Abschied von Altar und Kreuz

027 Altar und Kreuz Verabschiedung 14_07_2013Wie jede Blüte welkt und jede Jugend dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe, blüht jede Weisheit auch und jede Tugend zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern. Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe bereit zum Abschied sein und Neubeginne, um sich in Tapferkeit und ohne Trauern in andre, neue Bindungen zu geben. Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne! Wir alle kennen Hermann Hesses „Stufen“- emotional fallen uns Veränderungen und die vielen Schwellen im Leben dennoch schwer.

Warum muss sich überhaupt etwas verändern? Warum sich von Vertrautem verabschieden? Vierzig Jahre hat uns dieser Altar und das Kreuz in der Gemeinde begleitet. Viele Generationen haben mit ihm schöne Gottesdienste und Feste gefeiert. Beides im Kirchraum war uns so vertraut wie unser eigenes Wohnzimmer und wir hatten es liebgewonnen, hatten uns so sehr daran gewöhnt. Warum sollten wir daran etwas verändern?

Lassen Sie uns einen Blick in die Geschichte werfen…
Der Altar als solcher steht für das ewig Gültige, das Unverrückbare. Er steht für den Bund mit Gott! Und doch ist es gerade der Altar, der immer wieder im Zeichen des Wandels steht. Immer wieder unterlagen Altäre dem Zeitgeist, unterschiedlichen theologischen Orientierungen, verschiedenen ästhetischen Vorstellungen der Zeit.

Auch das scheinbar Unverrückbare hat also seine Zeit…
Unsere Gemeinde erlebte und überlebte so manchen Wandel im Laufe ihrer langen Geschichte. Allein in den letzten 100 Jahren erfuhr die Kirche mehrere bauliche Veränderungen. So verabschiedete man sich Mitte der 30er Jahre von der klassischen Aufteilung Richtung Osten und stellte den Altar mittig vor die großen Fensterbilder der Lina von Schauroth. In den 90er Jahren wurden die Wandbilder an der Ostwand freigelegt, dafür musste man die Empore um die Hälfte kürzen und die Orgel wurde versetzt. Die Wiederherstellung des Dreibahnfensters und die Öffnung des Turmraumes waren eine weitere Veränderung, die dem Innenraum ein neues Gesicht gab. All diese Veränderungen waren zunächst ungewohnt, doch haben sie mit der Zeit die Herzen der Menschen erobert, haben just mit ihrer Veränderung ein Stück Kultur erhalten und Geschichte bewahrt.

Abschied von etwas Gewohntem schafft Platz für einen neuen Anfang. Sich verabschieden heißt immer auch weiterleben und die Balance zwischen Erinnerung und der Kraft zum Aufbruch zu finden.

Ein letzter Blick auf das gewohnte Bild, bevor seine Zeit zu Ende geht, bevor es unter dem durchscheinenden Stoff sich verhüllt und nur noch schemenhaft erkennbar ist. Die Gemeinde versammelt sich noch einmal um den Altar und nimmt Abschied. Eine Rose zum Abschied, eine letzte Berührung… jeder auf seine persönliche Weise. Die einen still und leise, andere lassen ihren Tränen freien Lauf. Innere Gefühle und Bilder steigen auf. Lange Zeit war der Altar und sein Kreuz Wegbegleiter in schönen und traurigen Momenten des Lebens gewesen.

Ja Abschied ist ein bisschen wie Sterben…
Doch Abschied heißt auch, sich ganz bewusst von etwas zu trennen, loszulassen und sich auf etwas Neues einzulassen. Wir wisssen noch nicht, wie das Neue wird… Wie wird es aussehen? Wie wird es sich anfühlen? Noch stehen diese Fragen offen im Raum, doch eines ist gewiss: Nur eine Kirche, die sich wandelt und mit der Zeit geht, wird eine Zukunft haben.

Impressionen aus dem Gottesdienst