„Ich habe da mal ein paar Fragen…“

Preungesheim ist vielfältig. Daher gibt es auch viele Religions- und Glaubensgemeinschaften, die ich Ihnen gerne in dieser neuen Serie vorstellen möchte. Ich kann Ihnen versprechen, dass es interessante und persönliche Einblicke geben wird…

Für diese Folge habe ich mich mit Frau Pfarrerin Meike Sohrmann aus der Evangelischen Festeburggemeinde – unserer Schwestergemeinde – getroffen.

Pfrin. Meike Sohrmann

Frau Pfarrerin Sohrmann ist gebürtige Frankfurterin aus Bornheim, wo sie nun auch wieder ihren Wohnsitz hat und die familiären Bindungen vorhanden sind. Sie ist verheiratet und hat 2 jüngere Kinder. In ihrer Freizeit spielt sie gerne Prellball (eine hessische Ballsportart). 

Nach Ihrer Ordination im Jahr 2015 hatte sie ihre erste Vollzeit-Pfarrstelle in Mörfelden, die sie sehr geprägt hat durch die Verantwortung und die Gestaltungsmöglichkeiten, wie sie selbst sagt.

Ca. ein Jahr verbrachte sie auch in der Gefängnisseelsorge (Spezialvikariat), – hauptsächlich in der JVA Preungesheim, aber auch in der JVA Butzbach.

Die Gefängnisseelsorge ist ja mit Sicherheit etwas Besonderes, da sie mit der „klassischen Gemeindearbeit“ nichts zu tun hat.

Predigen in einer Justizvollzugsanstalt ist etwas „Existentielles“. Besonders intensiv habe ich dort Gottesdienste zu Ostern und Weihnachten erlebt. Das ist eine Situation, in der niemand gerne dort ist. Worte wie „Freiheit“ und „Grenzen sprengen“ haben hier eine ganz besondere Bedeutung. Diese Worte haben hinter Gefängnismauern ganz klar eine ganz andere Bedeutung. Diese Gottesdienste haben mich vom Inhaltlichen immer mitgenommen und auch herausgefordert. Andersherum stellt man jedoch fest, dass es auch im Gefängnis einen „Alltag“ gibt und dort „Menschen wie Du und ich“ leben, – auch wenn sie andere Lebensgeschichten haben. Manchmal entdeckt man sogarParallelen, weil deren Probleme dort auch die von uns „draußen“ sind – Stichwort Familienfragen usw.“

Warum haben Sie sich für die Festeburggemeinde entschieden?

„Ich hatte von Anfang das Gefühl, dass die Ausschreibung sehr gut passt. Im Profil wurde besonders der Ausbau der Kinder- und Jugendarbeit hervorgehoben. Das sind meine Wurzeln; da komme ich her, da ich über einen langen Zeitraum im Evangelischen Jugendwerk aktiv war. Das hat mich geprägt und begeistert. 

Außerdem war mir durch Herrn Pfarrer Krieg bekannt, dass die Pfarrgemeinden im Pfarrbezirk gut vernetzt sind. Dies ist mir ebenfalls wichtig.“

Was sind Ihre Aufgaben neben der seelsorgerischen Tätigkeit und dem Halten von Gottesdiensten in der Gemeinde?

„Im Moment ist es leider eher das „Organisieren von Corona“ (Pfarrerin Sohrmann lacht) „Gefühlt plant man jeden Gottesdienst drei Mal: einmal ganz „normal“, dann eine Alternative und ggf. dann noch eine kurzfristige Um-Entscheidung anlehnend an die aktuelle Situation. 

Daneben bin ich Teil des Kirchenvorstands, in dem wir uns unter anderem mit den Themen Gebäude, Verwaltung, Personal etc. befassen.“

Was geht Ihnen spontan durch den Kopf, wenn Sie an die Festeburggemeinde denken?

„Das ist für mich unser Kirchraum! Zum einen aufgrund der damit verbundenen Verwaltung und dem Organisatorischen. 

Hauptsächlich schätze ich diesen aber, weil er sakral und bodenständig zugleich ist (im Gegenzug dazu strahlt die Kreuzkirche für mich eine lange Geschichte aus). Da mich die gesamte Atmosphäre unseres Kirchraumes fasziniert, besuche ich diesen auch jeden Tag zu allererst! Auch wenn die Gemälde zum Teil kontrovers diskutiert werden, haben auch sie ihre Faszination. Man/Frau muss auch nicht alle Bilder harmonisch finden – es handelt sich schließlich um den Kreuzweg Jesu. Daher gehört eine gewisse „Provokation“ einfach dazu.“

Übrigens war auch schon mehrmals das ZDF mit Fernsehgottesdiensten zu Gast in der Festeburgkirche. Aufgrund der räumlichen und klanglichen Gegebenheiten ist die Festeburgkirche ideal geeignet. Sogar ein Gottesdienst, der ursprünglich in der Dresdner Frauenkirche gehalten werden sollte, fand dann in der Festeburgkirche statt.

Wie viele Gemeindeglieder hat die Festeburggemeinde? Wie ist der „strukturelle Aufbau“?

Die Festeburggemeinde hat ca. 1.000 Gemeindeglieder.

Der aktuelle Kirchenvorstand besteht aus 7 Mitgliedern. Für den neu zu wählenden Kirchenvorstand gibt es derzeit 6 Kandidaten.

Es gibt zahlreiche Gruppen in der Festeburggemeinde: den Freundeskreis für geistliche Musik (Unterstützer der Festeburgkonzerte), den Förderverein Festeburgkirche, Seniorenkreis, Gesprächskreis „Reden über Gott und die Welt“, Kinderchor, Posaunenchor, „Aktive Senioren“ (diegemeinsame Ausflüge planen und durchführen) und der Besuchsdienstkreis, der Senioren an ihren Geburtstagen zuhause besucht.

Gibt es Kontakte/Verbindungen zu Nachbargemeinden?

Neben der Ev. Kreuz-, Bethanien- und Michaelisgemeinde, gibt es Kontakte zur Schwedischen Gemeinde sowie zu anderen christlichen Gruppen wie dem Verein New Life Christian Fellowship (NLCF) und den „Frankfurter Bibelfreunden“., die auch unsere Räumlichkeiten nutzen.

Wünschenswert ist auch eine engere Verzahnung mit der katholischen St. Christophorus-Gemeinde bzw. St. Franziskus.

Hier könnten über „Glaubensgrenzen“ hinweg z. B. Familiengottesdienste gemeinsam gefeiert werden – gerade auch im Hinblick auf die Vernetzung vor Ort.“

Wie bereiten Sie sich auf die Gottesdienste vor?

Idealerweise beginne ich damit, den Predigttext zu studieren, damit er „bei mir ist“. Natürlich verknüpft sich dieser dann auch automatisch mit aktuellen Themen und meinen persönlichen Erfahrungen. Hier kann sich durchaus auch meine Sichtweise verändern.

Gerade in diesen Corona-Zeiten liest sich ein Text (beispielsweise im Johannes-Evangelium, wenn Jesus Wasser zu Wein werden lässt und ein großes Fest in Gemeinschaft feiert) völlig anders, da ja Feiern wegen Corona im Moment gar nicht möglich sind.

Oder die biblische Geschichte von Sarah, die erfährt, dass sie noch in einem hohen Alter ein Kind gebären wird. Die beiden Überbringer der göttlichen Botschaft wenden ihr den Rücken zu. Das ist ein eindrückliches Bild für mich und ich frage mich: Wie steht Gott derzeit zu mir? Wo ist er

denn jetzt? – und Ja, da empfinde ich auch manchmal, dass er mir den Rücken zugekehrt hat. Ich kann ihn dann nicht sehen…Aber das heißt einfach nur, dass sich in verschiedenen Lebensphasen Gott von verschiedenen Seiten zeigt. Und Glaube ist ja auch immer etwas höchst Persönliches für jeden Einzelnen von uns! Die Frage bleibt: Wie zeigt sich Gott konkret in meinem Leben?

Was sind für Sie die wichtigsten Gottesdienste und warum?

„Das finde ich eine ganz schwierige Frage, da ich dies nicht in eine Jahreszeit packen kann oder an einem Gottesdienst speziell festmachen kann…

Gottesdienste mit der „Kerngemeinde“ sind genau so schön wie Familiengottesdienste die dann auch ihre Vielfältigkeit entfalten.

Besonders schön ist es, wenn das Gottesdienst-Team gut zusammenarbeitet. Das betrifft die Verantwortlichen der Technik, den Organisten, die Küster bis hin zur Gemeinde, die sich als selbständige Gemeinde versteht.

Was ist besonders positiv in der Gemeinde hervorzuheben? Wo sehen Sie noch Verbesserungsbedarf?

Das ist für mich das eben erwähnte Gottesdienst-Team! Wir feiern hier immer GEMEINSAM Gottesdienst! Und darauf kommt es an.

Natürlich ist auch das starke musikalische Engagement in der Festeburgkirche hervorzuheben.

Potential gibt es noch in der Kinder- und Jugendarbeit.“

Mal eine kritische Frage: Was müsste passieren, um wieder mehr Menschen für die Kirche zu begeistern (Stichwort: sinkende Mitgliederzahlen gerade bei den jungen Menschen)? Wie stehen Sie zu den Einsparungen der EKHN? Was wünschen Sie sich?

Was mir persönlich fehlt, ist die Vision unserer Landeskirche! Momentan wird hier noch zu stark auf den Verlust von Gemeindegliedern geschaut und auf Einsparungen, die in meinen Augen auch ihre Berechtigung haben.

Zwischen den Gemeinden selbst gibt es bereits Kooperationen und Vernetzungen (z. B. in unserem Dekanat). Hier wird bereits eine Neustruktur gegründet, die Antworten geben könnte auf die Fragen: Wie wollen wir in 10 Jahren Gottesdienste feiern? Wie soll die evangelische Kirche nach außen hin wahrgenommen werden?

Wahr ist tatsächlich, dass die evangelische Kirche an gesellschaftlicher Bedeutung verloren hat und daher auch Einsparungen notwendig sind.

Ich wünsche mir, dass dies aber nicht nur als „Verwaltungsakt“ oder als „Verwaltung von Mangel“ verstanden wird, sondern“ auch positiv gedacht wird: Welche neuen Wege können entstehen und dann sollte Geld dort zur Verfügung stehen, wo es in der Neustruktur gebraucht wird.“

Eine letzte Frage: Wie stellen Sie sich die Zukunft unserer Gemeinde in den nächsten Jahren vor?

Die Zukunftsfrage ist: Wie wollen wir (die derzeit Aktiven und Begeisterten) Kirche sein? Was begeistert uns und was wollen wir weitergeben?

Wichtig ist und bleibt das „Über-den-Tellerrand-Schauen“ und das Zusammenwachsen.“

Ich bedanke mich bei Frau Pfarrerin Sohrmann für dasinteressante, herzliche und auch sehr persönliche Gespräch und die Zeit, die sie sich dafür genommen hat!         

Lutz-Stefan Litzenbauer