„Ich habe da mal ein paar Fragen…“

Preungesheim ist vielfältig. Daher gibt es auch viele Religions- und Glaubensgemeinschaften, die ich Ihnen gerne in dieser neuen Serie vorstellen möchte. Ich kann Ihnen versprechen, dass es interessante und persönliche Einblicke geben wird…

Diesmal habe ich ein Interview mit Herrn Pfarrer Batinic aus der katholischen Pfarrei St. Franziskus in Preungesheim geführt, zu der auch die St. Christophorusgemeinde zählt.

Das Interview wurde schriftlich geführt.

Herr Pater Anto Batinic, bitte stellen Sie sich kurz vor.

Mein Name ist Anto Batinic. Geboren bin ich 1962 in Bosnien-Herzegowina; Philosophie und Theologie habe ich in Sarajevo (Bosnien) und Zagreb (Kroatien) studiert. Seit 1981 bin ich Mitglied der bosnischen Franziskanerprovinz, und 1988 bin ich zum katholischen Priester geweiht worden. Zunächst war ich als Kirchenjournalist tätig. Von 1994 bis 2002 war ich Chefredakteur der katholischen Kirchenzeitung „Lebendige Gemeinde“ für die in Deutschland lebenden Kroaten. Der Redaktionssitz ist immer noch im ehemaligen Pfarrhaus von St. Christophorus in Frankfurt-Preungesheim, wo ich auch lange Zeit gewohnt habe.

Wie kamen Sie in die St. Christophorus-Gemeinde?

2002 wollte ich in meine Heimatprovinz nach Bosnien zurück. Der damalige Limburger Bischof Franz Kamphaus hat mich gebeten, im Bistum Limburg und in der Gemeindeseelsorge als Priester tätig zu sein. Nach einem einjährigen Pastoralpraktikum im Westerwald wurde ich von Bischof Kamphaus zum Pfarrer der Pfarreien St. Christophorus Preungesheim und Allerheiligste Dreifaltigkeit Frankfurter Berg ernannt. Diese zwei Pfarreien habe ich als Pfarrer bis zum 31.12.2014 geleitet. Am 1.1.2015 wurden sechs ehemalige selbstständige katholischen Pfarreien aus sieben Frankfurter Stadtteilen in eine neue „Großpfarrei“ oder „die Pfarrei neuen Typs“ zusammengelegt. Aus den Pfarreien Allerheiligste Dreifaltigkeit Frankfurter Berg, Herz Jesu Eckenheim, St. Albert Dornbusch, St. Christophorus Preungesheim, Sancta Familia Ginnheim und St. Josef Eschersheim ist die katholische Pfarrei St. Franziskus Frankfurt geworden. Als Franziskaner habe ich mich mit anderen dafür eingesetzt, dass die neue Pfarrei den Namen meines Ordensgründers, des heiligen Franziskus von Assisi, trägt. Dieser Name ist auch unser Programm: Ökologie, Klimaschutz, Frieden, Ökumene, Interreligiöser Dialog… Außerdem: Die Pfarrei wurde im Pontifikat des Papstes Franziskus gegründet.

Was sind Ihre Aufgaben neben den Gottesdiensten?

Die Aufgaben eines Pfarrers sind im pastoralen, liturgischen, diakonal-karitativen und Verwaltungsbereichen sehr vielfältig und umfangreich.

Ich bin mit meinem Pastoralteam für die Seelsorge der Gemeindemitglieder verantwortlich – ob es um Trauerarbeit, vereinsamte und sozial schwache Menschen oder um die Förderung christlichen Lebens in der Familie geht. Mit meinen hauptamtlichen, aber auch ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen bemühen wir uns um Gemeinschaft in der Gemeinde, begleiten die Menschen und sprechen mit ihnen über das, was sie bewegt. Zudem verkünden und deuten wir das Wort Gottes in Predigten, Katechesen, Vorbereitungen auf den Empfang der Sakramente, im Religionsunterricht, in Beratungen oder Gesprächen.

Was fällt Ihnen spontan ein, wenn Sie an die St. Christophorus-Gemeinde denken?

Ich darf eigentlich seit 5 Jahren „nur“ an die Gesamtpfarrei St. Franziskus denken. Der Kirchort oder die Gemeinde St. Christophorus ist nur ein Teil davon. Wenn ich aber an St. Christophorus bzw. an Preungesheim denke, dann denke ich an meine zweite Heimat. Den größten Teil meines Lebens habe ich gerade in Preungesheim verbracht. Zurzeit aber beschäftigt mich und unsere Gremien die Frage, ob es und wie es möglich ist, die „Schiffskirche“ St. Christophorus in Zukunft zu retten oder, wie es eine Immobilienstrategie des Bistums Limburg und der Pfarrei St. Franziskus vorgeschlagen hat, aufzugeben und einen ganz neuen modernen Andachtsraum zu bauen.

Wie viele Gemeindeglieder haben Sie? Wie ist der „strukturelle Aufbau“?

Die Pfarrei St. Franziskus Frankfurt hat circa 21.000 Gemeindemitglieder, 6 Kirchorte, 6 Kitas und ein zentrales Pfarrbüro in Eschersheim. Dort befindet sich auch die Pfarrkirche St. Josef. Die Werktags- und Sonntagsgottesdienste, inkl. Samstagsvorabendmessen, werden in allen Kirchen regelmäßig gefeiert.

Das Pastoralteam besteht zurzeit aus vier Priestern und sieben aktiven pastoralen Mitarbeiter*innen. Um die Verwaltung der Kitas kümmert sich eine Kitakoordination und um die Verwaltung der Kirchengemeinde eine Verwaltungsleitung.

Die Pfarrei hat auch synodalen Gremien: ein Pfarrgemeinderat (Seelsorge), ein Verwaltungsrat, 6 Kirchortsausschüsse und 7 Sachausschüsse.

Gibt es Kontakte / Verbindungen zu Nachbargemeinden oder anderen Religionsgemeinschaften?

Noch aus den Zeiten der „kleinen“ Pfarreien sind gute Kontakte mit anderen christlichen und zum Teil anderen Religionsgemeinschaften aufrechterhalten. In der „Großpfarrei“ werden sie aber auf mehreren Ebenen geführt. Es gibt regelmäßige Treffen, Gottesdienste (Weltgebetstag, Ökumen. Kirchentagsonntag, Fronleichnam, Buß- und Bettag, Reformationstag, Einschulungsgottesdienste, Aschermittwoch, Pfarrfeste, Sachausschuss Ökumene…).

Welche Gottesdienste werden gefeiert?

Hauptsächlich werden die Eucharistiefeiern werktags und sonntags gefeiert. Außerdem gibt es Wortgottesdienste, Kinder-, Familien-, Jugend- Frauen- Senioren-Gottesdienste, Erstkommunion- und Firmgottesdienste, Taufen, Trauungen, Trauerfeiern, Kreuzweg-, Rosenkranz, Mai-, Advents- Andachten… Der Ablauf entspricht grundsätzlich den katholischen liturgischen Vorgaben – mit „freien Elementen“, Musik und Gesang.

Was sind für Sie persönlich die wichtigsten Gottesdienste und warum?

Prinzipiell ist jeder Gottesdienst wichtig. Für einen katholischen Priester und generell für einen katholischen Christ ist die Feier der Eucharistie und der Heiligen drei Tage (Triduum Sacrum, der Zeitraum von Gründonnerstag bis Ostern) der Höhepunkt der christlichen Liturgie und des christlichen Lebens. Neben ganz „großen“ Feiern, wie Weihnachten, Ostern, Erstkommunion und Firmung finde ich persönlich auch ganz „kleine“ Gottesdienste schön, wie Taufen, Trauungen, Zeltlagermesse… Sehr interessant und spannend sind natürlich auch verschiedene ökumenische Gottesdienste.

Wie sieht das Gemeindeleben aus (Gruppen, Kreise etc.)?

Wir haben ein reges Gemeindeleben: Kinder- und Kindergarten-Aktivitäten, Messdiener, Jugend, Lektoren und Kommunionhelfer, Senioren, Frauengruppen, Eine-Welt-Gruppe, Festausschüsse, Ökologische Umkehr, Musikgruppen, zwei Kleiderkammern, Legio Mariae, Soziale Kontakte, Ökumenische Aktionen…

Aber in Zukunft erwarte ich auch ganz innovative und zukunftsorientierte Aktionen.

Was ist besonders positiv in der Gemeinde hervorzuheben?

Auf eine Gemeinde darf man nicht nur „positiv“ oder „negativ“, „schwarz“ oder „weiß“ blicken. Die Gemeinde ist groß, vielfältig und bunt in jeder Hinsicht. So viele und verschiedene Blumen gibt es in Gottes Garten. Die Offenheit der Gemeinde würde ich als total positiv bezeichnen. Alle sind willkommen. Wir haben wunderbare Beispiele der Integration der muttersprachlichen („ausländischen“) Gläubigen in der Ortsgemeinde. In unserer Pfarrei sind drei ausländischen Priester tätig. Ganz toll ist natürlich die ökumenische Offenheit und Zusammenarbeit, die in der Basis eigentlich keine Grenzen kennt.

Wo sehen Sie in der Gemeinde noch Verbesserungsbedarf?

In so einer Großpfarrei ist es nicht immer einfach, alle anzuhören und mitnehmen. Es fehlt die ehemalige Nähe vor Ort. Die Kommunikation und die Partizipation sollen auf jeden Fall verbessert und ausgebaut werden. Eine Gemeinde soll natürlich die Tradition beachten, aber sie muss in der Gegenwart und immer zukunftsorientiert leben. Wir brauchen unbedingt lebendige und dynamische Konzepte, mehr Kreativität und Attraktivität in unseren Gottesdiensten und anderen Gemeindeaktivitäten und natürlich noch mehr ehrenamtliche Mitverantwortung und Beteiligung. 

Stichwort: Sinkende Mitgliederzahlen – Welche Ideen haben Sie, Jung und Alt wieder mehr für Kirche zu begeistern? Was müsste passieren?

Unsere Statistik für das vergangene Jahr 2020 ist, wie das Jahr selbst, unglücklich. Zu viele Austritte, zu viele Sterbefälle, zu wenig Taufen und kaum Trauungen. Die Stadt Frankfurt zieht dennoch die Menschen an. Unter denen sind auch etliche neuzugezogene Katholiken, die damit unsere Statistik wieder besser aussehen lassen. Nun aber müsste man diese Menschen erreichen, was auf keinem Fall einfach ist. „Jung und Alt für die Kirche zu begeistern“ ist heutzutage kaum möglich. Es ist zwar eine Floskel, aber es muss immer wieder gesagt werden, dass die Kirche in einer tiefen Krise steckt. Meiner Meinung nach aber steckt in der Krise auch der christliche Glaube. Wir haben die wunderbare Botschaft, das Evangelium Jesu Christi; wir haben tiefe christliche Spiritualität und Mystik, aber es fehlt offenbar die Begeisterung der Menschen. Wir haben leider die ganzen Generationen verloren, besonders die Jugendlichen. Ohne dringenden und tiefergehende Reformen wird es in Zukunft nicht gut gehen. Das zeigt bereits unsere Gegenwart.

Stichwort: Ausblick – Wie stellen Sie sich die Zukunft der Gemeinde in den nächsten Jahren vor (gerade auch im Hinblick auf die drohende Schließung der Kirche)?

Mein Ausblick bezieht sich auf die Gesamtpfarrei St. Franziskus und nicht nur auf einen Kirchort (St. Christophorus). Die Verantwortlichen im Bistum und in der Pfarrei müssen pastoral und wirtschaftlich langfristig planen. Dabei sind Verluste und Enttäuschungen unvermeidbar, aber man darf nicht vergessen, dass sie auch mehr Chancen für die neuen und kreativen Prozesse und Aktivitäten bieten. Der Vorschlag zur Immobilienstrategie der Pfarrei ist noch immer in der Diskussion. Viele Menschen in Preungesheim sind mit diesem Vorschlag unzufrieden und lehnen ihn ab. Mittlerweile gibt es auch konkrete Initiativen zur Rettung der Kirche St. Christophorus. Das Ergebnis ist also immer noch offen.

Ich bedanke mich ganz herzlich bei Herrn Pater Anto Batinic für interessante Einblicke in die katholische Nachbargemeinde und seine offenen Worte.

Lutz-Stefan Litzenbauer