Ein (persönlicher) Rückblick auf die vergangenen Wochen

Es ist Anfang Mai, als ich diese Zeilen schreibe, und erste Lockerungen im Alltagsleben treten in Kraft. Spielplätze dürfen wieder genutzt werden, Geschäfte dürfen öffnen, und Planungen für die Wiederaufnahme der Gottesdienste in der Kreuzkirche werden gemacht. Alles unter strengen Vorgaben und Maßnahmen. Ich habe es nicht für möglich gehalten, dass ich mich einmal darüber freuen werde, dass wir Gottesdienste unter Auflagen feiern dürfen. Es ist eine herausfordernde Zeit. Und ich muss mir immer wieder bewusst machen, dass es nicht ein Zurück zur Normalität bedeutet, wenn wieder mehr Alltagsnormalität möglich ist, sondern ein Versuch, den richtigen Weg zu finden, mit dem Virus zu leben, bis ein Impfstoff gefunden ist.

Dieser Virus ist es, der einen solchen Einfluss auf unseren Alltag und auf unser Zusammenleben hat. Erst weit weg in den Nachrichten: In China ist ein neuartiger Virus aufgetaucht. Wuhan, eine Millionenstadt, von der ich zugegebenermaßen vorher noch nicht gehört hatte, wird abgeriegelt. Und ich bin noch beim Planen meines Urlaubes in der Toskana im Sommer. Die ersten Fälle in Norditalien lassen mich über eine Änderung unsere Reiseziels nachdenken. Die Bedenken werden schnell beiseite gewischt. Venetien und die Lombardei sind doch weit genung von der Toskana entfernt. Der Notstand für ganz Italien wird ausgerufen, und meine Planungen für den Sommerurlaub werden ad acta gelegt. Der Virus hat ersten Einfluss auf mein Leben. Da ist es Anfang März, und plötzlich beginnt es, dass der Virus gefühlt, Schritt für Schritt, immer mehr Einfluss nimmt.

Eine Freundin kommt aus Ischgl zurück und begibt sich sofort in Quarantäne, bis sie das Ergebnis des Tests hat. Positiv. Das hat sie sich bereits gedacht, da sie wirklich sehr krank gewesen ist. Ins Krankenhaus musste sie glücklicherweise nicht. Jetzt erwische ich mich manchmal bei dem Gedanken „Du Glückliche. Du bist erstmal immun.“

Es finden die Proben mit den Kindergartenkinder für den geplanten Familiengottesdienst am 15. März statt. In die Proben am Freitag kommen die Meldungen, dass Schulen geschlossen werden. Nur vier Tage vorher haben wir im Kirchenvorstand darüber beraten, dass Informationen zum Händewaschen in der Kita ausgehängt werden und an die Eltern verteilt werden. Zu dem Zeitpunkt war das noch ausreichend. Und nun, nur wenige Tage später, sagen wir den Familiengottesdienst ab und werden einen normalen Gottesdienst feiern. Mich erreichen die Mitteilungen von Kollegen, dass der Gottesdienst in ihrer Gemeinde komplett abgesagt ist. Was passiert hier?

Über den Krisenstab der Landeskirche bekomme ich am Samstag die Mitteilung, dass davon auszugehen ist, dass mit Beginn der neuen Woche vorerst keine Gottesdienste mehr gefeiert werden dürfen. Sollen wir den Gottesdienst am kommenden Tag in der Kreuzkirche noch feiern? Ich werde unsicher. Wir feiern Gottesdienst. Es tut mir gut, und doch ist ein Gefühl der Unsicherheit in mir zu spüren. Spätestens jetzt hat dieser Virus Einfluss ganz direkt auf mich und ist plötzlich ganz nah.

Nach und nach haben die Geschehnisse Fahrt aufgenommen, und es geht so weiter. Gottesdienste, Gruppen und Kreise in unserer Gemeinde müssen ausgesetzt werden. Für die Kita wird ein Betretungsverbot für Kinder und Eltern ausgesprochen. Nur wenige Kinder haben ein Anrecht auf Notbetreuung. Die Gemeindehäuser müssen geschlossen werden. Der Konfitreff kann nicht mehr stattfinden. Das Gemeindebüro wird für den Besucherverkehr geschlossen. Trauerfeiern können nur in ganz kleinem Rahmen direkt am Grab begangen werden. Es ist Mittwoch. Seit dem 15. März sind nur drei Tage vergangen, und es ist gefühlt alles in der Gemeinde bis auf weiteres ausgesetzt. Ich habe das Gefühl, unsere Gemeinde fast bis zum Stillstand herunterfahren zu müssen. Und mit diesem Gefühl geht es mir nicht gut.

Ich muss einen Tag durchatmen. Langsam ändert sich die Perspektive weg vom Absagen, Aussetzen, Schließen hin zum Planen und Überlegen, wie es trotzdem gehen kann…. Wie geht es, trotzdem Gottesdienst in Gemeinschaft zu feiern? Jeder für sich und doch zusammen? Wie geht es, trotzdem den Konfitreff stattfinden zu lassen? Wie geht es, trotzdem Gemeinde und Gemeinschaft zu sein unter dem Gebot des Abstandhaltens? Es finden sich Wege und Möglichkeiten, auch dank der modernen Kommunikationswege. Sitzungen und Besprechungen finden online statt. Auch der Konfitreff. Mit der Familie wird über Videotelefonie Kontakt gehalten. Wir haben alle eigene und unterschiedliche Wege gefunden, mit dieser herausfordernden Zeit umzugehen. Im Privaten wie im Beruflichen Mittel gefunden, unsere Begegnungen zu ermöglichen.

Telefon, Videotelefonie, Brief oder Onlinekonferenz. Und doch ist das alles kein Ersatz für eine kurze Begegnung Angesicht zu Angesicht, für eine Besprechung um einen gemeinsamen Tisch, für die Feier des Gottesdienstes in Gemeinschaft in der Kirche.

Ich habe in den vergangene Wochen vieles vermisst an menschlichen Begegnungen und Geselligkeit. Ich habe jedoch vieles wieder schätzen gelernt, was ich als selbstverständlich angesehen habe und mir zur Zeit nicht möglich ist. Ein Besuch bei den Eltern und Schwiegereltern, eben mal ein Eis essen gehen, einen Espresso im Café in der Sonne zu genießen. Noch vieles könnte ich hier aufzählen.

Ich freue mich auf die Zeit, wenn dies alles wieder möglich ist.

Benjamin Krieg