde, dass diese Einrichtung ja nur ein Provisorium sei.

Zum Bau des neuen Schulhauses wurden von Seiten der Gemeinde Verhandlungen mit dem Presbyterium angeknüpft zwecks Ankauf des Weingartens.
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Am 3. September 1899 wurde die katholische Kirche zu Eckenheim gelegentlich der Firmelung durch den Bischof Albertus von Fulda eingeweiht, nachdem sie bereits 2 Jahre lang in Gebrauch gewesen. Die katholische Geistlichkeit, bzw. Kaplan Knips entwickelte bei dieser Gelegenheit all den Pomp, mit dem die katholische Kirche der Welt imponiert. Festessen, Volksfest, Fackelzug und Serenade zu Ehren Seiner Bischöflichen Gnaden. Die Evangelischen waren, gewiss zum großen Verdruss ihres Pfarrers, so charakterlos, dass sie sich an den Festlichkeiten lebhaft beteiligten, was in der Zeitung, dem Generalanzeiger als ein erfreuliches Zeichen der Toleranz und des guten Einvernehmens zwischen den Katholiken und Protestanten bezeichnet wurde. Nicht allein, dass auch die Häuser der Evangelischen mit einer Ausnahme geflaggt hatten, so beteiligten sich auch sämtliche Vereine, deren Mitglieder doch vorwiegend evangelisch sind, an dem dem katholischen Kirchenfürst gebrachten Fackelzug. Das politische Oberhaupt des Orts, zugleich Kirchenältester, soll sogar den Baldachin über dem Haupt des Bischofs getragen haben. So gering ist das protestantische Ehrgefühl bei unserer
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Bevölkerung. Der katholische Ortspfarrer hatte die Unverfrorenheit auch den hiesigen Pfarrer zur Feier des Hochamts und zum Festessen einzuladen. Ein offenbarer Hohn und ein Zeichen der Zeit, was sich die Ecclesia Romana erlauben darf.
1900

Der Beginn des neuen Jahrhunderts wurde auf Befehl Sr. Majestät des Kaisers mit besonderer Feierlichkeit begangen.

Nachdem am 30. Dezember, in den Schulen am 31. abends in der Kirche, mit der gewöhnlichen Sylvesterandacht vom alten Jahr und Jahrhundert Abschied genommen worden war, fand am Neujahrstag morgens ein etwas ruhiger ausgestatteter Gottesdienst statt. Das Königliche Consistorium hatte Liturgie und Predigtext (Offenbarung Johannis Cap. 1, 4- 8) vorgeschrieben. Der Pfarrer suchte zu zeigen, wie der Rückblick auf das verflossene Jahrhundert mit seinem gewaltigen Fortschritt auf weltlichem und geistlichem Gebiet und mit seinen großen Errungenschaften uns nicht bloß zum Dank, sondern auch zur Buße auffordern, und ermahnte beim Blick in die Zukunft zum Vertrauen auf den Unwandelbaren, der da ist das A und das O, der Anfang und das Ende, der da ist, der da war und der da kommt. Die Kirche war in ungewöhnlicher
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Weise zahlreich besucht. (Das Opfer betrug 4 Mark) Zwei unserer Gesangvereine verschönten den Gottesdienst durch den Vortrag eines passenden Liedes. Die Gemeinde sang Beethovens „Die Himmel rühmen“, der Gesangverein Männerchor Sängerlust den Chor aus Mehuls Joseph in Ägypten: „Herr unser Gott“. Auch der Kriegerverein war in corpore erschienen. In der Scheidestunde des alten vom zum neuen Jahrhundert ließ der Bürgermeister mit allen Glocken läuten. Der gewöhnliche Neujahrslärm ließ aber nicht erkennen, dass die Gemeinde im Ganzen und Großen sich des ernsten Schrittes, den wir mit dem Eintritt in ein neues Jahrhundert getan haben, bewusst war.
Deus optimus maximus in novo seculo omnia bene verdat. Ps. 121 . 8.

Am 14. März abends 8.00 Uhr feierte der Frauenverein sein 6. Jahresfest im Saal der Frau Wirt Reiz, da der Störung des Unterrichts wegen die Versammlung nicht mehr im Schulsaal gehalten werden konnte ( Regierungsbefehl vom 9. November 1899). Pfarrer Enders von Bonames hielt die Ansprache.
Am 20. August nachmittags ¾ 5 Uhr schlug der Blitz in die Scheune des
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Heinrich Laupus Kirchgasse No. 2 und zündete. Binnen wenigen Augenblicken stand die Scheuer in allen vier Ecken in Flammen, so dass das Vieh nur mit Not gerettet werden konnte. Zum Glück waren die meisten Leute wegen einer kurz vorher statt gehabten Beerdigung zu Hause, so dass Hülfe sogleich bei der Hand war. Die Spritze war schon 5 Minuten nach erfolgtem Schlag am Platz, kurz darauf auch die von Eckenheim. Frauen und Mädchen zeichneten sich aus durch ihren Eifer im Wassertragen. Den sonst bei Bränden eintretenden Wassermangel ersetzte der heftige Regen, der auf den .Blitzschlag folgte, so dass man das Floß abdämmen und den Regen schöpfen konnte. In großer Gefahr war die anstoßende Scheune des Metzger Odemer.

Im Laufe des Sommers wurde das neue vierklassige Schulhaus in dem von Seiten der Gemeinde für 26 525 Mark angekauften Pfarrweingarten errichtet. Der Maurermeister Ochs von Eckenheim (katholisch) hatte den Bau für 39 000 Mark akkor-
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diert. Den Riss lieferte der Architekt Walz von Bonames.

Am 22. 8. conferierte der Geheime Regierungsrat Hildebrand von Wiesbaden mit den Gemeindeorganen über die Errichtung einer Einklassigen katholischen Schule.

Nach langem vergeblichem Widerstreben hat die Gemeinde die Vorschläge der königlichen Regierung angenommen und die Errichtung einer katholischen Schule beschlossen.

1901

Am 18. Januar wurde das 200-jährige Jubiläum der Preußischen Krone von der Schule im Saal der Hamburgerschen Wirtschaft „Zur Krone“ durch einen Festakt gefeiert.

Der Feier wohnten außer dem Orts-Schulinspektor, Herr Pfarrer Herchenröder, von Eckenheim der Ortspfarrer, der Direktor der Strafanstalt, Hauptmann a.D. Migula, Pfarrer Reuß von der Anstalt, Bürgermeister Caspari und der Ortsrat, der königliche Gendarm und eine Anzahl Ortsangehörige bei.

Das Programm der Festfeier war folgendes:

1. Gesang: Lobe den Herrn, den mächtigen König.
2. Verlesung des 21. Psalms, 1 – 8.
3. Deklamation: Nun lasst die Glocken klingen von Turm zu Turme.
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1. 1. Ansprache: Hauptlehrer Reich.

Derselbe begann mit der Belehnung des Burggrafen Friedrich von Hohenzollern und schilderte die Entwicklung der Brandenburg Preußischen Hausmacht bis zur Annahme der Königskrone durch Friedrich den III.

2. Deklamation: Die Krönung zu Königsberg (Schüler der 1. Klasse).
3. Zweite Ansprache: Lehrer Lehr.

Herr Lehr schilderte die Tätigkeit der folgenden Könige, besonders Friedrich Wilhelm des I., Friedrich des II., Friedrich Wilhelm des III. und des Heldenkaisers, sowie des regierenden nicht nur zur Vergrößerung Preußens, sondern auch insbesondere zur Förderung des Volkswohl.
4. Gesang: Heil dir im Siegerkranz.
5. Deklamation: Mein Vaterland aus Schwaben eine Eiche.
6. Gesang: Ich hab mich ergeben.
7. Deklamation: Der deutsche Knabe.
8. Gesang: Deutschland, Deutschland über Alles.

Der königliche Ortschulinspektor schloss mit einer Ermahnung an die Schüler sich die Pflichten der Preußischen Könige sich auch in ihren künftigen Leben zum Muster zu nehmen.
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Am 30. Mai 1901 wurde das neue Schulhaus im Beisein des Königlichen Kreisinspektors Weidemann in Gebrauch genommen. Eine feierliche Einweihung, wie sie die Gemeinde gewünscht hatte und wohl auch am Platze gewesen wäre, fand wegen Erkrankung des provisorischen Ortschulinspektors Pfarrer Herchenröder, Eckenheim, nicht statt, worüber die Gemeindeorgane sehr verstimmt waren. Dieselben wohnten deshalb auch der Eröffnung nicht bei. Dagegen waren die Mitglieder unseres Presbyteriums zugegen. < Meine Erkrankung war an diesem unliebsamen Vorkommnissen insofern Schuld, als sie mich verhinderte zwischen dem Kreisschulinspektor und der Gemeindebehörde gütlich zu vermitteln. Letztere wollte die Einweihung des Hauses an einem Sonntag vorgenommen sehen, um der Gemeinde die Beteiligung daran zu ermöglichen. Letzterer aber schlug dies rund ab und setzte sie auf einen Werktag an. gez. Herchenröder.>
In Folge des am 1. April 1901 erschienenen Emeritierungs Gesetzes, welches es dem Pfarrer möglich macht, wenn er alt wird und sich nach Ruhe sehnt und vom Amt zurück zu treten, kam Pfarrer Junghans um seine Pensionierung ein, welche ihm auch durch Consistorialbeschluß vom 23 Mai C. No. 4032 gewährt wurde.

Pfarrer Junghans zieht nach 49-jähriger Dienstzeit (am 12. April des folgenden Jahres hätte er sein 50-jähriges Dienstjubiläum feiern können) und 14-jährigem Wirken an
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der Gemeinde Preungesheim nach Hanau.
Am 19. August 1901, morgens um 5.00 Uhr brannte es bei Frau Gastwirt Reiz Witwe; ein Hinterbau; war aber bald gelöscht.
Im Sommer des Jahres 1901 wurde die Kirche neu gestrichen. Weißbinder Schäfer führte die Arbeit aus für 145 Mark.

Durch Verfügung Königlichen Consistoriums wurde während der vom 1. Oktober bis 1. November 1901 währenden Vakanz die Spezialvertretung dem Pfarrer Herchenröder von Eckenheim übertragen.
< Am 13. April 1910 starb Pfarrer Junghans zu Hanau >
Durch Rescript vom 24. August 1901 wurde ich

Valentin, Gottlieb, Friedrich Wilhelm Fritsch zum Pfarrer der hiesigen Gemeinde ernannt.

Ich wurde am 1. April 1856 geboren zu Bottenhorn, Kreis Biedenkopf als der 3. Sohn des Hessen-Darmstädtischen Pfarrers Wilhelm Fritsch (gestorben 1890 zu Holzhausen vor der Höhe). Nachdem ich durch den Vater vorbereitet von Nieder-Eschbach aus von Herbst 1870 bis dahin 1873 das Städtische Gymnasium zu Frankfurt am Main und bis Herbst 1875 das Gymnasium zu Gütersloh in Westfalen besucht und ebenda das Abiturienten-
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examen bestanden hatte, studierte ich Theologie und zwar die ersten drei Semester zu Leipzig (hörte besonders die Professoren Delitzsch, Rahnis und Luthardt). Das vierte zu Tübingen (Tob. Weck zog dort mich an) und nachdem ich ein Wintersemester bei den Eltern zugebracht hatte, das fünfte und sechste Studiensemester zu Giessen, wo ich März 1879 das 1. Theologische Examen ablegte. Nachdem ich ein Jahr lang das Predigerseminar zu Friedberg besuchte, übernahm ich für die folgenden 2 Jahre die Hauslehrerstelle bei den Kindern des Grafen und Edlen Herrn Ernst zu Lippe-Biesterfeld, des jetzigen Grafregenten in Lippe-Detmold, der damals zu Oberkassel, am Fuße des Siebengebirges seinen Wohnsitz hatte. Nach dem Definitorial-Examen, das ich im Februar 1882 zu Darmstadt absolvierte, wurde ich am 30. April eod. an. zu Ritzkirchen, Kreis Büdingen, ordiniert, wo ich elf Monate lang Pfarreiverweser war. Von dem Fürsten von Isenburg-Birstein präsentiert, wurde ich am 1. April 1883 Pfarrer zu Unterreichenbach, Kreis Gelnhausen und somit dem Consistorium zu Cassel, unterstellt. Am 1. Oktober 1894 trat ich von dort aus die Pfarrstelle zu Fechenheim an, von wo ich auf hiesige Stelle mich meldete auf Veranlassung des Generalsuperintendenten. Nachdem ich auf Aufforderung des Königlichen Consistoriums mich damit einverstanden erklärt hatte, dass als Einkommen der hiesigen Pfarrstelle der „gegenwärtige“ competenzmäßige Betrag von 7 750 Mark
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(Der wirkliche Betrag von 1901 = 7 488,13 Mark, 1902 = 7 505,16 Mark einschließlich verkauften Obst- und Gemüses) angenommen wird, und versprochen habe, etwaige künftige Mehrerträge aus Dotationsfonds für eine künftige zweite Pfarrstelle anzusammeln, wurde ich zum Pfarrer für hier bestellt.

Möge Gott der Herr auf meinen Dienst hierselbst aus Gnaden seinen Segen legen, dass ich, wie der Generalsuperintendent bei der Ernennung schrieb, „gewürdigt werde in der anvertrauten Gemeinde neues Leben aus Gott anzufachen und die Gemeinde stärken und fördern im Kampf gegen die schwarze und rote Internationale“.

Die Einführung vor der Gemeinde fand am letzten Trinitatissonntag, d. 24. Nov. statt durch den Superintendenten Sopp, Hanau, unter Assistenz des Metropolitans Strobel, Frankfurt – Bockenheim und Pfarrer Herchenröder, Eckenheim; in Vertretung des Königlichen Landrates nahm an der Feier Regierungsassessor von Brockhusen < Schwiegersohn von Hindenburg!> teil, der bei Tisch die Ernennung des Pfarrers zum Ortschulinspektor mitteilte.

< Anstellung einer Gemeindeschwester >

Anfang März 1902 baten die Frauenkassenmitglieder Susanne Weilbrunn und Marie Zimmer den Pfarrer die Errichtung einer Krankenpflege in die Hand zu nehmen, da ein großes Bedürfnis danach vorhanden sei. Um dem Versuch des sozialdemokratischen Rechners jener Kasse, seinerseits eine Krankenpflegerin in die Gemeinde zu bringen, zu begegnen, erließ er am 4.3. einen Aufruf, dem zu Folge 241 Familien sich für die Berufung einer Schwester und für einen monatlichen Beitrag erklärten. Dem zu Folge constituierte sich bereits am 9. d. Ms. „der evangelische Diakonie –
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verein“, dessen Vorsitzender der jeweilige Ortspfarrer, während dessen Stellvertreter der jeweilige Bürgermeister ist, der für den Fall, dass er nicht evangelisch ist, von einem evangelischen Mitglied des Gemeinderats vertreten wird; weitere Bestimmungen weisen die Satzungen des Vereins auf, die im Protokollbuch desselben niedergelegt sind. Zur Wohnung wurde auf Rechnung des Vereins und durch Beiträge von Freunden aus Frankfurt (328,15 + 302.93 Mark = 631.08 Mark) der südliche Teil des oberen Stockes der Schule an der Kirche eingerichtet. Da kein Diakonissenhaus in der Nähe eine Schwester abgeben konnte, wurde mit dem zu Bern verhandelt, das am 1. Oktober des Jahres Diakonisse Elise Zumstein sandte. (Für 360 Mark ?Remeureration?? an das Mutterhaus 60 Mark für Reiseinspektion und dergleichen sowie freie Station an die Schwester). Die Gemeinschaftssache stand denselben jedoch so im Vordergrund, dass sie in Entbehrung derselben am Ort sich für zu schade hierselbst erachtete und erst die letzten 14 Tage allerdings in einer solchen aufgeregten Zuversicht sich hier am Platze hielt, dass sie am 14.2.04 tobsüchtig wurde und am folgenden Tag nach der städtischen Irrenanstalt gebracht werden musste. Nachdem von Bern gekündigt worden ist, ist eine Schwester des Bertha-Vereins zu Frankfurt namens Minna Weil am 16.4.04 in die Arbeit eingetreten, da eine Diakonisse nicht zu haben ist. Der monatliche Beitrag wird durch Konfirmandinnen erhoben. 03 Beitritt des Frauen-Diakonie-Vereins zur Frauenhilfe des evangelischen kirchlichen Hilfsvereins. Anerkennung davon ist das von der Kaiserin gestiftete, eingerahmte Diplom der Kleinkinderschule.

< Verlegung der Kleinkinderschule und Wechsel der Schwester >

Die Kleinkinderschule zog am 18.4.02 in die für 300 Mark gemietete alte Schule bei der Kirche ein, in deren oberem Stockwerk die Gemeinde 2 Zimmer nach der Weinstraße hatte herrichten lassen. Die Mitgliederzahl des Frauenvereins war inzwischen wieder etwas gestiegen, dessen Eifer und Einnahme durch den bereits in der alten Schule am 29. Januar 1902 abgehaltenen Caféabend gestärkt wurde. Mit den folgenden Jahren wurde dieser Abend gemeinsam mit
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dem Diakonieverein abgehalten 03 am 12. Februar und 04 am 10. Februar, beides Mal im neuen Saal der Witwe Wirtin Reitz; die Ansprache hielt das 1. Mal der Gefängnispfarrer Andreas Götze von hier, seit dem 1.4.02 angestellt, das andere Mal der Vereinsgeistliche Georgi von Frankfurt. 02 fand das Jahresfest Sonntag Rogate am 4. 5. statt. Pfarrer Werner Döringheim hielt die Festpredigt, die Nachfeier musste Regens wegen in der Kirche stattfinden. Sonntag exaudi, den 24.5. Hierbei predigte vorgenannter Amtsbruder Georgi und sang der Berger Kirchenchor, der auch die Nachfeier auf dem Kirchplatz durch Gesangsvorträge verschönte.

Die Kinderschwester Kath. Behr, die in und für ihre Schule sehr rührig war, wurde durch ihre Abhängigkeit (32 Mark für Haushalt und Kleidung und weitere private Bedürfnisse) von der Mildtätigkeit anderer zumal bei ihren öfteren Erkrankungen, so sehr in die Parteinahme für einige Familien hineingezogen, dass zumal mit der Anstellung der Diakonieschwester, die gleich energischen Charakters war, ihre Abberufung sich als nötig erwies. Als der Pfarrer während des Aufenthalts der Schwester zur Erholung in der Heimat, das Mutterhaus zu Nonnenweiher darum bat, teilte dasselbe mit, dass es von sich aus die Abberufung für kommende Ostern bereits geplant habe, ließ aber zu, dass die Schwester am 5.12.02 zurückkehrte um zu packen. Erst sieben Tage später reiste sie ab, um alle weitere Ferien, das letzte Mal Weihnachten 03, zum Schaden der Kleinkinderschule und des Frauenvereins, zu ihren Freundinnen zurück zu kehren.

Ihre Nachfolgerin ward Martha Schatz gebürtig aus Elberfeld aus demselben Mutterhaus, vom 1. Oktober 02 in Vertretung, vom 1. Dezember desselben Jahres definitiv angestellt. Sie erhielt ab 1.4.04 40 Mark pro Monat und hat durch ihr ernstes zurückhaltendes Wesen die unerquickliche Situation, die sie vorfand, ziemlich geglättet. Da sie gesundheitshalber den Lehrberuf aufgeben musste um vom Berner Mutterhause als Diakonisse aufgenommen und nach ¼ jähriger Vorbereitung als selbst-
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ständige Gemeindeschwester in einer Tochtergemeinde angestellt zu werden, so ist nach 14-tägiger weiterer Aushilfe Marie Zepter aus Salchendorf bei Siegen, geboren 24.1. 82, ebenfalls aus Nonnenweiher, gesandt, an ihre Stelle getreten. (den 17. Oktober 03). Der Vorstand der Kleinkinderschule ist das kleine Presbyterium (siehe Protokoll des Presbyteriums vom 19.1.02).

< Einrichtung des Kindergottesdienstes >

Um die unteren Jahrgänge der Volksschule vom Besuch des Predigtgottesdienstes zu entbinden und ihnen einen ihrem Verständnis entsprechenden Gottesdienst zu bieten, wurde ein Kindergottesdienst mit Gruppen eingerichtet und am 15. Juni 1902 begonnen; derselbe schließt sich an den Morgengottesdienst an; die Kinder der ersten fünf Jahrgänge werden zum Besuch aufgefordert; es kommen 39% von ihnen.
< Einführung einer Abendmahlsfeier am Karfreitag >

Da nur viermal (außer an den ersten großen Feiertagen zu Michaelis) bisher Gelegenheit zur Kommunion gegeben war und von Milchhändlern der Wunsch nach einer weiteren Gelegenheit um die Osterzeit ausgesprochen worden war, so wurde Karfreitag 1903 ein fünftes Abendmahl im Anschluss an den Vormittagsgottesdienst abgehalten, das fortan statt haben soll. In erster Linie kommen die Konfirmanden mit ihren Angehörigen zu demselben. Die Beichte dazu bringt einen besuchten Gründonnerstag-Abendgottesdienst – . Außer am Karfreitagnachmittag finden die übrigen Beichten (in Folge des Krieges, der es schwer machte noch abends zur Beichte zu kommen, auch nach demselben direkt nach Entlassung der übrigen Gem. an dem Abendmahl gehalten) nunmehr stets abends 8.00 Uhr statt. Der Abendmahlsbesuch beträgt immer noch 39,3 % der Gemeinde, während 13,5 % durchschnittlich derselben an den gewöhnlichen Sonntagen die Kirche besuchen, welcher Prozentsatz sich auf 16,5 % erhöht für jeden Sonn- und Feiertag unter Zurechnung des außergewöhnlichen Besuches derselben an den Feiertagen. Aus dem Besuch der Katechismuslehre ist zu berichten, dass 36% der verpflichteten Jünglinge und 50% der betreffenden Jungfrauen im Durchschnitt sich dazu einfinden. Die Seelenzahl der Gemeinde selbst beträgt nach den Hauslisten 03 =
1.543 Personen, während die katholische Gemeinde 347 Seelen zählt, Mischehen sind derzeit 67; in 54 mit Kindern 76 % ev.
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Kindererziehung.

< Einführung von Kirchenkonzerten >

Um den Sinn für religiöse und kirchliche Musik und damit auch die Wertschätzung der Kirche zu heben, mit dem Nebenzweck für die Kleinkinderschule und die Krankenpflege einen Beitrag zu erzielen, werden seit Dezember 02 Kirchenkonzerte von Zeit zu Zeit veranstaltet mit Hilfe hiesiger und Frankfurter Musikfreunde unter Mitwirkung der Schüler der obersten Klasse, die auch an den Festtagen (auch bei den lithurgischen Andachten am 1. Christfeiertagsabend, Silversterabend und Karfreitagnachmittag) mehrstimmige Chöre und Motetten singen. Das erste Konzert fand statt am 14. Dezember 02, ein anderes am 29.3.03, das Dritte am 13.3.04, dabei die neue Orgel zur Geltung kam.

< Beschaffung einer neuen Orgel >

Diese war bereits am 2. Advent dem 6. Dezember 03 eingeweiht und in Gebrauch genommen worden. Die im Jahre 1857 vom Vater des Erbauers der neuen Orgel gelieferte Orgel war nicht gut ausgefallen. Das Oberwerk besaß zuwenig Grundton, viele Tasten versagten bei einzelnen Registern vollständig, die alten schwerfälligen Kastenbälge, arbeiteten so unruhig und laut, dass das Orgelspiel für jeden, der sich nicht an die Störung gewöhnt hatte, die Andacht unmöglich machte. Da kein Orgelbauer für die Orgel nach einer Reparatur Garantie übernehmen wollte und Wilhelm Ratzmann, Gelnhausen für 3 000 Mark excl. Übernahme des zu 300 Mark veranschlagten Materials der alten Orgel, die im ganzen 16 tönende Register hatte, eine neue Orgel zu liefern versprach, die mit 10 klingenden Registern, zwei Manualen, einem Pedal, fünf Koppelungen und zwei Kombinations-druck…… mit Auslöser – gebaut nach pneumatischem System-, die stark genug sei für die Größe der Kirche, so wurde solches Werk ihm in Auftrag gegeben. Dieselbe ist sehr gut ausgefallen, ist auch eine Zierde der Kirche und lässt den Nordfenstern mehr Raum für unser Gotteshaus. Eine dafür in hiesiger Gemeinde veranstaltete Hauscollekte ergab 454,40 Mark,
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von der Weihnachtscollekte 03 wies das Consistorium 500 Mark der Gemeinde zu. 1 000 Mark wurden von dem Kirchenkapital genommen und 800 Mark bei der Landeskirchenkasse aufgenommen.

< Bildung eines Kirchenchors >

Um die gelegentliche, am Sonntag Rogate ( 8.Mai 05) stattfindende Generalvisitation der Klasse zu feiern und den Festgottesdienst zu verschönen, traten auf Veranlassung des Pfarrers, Männer, Frauen und Jungfrauen zu einem gemischten Chor zusammen, der von diesem eingeübt im Hauptgottesdienst und auf dem Gemeindeabend (Wirtschaft Kullmann) eodem die verschiedenen Choräle sang. Auch beim Diözesan-Missionsfest (äußere Mission) am 17. August jeden Jahres wirkte der Chor im Nachmittaggottesdienst und bei der Nachfeier auf dem Kirchhof mit. Doch erlosch darauf bei den Männern der Eifer, aus Mangel an kirchlichem Sinn und in Folge von indirekter Gegenagitation, die den Pfarrer hierzu Einfluss in der Gemeinde nicht kommen lassen will.

Auf Anregung der Jahresfeier der Hessen-Kasselschen Kirchenchöre zu Hanau Jubilate 06 rief der Pfarrer die noch gesangswilligen Frauen und Jungfrauen zusammen, um einen Frauenkirchenchor zu bilden. Derselbe übt wöchentlich im Pfarrhaus, sang bereits zu Pfingsten, dann bei der Kinderschul-Jahresfeier im August, gelegentlich der Kirchenvisitation durch den Superintendent Fritsch am 11. November (Gr. Doxologie von Borterinnsky), wie dann auch in der liturgischen Abendfeier am Karfreitag und auf dem Lichtbilder-Gemeindeabend am 1. Advent. Auch zur 300. Wiederkehr des Geburtstages Paul Gerhardts, geboren 12.3.1607, die in einem liturgischen Gottesdienst am 10. März 1907 gefeiert wurde.

Der Chor ist nicht groß: 8 erste, 4 zweite und 3 dritte Stimmen (hat auch schon vierstimmig gesungen) doch singt er gern und wird wohl deshalb auch Bestand haben und zu Gottes Ehre wirken. Neben der Leitung in der Kirche hat auch das Einüben des Chors im Sitzungszimmer des Pfarr-
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hauses während des Krieges die Frau des Stelleninhabers übernommen.

< Christlich-Sozialer Verein >

In Folge der 1903 auch dahier günstigen Reichstagswahl gebeten auch weiterhin den Bauern zur Seite zu stehen, rief der Pfarrer unter Beistand des Fabrikanten Wagner aus Greils am 20. September desselben Jahres einen christlich-sozialen Verein ins Leben, dem trotz dem Lärmen der eingedrungenen Sozialdemokraten sofort 45 Männer beigetreten waren. Die Monatsversammlungen waren gut besucht, 20 Exemplare „Die Arbeit“ wurden gefalten/gehalten, Pfarrer A. Götze von der Strafanstalt half treulich mit. Der Verein wurde eine Ortsgruppe der christlich-sozialen Vereinigung in Hessen und Ffm, in der unter anderem auch hier Franz Behrens, später Reichstagsmitglied, sprach. Obgleich der Verein viel Anregung hatte, ließen die bäuerlichen Mitglieder, die zu einigen Sedansfeiern im Pfarrgarten unter Mitwirkung der Schule sich einfanden, aus Scheu von öffentlicher, meist ja tumultuöser Aussprache sich nicht zum Heraustreten und Redekampf mit den Sozialdemokraten bewegen; so musste der Verein, dessen Sache allein ein Pfarrer in hiesiger Gemeinde vertreten konnte, öffentlich erlahmen und Dezember 1907 aufhören. Bei nahender bürgerlicher Eingemeindung redeten sich schließlich manche der früheren Mitglieder ein, sie verbesserten ihre Lage, wenn sie der Partei des Fortschritts, der Partei des Stadtparlaments, sich anschlössen.

< Friedhofsordnung >

Gleichzeitig wurde die kirchliche Gemeindevertretung in Sache des Friedhofs sehr in Anspruch genommen. Dieser musste nach Osten erweitert werden um etwa die Länge der alten am Pfarrgarten hinziehenden westlichen Mauer (1903). Die Gemeinde hatte das Gelände zu liefern sowie die Einfriedung und beanspruchte auch Rechts- Grab- Grabdenkmalgebühr, Sitz in der Friedhofkommission. Die Verhandlungen wurden beeinflusst durch die Mitgliedschaft von Sozialdemokraten im Gemeinderat (i.f. Protokollbuch IV Seite 161). Sie wurden weiter geführt und Ende Oktober 1907 zu Ende gebracht unter Bürgermeister H. Steuernagel, der 1904 – bis dahin Beamter an der Strafanstalt – wie sein Vorgänger, zugleich als Kirchenältester gewählt wurde. In dem dritten Entwurf der Friedhofsordnung, der genehmigt wurde, erhielt die bürgerliche Gemeinde das Recht das gleiche Grabkaufsgebühr wie die Kirchengemeinde und auch eine Gebühr von den Angehörigen der Nichtgemeindezugehörigen Verstorbenen zu erheben.

< Beteiligung der Gesangvereine bei kirchlichen Feiern >

Dem Pfarrer erschien das Mitwirken mehrerer Vereine bei einer kirchlichen Feier als ein hier nicht angebrachtes Wettsingen. Mit Zustimmung des kleinen Presbyteriums wurde den Vereinen mitgeteilt (1904), um im Winter die Feiern am Grabe nicht auszudehnen, solle stets nur ein Verein singen; wenn das Leichenbegängnis vom Trauerhaus beginne, könne dort ein zweiter Verein singen; 1906 wurde ihnen mitgeteilt, auch bei den Konfirmationen solle, nach Los nur ein Verein singen:
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Anordnungen, deren Zurücknahme ich nach einigen Jahren auf Antrag aus der Mitte der Kirchenvertretung zustimmte, da ich zu wenig zunehmendes Verständnis für meine Auffassung fand.

< Neuer Katechismus für die unierte Kirchengemeinschaft 1907 >

Der neue Katechismus der kleine Luthers und der Heidelberger mit Spruchbuch aus der heiligen Schrift für die unierte Kirchengemeinschaft des Consistorialbezirks Cassel wurde, ohne Widerspruch von Seiten der Kirchengemeinde, eingeführt.

< Schulsparkasse >

Um den Sparsinn in den Schülern anzuregen und den Eltern die Konfirmationsausgaben zu erleichtern richtete der Pfarrer als Lokalschulinspektor 1904, ab Beginn des neuen Schuljahres „die Schulsparkasse der evangelischen Schule“ ein; ihr Kontobuch und ihre Sparbücher waren auf die üblichen acht Schuljahre eingestellt. Das Spargeld wurde durch den durch die Lehrer, von 1915 an durch den Pfarrer erfolgten Verkauf von Sparkärtchen im Wert von 5, 10 und 50 Pfennig und eine Mark, eingenommen, durch den Pfarrer verbucht, bei der Landesbankstelle in Ffm. angelegt und wieder aus- bzw. zurückbezahlt. Am Ende des Schuljahres 1909 mit Beginn der bürgerlichen Eingemeindung wurden die noch offenen 162 Konti mit 6 004 Mark durch die genannte Bankstelle verbucht, verzinst und zurückgezahlt, so dass der Pfarrer nur noch die Sammel- und Vermittlungsstelle blieb. Mit März 1921 schlief die Sparkasse ein. Während ihres 17-jährigen Bestandes wurden im Ganzen über 21 000 Mark gespart. Die höchste Jahressumme, 2 355 Mark wurde 1909/10 erreicht; mit dem mit der Eingemeindung gegebenen Ende der geistlichen Lokalschulinspektion ging die Sparkasse auch ihrem Ende zu. Die vor der Konfirmation 1909 ausgezahlte Summe war 1 597 Mark.

<< Ergebnis der Volkszählung 1905 : Preungesheim =
evangelischer Confession = 1638
katholischer Confession = 368
jüdischer Confession = —
Ausschließlich Strafanstalt >>

< Gemeinschaftsstunde von Nord-Ost >

Am 1. Dezember 1908 bat Georg Hörr, Kaufmann dahier, an den drei Steinen wohnhaft, um Verwilligung des Kleinkinderschulsaals für die Gemeinschaftsstunde für die er keinen genügenden Raum mehr in seiner Wohnung habe. Obwohl die Mitwirkung des Pfarrers, der bisher im Zimmer der Kleinkinderschulschwester schon Bibelstunde hielt, nicht gewünscht war (i.f. Seite 234 Protokollbuch IV), sagte der Pfarrer nach Besprechung mit dem kleinen Presbyterium zu.

Am 17. November desselben Jahres war die Gemeindepflege endlich vom Diakonissenhauses zu Frankfurt übernommen, bzw. die Diakonisse Marg. Treis durch Pfarrer Dettmering eingeführt worden. Diese Schwester, eine ausgesprochene Gemeinschaftsfreundin arbeitete in oft zudringlicher Weise sehr viel für den Besuch der Stunde, die der Pfarrer immer besuchte, um keinen kirchlichen Zwiespalt aufkommen zu lassen.
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