Neugestaltung des Altarraumes 2013


Rückblick auf die Geschichte des Altars und überhaupt der Altäre

Der Altar, da ist er:  unser Mittelpunkt, unser Kraftzentrum, der Ort, an dem Gott und sein Evangelium fassbar und erlebbar für uns wird! Der Altar, da ist er:  der Ort, an dem wir uns, Jesus in unserer Mitte, zum Abendmahl versammeln. Da steht er: in unserem Empfinden ganz gegen den Rost und die Motten der Zeit erhaben. Alles hat seine Zeit. Nur so ein Altar scheint keine Zeit zu haben. In unserem Empfinden steht er für das ewig Gültige und über alle Zeit Erhabene. Wie grotesk mutet es uns an, dass gerade  die Altäre jene Gegenstände in unserer christlichen Kirche sind, die in der langen Geschichte unseres Glaubens am häufigsten und immer wieder Veränderung und Erneuerung erfahren haben. Vielleicht gerade ob ihrer sakralen Bedeutung?
Immer schon war auch in vorchristlicher Zeit ein Altar eine Verehrungsstätte für einen oder mehrere Gottheiten.
In vorchristlicher Zeit der Antike und bei den Juden waren Altäre Feuerstätten zur Schlachtung und Verbrennung von Opfern für Gott. Damals standen sie (bis auf wenige Hausaltäre) im Freien, sie waren oft Plattenaltare, in den Boden eingelassene oder aufgelegte Steinplatten, bei den Juden waren es Erhebungen aus Erde und später aus Stein.
Im frühen Christentum duldete man keinen Altar, weil es nach der Versöhnung mit Gott in Christus und der Vergebung aller Sünden kein Opfer und keinen Opferkult mehr geben konnte, nicht mehr geben sollte. Zu sehr tropfte von den alten Altarvorstellungen noch das Opferblut. Man feierte zwei Mal am Tage Gottesdienste ohne Altar, abends feierte man das gemeinsame Abendmahl an einem normalen, nicht sonderlich geweihten Tisch.
Im 2. und 3. Jhd feierte jedoch jene römische Messe den Siegeszug, die bis heute die gottesdienstliche Identität der katholischen Kirche prägt. Dadurch wurden erneut alttestamentarische Opferpriestervorstellungen auf den christlichen Gottesdienst übertragen, in dessen Mitte der Altardienst in der Eucharistie stand.
Ungeachtet der Opfervorstellungen:  in der allen Konfessionen gemeinsamen christlichen Kirchengeschichte ist der Altar genau keine Schlacht- und Opferstätte, sondern allein der Tisch des Herrn, der Abendmahltisch. Die ersten Altäre nach dem Muster der römischen Messe waren daher reine Tischaltäre. Im 7./8. Jhd setzte sich die Kubus- oder Blockform durch in Anlehnung an den Felsen, auf den Christus seine Kirche gebaut hat oder den Eckstein, zu dem er geworden ist.
In der Renaissance setzt sich eine Sakrophagenform durch, in die Altarplatte wurden Reliquien eingemauert.
Die Tatsache, dass all die Jahrhunderte über die katholischen Priester meist zum Altar hin sprachen (versus deum), rückte die Altäre  wachsend mehr an die Wand der Apsis. So entstanden die Hochaltäre und Choraltäre. Jetzt standen die Altäre auf einmal nicht mehr frei im Raum, sondern oft mit aufwändigen Aufbauten (Reliefs und Altarbildern) an der Wand der Aspis.
Daraus entstanden  die Flügelaltäre der Gotik und des Barock.  Der feststehende Schrein stand an der Wand und die Altaraufsätze waren kunstvoll gemalte Tafeln, Bilder und Reliefs. Eine wahre Kunstlandschaft, aber eben ein Wandaltar, um den herum sich niemand mehr versammeln konnte.
Erst Luther verwandelte wieder radikal den Blick auf den Altar, weil er sich gegen die Messopfer-Vorstellungen der mittelalterlichen Eucharistie wandte.  Er stellte die Verkündigung des Evangeliums und damit die Predigt in den Mittelpunkt. Der Pfarrer sollte nicht länger zum Altar hin, sondern zur Gemeinde hin sprechen. Der Altar steht für das Abendmahl, das an Bedeutung nicht die Predigt und Wortverkündigung übersteigt. Beim Abendmahl sollte nach Luthers Vorstellung der Pfarrer hinter dem Altar stehen und hin zur Gemeinde sprechen. Die alten Steinaltäre sollten nach Luthers Vorstellung  nach und nach durch Holztische ersetzt werden.
In der Folgezeit hatte die lutherische Kirche eine Weile lang Kanzelaltäre, die die Gleichgewichtigkeit von Altar und Kanzel bedeuten wollten. Im 19. Jhd entbrannte um Form und Stellung des Altars erneut Streit. Eine Bewegung verwarf den Kanzelaltar und forderte die freistehende Anordnung des Altars in einem offenen Altarraum, die andere Bewegung verfocht weiterhin die Einheit von Kanzel, Altar und Orgel.
Bis zu dieser Zeit lagen auf evangelischen Altären nur die Bibel und ein Kreuz.  Doch in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde der preußische Altar Vorbild. Der Altar wurde, einer neuen Verehrungsvorstellung folgend, nun mit Kerzen, Kreuz und Blumen geschmückt. Historisch hatte diese Entwicklung mit der sich im 19. Jhd vollziehenden Aneignung des kirchlichen Raums durch das Bürgertum zu tun. Man suchte nicht nur einen Raum mit Wiedererkennungswert. Man sehnte sich nach Wohlfühlkultur. Eine Spannung zwischen ortsöffentlicher und wohnstubenartiger Festlichkeit entstand, in der sich die Orientierung an der wohnstubenartigen Festlichkeit durchsetzte. Der preußische Altar ist heute noch überwiegend Gegenstand gemeindlicher Verehrung.
Modernisierer in Aufbruchstimmung stören sich zwar nicht an Blumen und Kerzen, selbst wenn sie hier und da wie nostalgischer Kitsch wirken mögen. Sie geben vornehmlich die weit verbreitete Stillosigkeit und Besinnungslosigkeit zu bedenken, mit der die Ensembles oftmals zusammengestellt werden. Sie reklamieren, dass jene nostalgische Wohlfühl-Entfremdung keinen Bezug zur religionsgeschichtlichen Funktion und den Ursprüngen des Altars mehr habe, weder zum archaischen Opfertisch, noch zum christlichen Tisch des Herrn, an dem die Gemeinschaft die befreiende Botschaft in die Hand versprochen erhält.
Auch in unserer Geschichte ist der Altar weg aus unserer Mitte an den Rand des Altarraums geraten und an eine Säule gerückt worden. Auch bei uns hat er sich in einen Ablagetisch verwandelt, an dem unmittelbar und um den herum das Abendmahl nicht stattfinden kann. Er ist nicht das Kraftzentrum, nicht der Mittelpunkt jenes Raums, um den sich die Gemeinde zur Feier des heiligen Abendmahls versammeln und hinter dem stehend der Pfarrer die Gemeinde ansprechen könnte.
Jener steinerne Tisch hat in den letzten 100 Jahren drei Mal Austausch und Wandlung erfahren müssen. Er konnte immer nur begrenzt Gegenstand gemeindlicher Verehrung und Akzeptation werden und nur zeitlich befristet einen Wiedererkennungs- und vielleicht auch Wohlfühleffekt auslösen. Fast 40  Jahre hat uns nun dieser Tisch mit seiner Sandsteinplatte begleitet. Eine enorm lange Zeit, die mehrere Generationen umfasst.  Er mag nicht mehr unserer Vorstellung von Aufbruch in eine neue Zukunft entsprechen. Doch auch der Abschied von einer erkennbar nicht mehr zukunftsträchtigen, aber doch eben liebgewordenen Lösung schmerzt.
Alles hat seine Zeit. Wir haben unsere Zeit. Ästhetische Vorstellungen haben ihre Zeit. Nur eine Kirche, die sich wandelt, bleibt als Kirche lebendig.  In dir, Gott, der du über jede Zeit und allen Raum erhaben bist und regierst von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Kirsten Wachholz